Olympische Spiele 2021 Skateboard – Quelle der ewigen Jugend
Die Spiele öffnen sich für Trendsport – das führt dazu, dass im Skateboard Teilnehmerinnen kaum älter als 13 Jahre alt sind. Daraus ergeben sich groteske Auswüchse.
Die Spiele öffnen sich für Trendsport – das führt dazu, dass im Skateboard Teilnehmerinnen kaum älter als 13 Jahre alt sind. Daraus ergeben sich groteske Auswüchse.
Stuttgart/Tokio - Sieben Jahre alt ist der jüngste Olympiasieger. Er gewann 1900 in Paris das Finale im Ruderzweier als Steuermann, doch eine Medaille hat er nicht bekommen. Mehr noch: Sein Name ist unbekannt, nur seine Geschichte überliefert. Der herumstehende Bub wurde von Hermanus Brockmann angeheuert, dem Steuermann des niederländischen Zweiers, der mit dem leichteren Kind an seinem Platz die Chancen des Bootes im Finale erhöhen wollte. Der Plan ging auf, die Niederländer holten Gold, Hermanus Brockmann gesellte sich im Ziel wieder zu seiner Crew, und der kleine Franzose entschwand so flugs, wie er erschienen war im Nebel der Zeit. Die Geschichte dürfte den Machern der Spiele im 21. Jahrhundert gefallen, ständig prickelnde Superlative und protziger Gigantismus sind die Gewürze, mit denen die hohen Damen und Herren des Internationalen Olympischen Komitees (IOC) gerne ihre Veranstaltung würzen. Schneller, höher, weiter – jünger.
Hätte Rayssa Leal in Tokio Gold im Skateboard gewonnen, wäre sie zur jüngsten Olympionikin der Geschichte avanciert. Sie hätte mit 13 Jahren und 116 Tagen die Wasserspringerin Marjorie Gestring aus den USA abgelöst, die 1936 in Berlin mit 13 Jahren und 269 Tagen gewonnen hatte – doch der Teenager aus Brasilien erhielt lediglich Silber. Die Skaterin wurde von Momiji Nishiya geschlagen, die Japanerin ist zwar auch erst 13 Jahre, aber dazu bereits 330 Tage alt, weshalb sie sich in der Wertung der ewigen Jugend nur auf Rang zwei wiederfindet. Geärgert hat sie das nicht. „Ich bin froh, dass ich meinen Groove gefunden habe“, sagte Momiji Nishiya, die Funa Nakayama, die mit ihren 16 Jahren schon als Altmeisterin gelten darf, auf Rang drei verdrängte. Der Sieger bei den Männern, die Bezeichnung ist in diesem Fall zutreffend, war deutlich betagter: Der Japaner Yuto Horigome hat bereits 22 Geburtstage erlebt. Die Deutschen Tyler Edtmayer (20) und Lilly Stoephasius (14) treten erst in der zweiten Skateboard-Disziplin Park am 4. August (Frauen) und 5. August (Männer) an.
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Der Skatepark am Hafen von Tokio ist ein Jungbrunnen, wer zur Generation Ü 30 zählt, dürfte sich fühlen wie ein Teenager in einer Krabbelgruppe. Um für die Jugend der Welt attraktiv zu sein, müssen hippe Sportarten ins Programm, die den Zeitgeist repräsentieren. So wurden Ski-Freestyle (1988) und Snowboard (1998) olympisch, Beachvolleyball (1996), Triathlon (2000), Surfen, Klettern und Skateboard (alle 2021) erhielten den olympischen Ritterschlag. „Skateboard ist ein sehr wichtiger Teil für die Weiterentwicklung der Spiele. Unser Ziel ist es, den Sport zu den Menschen zu bringen, nicht nur die Menschen zum Sport“, verlautbarte IOC-Sportdirektor Kit McConnell.
Wobei sich die Erhebung mancher Sportart in den Adelsstand mitunter anfühlt, als sei sie ein böser Witz. Skateboard roch nach Rampen im Hinterhof, blutigen Knien und gebrochenen Knochen; Skater wollten keine Regeln, keine Trainingszeiten, keine zugewiesenen Sportplätze. Sie hörten Punk und Hip-Hop, waren Rebellen aus einer Subkultur. Jetzt sind sie keine Außenseiter mehr, sondern zählen zum Establishment. „Skateboard bei Olympia ist einfach etwas anderes, es ist im Fernsehen, ein großartiges Event“, schwärmte Olympiasieger Yuto Horigome und schob gleich nach: „Ich skate auch weiter auf der Straße.“
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Doch Jugendkulturen bei den Spielen einzuführen, bedeutet auch, diese Sportarten dem gnadenlosen Kommerz auszuliefern. „Alles, was die Sportart Skateboard erreicht hat, hat sie aus eigener Kraft geschafft, ohne Fremdeinwirkung von Sportartikelherstellern, wie wir sie jetzt haben“, sagt Skateboarding-Bundestrainer Jürgen Horrwarth, „ich kann nachvollziehen, dass nun immer eine gewisse Angst mitschwingt, dass uns was genommen wird.“ Die Unschuld vielleicht? Sky Brown mag ein Beispiel dafür sein, das manche als „abschreckend“ bezeichnen würden. Mit elf Jahren zog sich die Britin bei einem schweren Sturz aus fünf Metern Höhe einen Schädelbruch zu und schwebte in Lebensgefahr. Einigermaßen genesen, drehte sie mit Sponsor Nike ein Video vom Krankenbett, dramaturgisch mit Musik inszeniert und professionell aufbereitet. Längst geht es ihr wieder hervorragend, vor einem Jahr präsentierte die Zwölfjährige (!) ihr Buch „Sky’s the Limit“ („Der Himmel als Grenze“), sie trainierte fleißig für die Spiele – stets unterstützt von ihren Eltern (die Mutter ist Japanerin, der Vater Brite) und selbstverständlich von Sponsor Nike. In Japan startet Sky Brown für Großbritannien, weil ihr die Einstellung des Teams gefällt. „Meine Eltern wollten erst nicht, dass ich teilnehme, weil es zu viel Druck und Wettbewerb ist. Aber im Team GB heißt es: Geht raus und habt Spaß. Ihr könnt jederzeit aufhören“, betont die nun 13-Jährige. Man darf es ihr glauben, muss es aber nicht. Am 4. August im Skateboard-Wettkampf Park geht Sky Brown aufs Brett – sollte sie gewinnen, ist sie an dem Tag 13 Jahre und 23 Tage alt. 246 Tage jünger als Marjorie Gestring es bei ihrem Olympiasieg 1936 war.