Olympische Sommerspiele Tokio 2021 in der Pandemie – ist das möglich?

Die Olympischen Ringe vor dem Nationalstadion in Tokio: Licht am Ende des Tunnels? Foto: dpa

Ein halbes Jahr vor den Olympischen Spielen in Japan mehren sich die Zweifel an dem Megaereignis. Wir sondieren die Lage – politisch, sportlich, organisatorisch.

Tokio/Stuttgart - Genau in sechs Monaten, am 23. Juli, soll in der japanischen Hauptstadt die Eröffnungsfeier der Olympischen Sommerspiele stattfinden. Die Frage ist nur, ob die Corona-Lage das zulässt.

 

DIE POLITIK: Das Virus breitet sich aus, die Skepsis auch

Die Menschen in Japan sind dafür bekannt, eher die leisen Töne anzuschlagen. Umso bemerkenswerter ist, dass nun doch Kritik laut wird an den Olympia-Plänen. Bei einer landesweiten Telefonumfrage der Nachrichtenagentur Kyodo sprachen sich ein halbes Jahr vor der Eröffnungsfeier knapp über 80 Prozent der Befragten für eine Absage (35,3) oder eine erneute Verschiebung (44,8) der Sommerspiele aus. Eine Stimme erhalten die Zweifler durch Taro Kono. Der Minister für Verwaltung ist das erste Regierungsmitglied, das angesichts der steigenden Corona-Infektionen im Land (die Region Tokio und zehn weitere Präfekturen sind derzeit Notstandsgebiet) seine Skepsis äußerte. „Wir müssen im Moment das Beste geben, um uns auf die Spiele vorzubereiten“, meinte er, „aber alles ist möglich. Es kann in beide Richtungen gehen.“

Mag sein, dass hinter der Äußerung von Kono, dem Ambitionen auf den Job des Ministerpräsidenten nachgesagt werden, auch das politische Kalkül steckt, aus dem Stimmungsumschwung Kapital für sich selbst zu schlagen. Doch zugleich mehren sich auch außerhalb Japans und des Internationalen Olympischen Komitees (IOC) die Ratschläge, doch endlich der Realität ins Auge zu blicken. „Wenn ich mir die Corona-Pandemie auf der ganzen Welt anschaue, dann halte ich eine Austragung der Spiele für sehr unwahrscheinlich“, sagte Sir Keith Mills, der OK-Vize von London 2012, „wenn ich im Organisationskomitee von Tokio wäre, würde ich jetzt Pläne für eine Absage machen, und ich bin mir sicher, dass dies auch schon getan wird.“ Wenn, dann wird es geleugnet.

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Der japanische Ministerpräsident Yoshihide Suga hat zuletzt im Parlament bekräftigt, das wegen der Corona-Krise um ein Jahr auf 2021 (23. Juli bis 8. August) verlegte Großereignis unbedingt durchziehen zu wollen. „Im Sommer werden die Olympischen Spiele stattfinden, die die Einheit der Welt symbolisieren“, sagte er, „sie werden der Welt Hoffnung und Mut bringen.“ Ähnlich pathetisch äußerte sich Thomas Bach. „Wir können die olympische Flamme zu einem Licht am Ende des Tunnels machen“, erklärte der IOC-Boss bei seinem Besuch im November in Tokio. Und am Donnerstag bekräftigte er: „Wir haben zurzeit überhaupt keinen Grund zu glauben, dass die Olympischen Spiele nicht am 23. Juli in Tokio eröffnet werden. Es gibt keinen Plan B.“ Dies bestätigte OK-Chef Toshiro Muto: „Die Durchführung der Spiele ist unsere unerschütterliche Politik, wir diskutieren nicht über eine Absage.“

Das ist der aktuelle Stand. Ob dieser auch in zwei Monaten noch gilt? Zweifel sind erlaubt.

DIE ATHLETEN: Der olympische Traum lebt

Aufgeben? Dieses Wort existiert nicht im Vokabular von Frank Stäbler (31). Der Ringer aus Musberg hat in seiner Karriere alles gewonnen, was es zu gewinnen gibt – nur nicht Olympia-Gold. Deshalb lebt er den Traum von Tokio 2021, mit allen Konsequenzen. Nach einer Corona-Infektion im Oktober verlor er 20 Prozent seiner Leistungsfähigkeit, derzeit packt er deshalb auf sein ohnehin üppiges Trainingsprogramm täglich noch eine Stunde Atemtherapie drauf. Stäbler ist sicher, dass ihm die Luft nicht ausgehen wird. Nun hofft er darauf, dass auch die Organisatoren in Tokio im Kampf gegen das Virus einen langen Atem zeigen.

Rund 400 deutsche Athletinnen und Athleten würden in Japan starten, mehr als die Hälfte haben sich bereits qualifiziert. Einer der aussichtsreichsten Medaillenkandidaten ist Schwimmer Florian Wellbrock, Doppel-Weltmeister von 2019 über 1500 Meter Freistil im Becken und zehn Kilometer im Freiwasser. Er denkt, was mittlerweile die meisten (potenziellen) Teilnehmer denken: notfalls geht es auch in leeren Arenen. „Mein Sportlerherz will diese Spiele unbedingt. Sollten sie nur ohne Zuschauer stattfinden können, würde ich auch das auf jeden Fall befürworten“, sagt Wellbrock (23), „dass die Sportler zeigen können, wofür sie ihr ganzes Leben gekämpft und gearbeitet haben, ist und bleibt für mich immer noch der wichtigste Sinn von Olympischen Spielen.“

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Ähnlich empfindet Niklas Kaul (22). Der Zehnkampf-Weltmeister glaubt fest daran, dass er in Japan um Gold rennen, springen und werfen wird: „Im Kopf findet Olympia für mich statt. Die Spiele werden irgendwie laufen, auch wenn ich mich inzwischen mit dem Gedanken abgefunden habe, dass keine Zuschauer da sein werden. Das ist schade, aber Gesundheit geht vor.“

Genau deshalb macht sich Max Hartung (31) große Sorgen. Der Fechter und Athletensprecher fragt sich angesichts des festen Willens von Sportorganisationen und Sportlern, sich beim Impfen nicht vorzudrängen, wie denn die vielen ausstehenden Olympia-Qualifikationen in diesem Frühjahr sicher über die Bühne gebracht werden können. „Inmitten der derzeitigen Pandemie-Lage werden überall auf der Welt Wettbewerbe abgehalten, die mit Blick auf den Corona-Schutz wohl nicht mit der Effizienz und dem organisatorischen Geschick ausgerichtet werden, wie man es den Veranstaltern in Tokio zutraut“, sagte Hartung der „Funke“-Mediengruppe. „Um sich vorzubereiten oder zu qualifizieren, müssen Athleten nun reisen und das Wagnis eingehen, sich möglicherweise anzustecken.“ Sie werden es trotzdem tun. Damit der Traum von Olympia nicht stirbt.

DIE ORGANISATION: Pläne für Spiele der anderen Art

Das Coronavirus hat auch den Sport infiziert, und dennoch finden Großereignisse statt. Allerdings mit ziemlich unterschiedlichen Konzepten. Bei der Handball-WM in Ägypten war die Blase anfangs wohl auch deshalb nicht dicht zu bekommen, weil fast alle der 32 Teams sehr kurzfristig angereist sind. Vor den Australian Open muss deshalb jeder Tennisprofi, der mit dem Flugzeug kam, in eine zweiwöchige Quarantäne. Das Problem für die Macher der Olympischen Spiele 2021: Für ihre Veranstaltung existiert keine Blaupause – denn sie hat eine gänzlich andere Dimension.

11 000 Sportlerinnen und Sportler, dazu Trainer, Betreuer, Funktionäre, Helfer, Journalisten, und das alles mitten in der Millionen-Metropole Tokio – es gibt im Sport keine größere organisatorische Herausforderung. Nur die Verschiebung auf 2021 hat schon 2,3 Milliarden Euro verschlungen, insgesamt rechnen die Veranstalter mit Kosten von mindestens 12,8 Milliarden Euro, Schätzungen von Experten zufolge werden es am Ende mehr als 20 Milliarden Euro sein. Alleine die Corona-Schutzmaßnahmen werden sich auf mehr als 800 Millionen Euro summieren. Ob IOC-Präsident Thomas Bach deshalb gesagt hat, man werde „unvergessliche Spiele erleben“? Sicher ist, was Sebastian Coe, OK-Chef von London 2012 und Chef des Leichtathletik-Weltverbandes, so formuliert: „Die Spiele werden ganz anders sein.“

Das liegt vor allem daran, dass die Tribünen in Tokio weitgehend leer sein werden. Sogar das IOC scheint sich mittlerweile damit abgefunden haben, dass die Zuschauer ausgeschlossen werden müssen. „Die Sicherheit hat Vorrang“, sagt Bach, „wenn es um die Sicherheit geht, darf es kein Tabu geben.“ Das gilt auch für die Teilnehmer.

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Athleten, die sich nach ihren Wettkämpfen noch länger im Olympischen Dorf aufhalten, die Stimmung genießen und ihre Teamkollegen aus anderen Disziplinen unterstützen? Möglichst viele Teilnehmer bei Eröffnungs- und Schlussfeier? Das wird in Tokio nicht möglich sein. „Wir wollen nicht die Zahl der Sportler bei den Spielen senken“, sagt IOC-Vizepräsident John Coates, „aber wir müssen sicherstellen, dass das Olympische Dorf der sicherste Ort ist.“ Deshalb wird es dort ein ausgefeiltes medizinisches Versorgungssystem geben. Aber zugleich auch eine Aufenthaltsbeschränkung: Spätestens zwei Tage nach Ende ihrer Wettbewerbe müssen die Athleten nach Hause reisen. OK-Chef Toshiro Muto verteidigt dieses stringente Konzept: „Wenn wir das nicht gründlich planen, können wir keine sicheren Olympischen Spiele abhalten.“ Und dann gibt es nur noch eine Alternative: die Absage.

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