Olympische Spiele 2026 „Ich dachte: Du Rindvieh!“ – wie sich Markus Wasmeier an Bormio 1985 erinnert

Markus Wasmeier bei seinem WM-Titel in Bormio 1985 (li.) und beim Olympiasieg in Lillehammer. Foto: imago

Bei den Winterspielen in Mailand und Cortina finden die alpinen Männerrennen in Bormio statt. Dort, wo 1985 der Stern von Markus Wasmeier aufging. Der Olympiasieger erinnert sich.

Sport: Dirk Preiß (dip)

Olympia und Bormio – für Markus Wasmeier gibt es gleich zwei Elemente, die die kommenden Wochen für ihn besonders machen.

 

Herr Wasmeier, bei den Olympischen Winterspielen von Mailand und Cortina werden die Männer die Alpin-Wettbewerbe in Bormio austragen. Für Sie ein geschichtsträchtiger Ort – Sie erinnern sich vermutlich...

...an jeden einzelnen Meter und jeden Moment dieses Rennens.

1985 sind Sie dort völlig überraschend Weltmeister im Riesenslalom geworden.

Ja, es war der Wahnsinn. Schon in der Kombinationsabfahrt war es gut gelaufen, da bin ich Dritter geworden. Entsprechend bin ich mit ganz viel Selbstvertrauen in den Riesenslalom gegangen und konnte dieses Rennen so richtig genießen. Allerdings war es am Start erst einmal völlig ungewohnt.

Weshalb?

Ich war noch ein junger Kerl und bis dahin noch nicht oft vorne platziert gewesen. Ich war es also gewohnt, mit einer recht hohen Startnummer ins Rennen zu gehen. Bei der WM hatte ich dann aber die Nummer drei.

Was nicht zu Ihrem Nachteil war.

Nein, ich bin ich da runtergefahren, hatte einen Riesenvorsprung und konnte kaum glauben, was da gerade passiert. Aber dann kam die schwierigste Phase.

Die Pause zwischen den beiden Läufen.

Genau. Damals war zwischen dem ersten und dem zweiten Lauf eine sehr, sehr lange Mittagspause. Um mich abzulenken, bin ich frei Skifahren gegangen, trotzdem beginnt man irgendwann damit nachzudenken. Und ich gebe zu: Viel länger hätte die Pause nicht mehr dauern dürfen.

Trotzdem wurde es dann wild, Sie haben die Mütze verloren, die Brille ist vom Gesicht gerutscht...

Nach einer Kollision mit einer Torstange hatte ich plötzlich nur noch das Strickmuster der Mütze vor Augen – da war klar: Das Ding muss weg. Ich habe mich verflucht nach den ersten Fehlern und dachte: ‚Du Rindvieh, jetzt versemmelst du es.’ Aber dann habe ich gekämpft, zwar noch weitere Fehler eingebaut – aber am Ende noch fünf Hundertstelsekunden Vorsprung gerettet.

Zur Belohnung wurde bei der Siegerehrung dann die falsche Hymne gespielt.

Es war die der DDR. Mir als junger Bursche war das eigentlich egal. Die anderen im Team haben sich aber ziemlich darüber aufgeregt. Immerhin: Es war eine Blaskapelle vor Ort, die haben ihr Bestes gegeben, um mich doch noch mit der richtigen Hymne zu ehren. Und die Feier am Abend und in der Nacht war dann sowieso legendär.

Die wilde Titelfahrt von Markus Wasmeier in Bormio 1985. Foto: imago/Sammy Minkoff

Es wurde eine wilde Wette eingelöst.

Ein Jahr zuvor sollten die Testrennen für die WM in Bormio stattfinden. Wir sind angereist, aber es hatte viel zu wenig Schnee, auf dem Hang lag eigentlich nur Stroh. Ich habe damals zu meinem Servicemann gesagt: ‚Wenn ich Weltmeister werde, musst du einen Striptease hinlegen.’ Das war zu dem Zeitpunkt ziemlich abwegig – aber ich hatte es ein Jahr später nicht vergessen. Nach dem ersten Lauf habe ich zu ihm hinaufgefunkt: ‚Du kannst dich schon einmal warmtanzen.’ Am Abend hat er seine Wettschulden dann eingelöst. Beim letzten Kleidungsstück haben wir dann aber ‚Stopp’ geschrien.

Mit diesem Sieg war ein neuer deutscher Sportstar geboren. Kurz nach der WM saßen Sie vor einem Millionen-Publikum bei „Wetten, dass...?“ auf der Couch.

(Lacht) Zwischen Gloria von Thurn und Taxis und Gina Lollobrigida – das war vielleicht ein herrliches Erlebnis. Ich saß da als blonder Jüngling mit meinem roten Pullover zwischen den beiden – und dann macht die Gina Lollobrigida mich auch noch an, was wiederum die Fürstin auf den Plan gerufen hat. Ich glaube, ich war damals viel zu naiv, um zu kapieren, was da gerade alles abläuft. Aber: Am Ende hab ich es ja gut überstanden.

Tatsächlich hat sich Ihr Leben durch den sportlichen Erfolg aber von einem auf den anderen Tag verändert. Wie sind Sie damit umgegangen?

Am Anfang war es schwer. Die Menschen haben mich plötzlich heimlich beobachtet. Das ist im Grunde ja normal, aber mich hat das schier verrückt gemacht. Ich bin damit nicht zurechtgekommen und habe mich die ersten beiden Jahre nach Bormio regelrecht versteckt, bin lieber zuhause geblieben. Und auch sportlich hatte ich zu kämpfen, ehe ich wieder in die Spur gefunden habe.

Markus Wasmeier zwischen Gina Lollobrigida (li.) Gloria von Thurn und Taxis. Foto: imago/United Archives

1988 begann dann Ihre nächste spezielle Geschichte – die olympische. 1988 in Calgary...

...war ich der große Favorit im Super-G, hatte davor die Weltcuprennen klar dominiert. Dann aber habe ich am ersten Tor eingefädelt.

1992 in Albertville...

...gehörte ich wieder zu den Favoriten, hatte alle Trainingsläufe in der Abfahrt gewonnen – bin dann aber Vierter geworden. Das hat mir endgültig gezeigt: Leistungssport ist kein Wunschkonzert. Und wenn du auf diesem Niveau auch nur einen kleinen Fehler machst, nutzt ihn die Konkurrenz gnadenlos aus. Ich habe das akzeptiert und war dennoch auf meine Gesamtleistung in diesen Jahren stolz.

Ihren Frieden mit Olympia machten Sie dann 1994 in Lillehammer.

Ich hatte ja Glück, dass der Rhythmus der Winterspiele umgestellt wurde. Zwei Jahre nach Albertville wusste ich also: Das ist meine letzte, aber auch eine große Chance. Ich hatte in dieser Saison stets gute Ergebnisse, war bis dahin aber nie fehlerfrei geblieben. Mir war klar: Wenn ich einmal ohne Fehler da runterkomme, dann kann ich ganz vorne dabei sein. Die Abfahrt in Lillehammer habe ich nicht in den Griff bekommen, aber im Super-G, da war ich voll konzentriert und habe mich an diesem Tag auch von rein gar nichts ablenken lassen.

Große Emotionen in Lillehammer

Die Spiele von Lillehammer galten als besonders.

Und das waren sie auch. Da standen 80 000 Menschen an der Piste. Das war Emotion pur. Ich bin heute noch dankbar, dass ich ausgerechnet dort meine größten Erfolge feiern durfte.

Zuletzt fanden die Winterspiele in Sotschi, Pyeongchang und Peking statt.

Und man hat selbst am TV-Gerät gesehen, dass der Sport ohne eine Menge an Zuschauern eben nicht das bietet, was er bieten sollte: Flair, Atmosphäre, Emotionen.

Wird sich das in Italien wieder ändern?

Die Italiener generell und die Südtiroler im Speziellen sind schon ein sportbegeistertes Volk. Da wird ordentlich Stimmung an den Wettkampfstrecken sein. Dazu kommen die wunderschönen Bilder aus den Dolomiten, aus unserem Alpenraum – die Winterspiele werden definitiv wieder ein anderes Bild abgeben als zuletzt. Ich erwarte, ähnlich wie in Paris 2024, eine tolle Zuschauerresonanz – und das kann der olympischen Idee nur guttun. Eines finde ich aber wirklich schade.

Was?

Dass die alpinen Wettbewerbe der Männer und Frauen nicht an einem Ort stattfinden.

Die Männer fahren in Bormio, die Frauen in Cortina...

...was ich nicht ganz nachvollziehen kann. Denn in Cortina fand ja 2021 die WM statt, es gibt dort also Strecken für Männer und Frauen. Warum also zieht man die alpinen Wettbewerbe auseinander? Es wäre viel schöner gewesen, beides an einem Ort zu haben. Mir blutet da schon ein bisschen das Herz.

Geht es Ihnen auf, wenn Sie an die deutschen Skirennläufer denken?

Ich gebe zumindest die Hoffnung nicht auf, dass ich mal einen Nachfolger als deutscher Olympiasieger bekomme. Linus Straßer stand ja nun in Kitzbühel auf dem Podest, und auch die jungen Burschen im Riesenslalom machen einen guten Job. Hoffentlich behalten sie sich ihre Unbekümmertheit und schaffen es, mal zwei richtig starke Läufe ins Ziel zu bringen. Wie gesagt: Ich würde mich freuen, wenn wir einen neuen Helden bekommen würden. Ein solcher Protagonist geht dem alpinen Skisport in Deutschland derzeit schon ab.

Die Favoriten sind andere. Vor allem der Schweizer Marco Odermatt. Was macht ihn so stark?

Er ist ein Instinktfahrer, bei ihm wirkt alles so selbstverständlich. Er muss sich lediglich den Kurs einprägen, über alles andere muss er sich keine Gedanken machen. Wenn du so oft oben stehst wie er, gibt dir das extrem viel Sicherheit. Du kannst ans Limit gehen und weißt, dass du trotzdem nicht überreizt. Aber: Die letzten Wochen haben gezeigt, dass auch er schlagbar ist. Er hat richtig Konkurrenz bekommen. Und Großveranstaltungen haben eh immer eigene Gesetze.

Erst Unverständnis, jetzt Respekt für Lindsey Vonn

Was halten Sie denn vom Comeback von Lindsey Vonn?

Ich muss gestehen: Als ich gehört habe, dass sie mit einem künstlichen Knie ein Comeback starten möchte, habe ich gesagt, dies sei unverantwortlich und unvernünftig ohne Ende. Was zu Beginn allerdings meist nicht gesagt wurde: Lindsey hat kein künstliches Knie, sondern eine Teilprothese, einen so genannten Schlitten. Das ist eine andere Nummer.

Und jetzt?

Habe ich riesigen Respekt vor ihrer Leistung. Ich glaube, sie ist so fit wie noch nie und sie fährt heute so gut wie noch nie. Sie ist für mich eine absolute Goldfavoritin.

Gilt das auch für Emma Aicher?

Sie ist eine, die Medaillen gewinnen kann. Ihr großer Vorteil ist, dass sie Chancen in quasi allen Disziplinen hat. Das nimmt den Druck vor einzelnen Rennen. Bei ihr wird es sicher darauf ankommen, wie sie mit der Tatsache, dass sie plötzlich ständig auf ihre Favoritinnenrolle bei Olympia angesprochen wird, umgehen kann. Ich wünsche ihr, dass sie ihre Lockerheit beibehalten und alles, was die ablenken könnte, ausblenden kann.

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