Olympische Winterspiele in Peking Die (un)politischen Spiele

Während der Westen die Quarantänezeiten kürzt, zieht China die Schrauben in der Pandemie kräftig an. Foto: dpa/Song Jiaru

Peking wird als erster Austragungsort nach den Olympischen Sommerspielen nun auch die Winterspiele ausrichten. Die Großveranstaltung zeigt vor allem die großen Gräben zwischen China und dem Westen auf.

Peking - Wer die Vorbereitungen für die Olympischen Winterspiele verfolgt, der meint, einem perfekt funktionierenden Schweizer Uhrwerk zuzuschauen: Alles läuft auf Spur, nichts kann die Pläne der Organisatoren durcheinanderbringen. Auch Chinas mächtiger Staatschef Xi Jinping hat dem Großereignis seinen Segen gegeben: „Wir werden keine Mühen scheuen, der Welt großartige Spiele zu präsentieren. Die Welt richtet ihre Augen auf China, und China ist bereit“, kündigte Xi an.

 

Lesen Sie aus unserem Angebot: DOSB reist mit 148 Athleten nach Peking

Dabei wird kaum ein anderes Sportereignis der jüngeren Geschichte kontroverser debattiert als die Olympischen Winterspiele in Peking. Während sie innerhalb der eigenen Landesgrenzen als endgültige Krönung einer aufstrebenden Weltmacht zelebriert werden, geht es im internationalen Diskurs vor allem um Chinas Menschenrechtsverbrechen und einen möglichen politischen Boykott. Egal, wie man es dreht: Peking 2022 legt schonungslos die Gräben zwischen China und dem Westen offen.

Digitale Überwachung überall

Wer sich auf Spurensuche begibt, wird im Pekinger Diplomatenviertel fündig. Nachdem die Smartphones vor dem Botschaftseingang in einen Tresor weggesperrt worden sind, redet ein hochrangiger europäischer Diplomat Klartext: „Die Sommerspiele 2008 waren rückblickend ein Höhepunkt für China, auch weil sie mit vielen Hoffnungen verbunden waren. Die Winterspiele hingegen werden ein absoluter Tiefpunkt sein.“ Es habe sich die endgültige Gewissheit durchgesetzt, dass China unter Xi Jinping seinen nationalistischen Konfrontationskurs weiter fortsetzen werde.

In der Pandemie hat sich China radikal gewandelt

In der Tat hat sich China seit der Pandemie radikal gewandelt. Die geschlossenen Landesgrenzen und strengen Quarantänebestimmungen haben dazu geführt, dass in den Mega-Städten Peking und Schanghai zusammengenommen weniger Ausländer leben als im kleinen Luxemburg.

Lesen Sie aus unserem Angebot: Experten: Sicherheitslücken in Olympia-App

Gleichzeitig hat die digitale Überwachung ein Ausmaß erreicht, das für Außenstehende kaum zu begreifen ist: Vor Pekings Wohnanlagen wachen Nachbarschaftskomitees, an Hauseingängen sind Kameras mit Gesichtserkennung montiert, und selbst ein Supermarktbesuch ist nicht mehr möglich, ohne sich mit seinem Smartphone digital zu registrieren. Das Vorzeigen des „grünen Gesundheitscodes“ ist in der Pandemie essenziell für den Alltag geworden, so dass sich viele Verbrecher freiwillig bei der Polizei gestellt haben.

Die Berghänge sind karg und trocken

Doch am Austragungsort selbst scheint die politische Debatte weit weg. Die Landschaft im Wintersportort Yanqing nahe Peking ist atemberaubend schön, die Temperaturen sind sibirisch kalt, der Himmel ist blau wie aus dem Malkasten. Dennoch mag sich klassische Wintersportstimmung nicht so recht einstellen: Denn auch wenn Yanqing im Staatsfernsehen als weißes Winterwunderland porträtiert wird, liegt in der Realität weit und breit kein Naturschnee. Ganz im Gegenteil: Die Berghänge sind karg und trocken. Seit November laufen deshalb 135 Schneekanonen auf Hochtouren. Zehn Liter pro Sekunde sprühen sie in die Luft, das Wasser wird von Stauseen Hunderte Meter in die Berge hochgeleitet. Allein für die alpine Skipiste werden umgerechnet eine Million Kubikmeter benötigt.

Einer der Männer, die für die weiße Kulisse sorgen, ist Li Xin. Vor der internationalen Presse rechtfertigt er den immensen Aufwand: „Wir verursachen keine chemische Verschmutzung bei der Schneegewinnung. Sämtliches Wasser kommt aus einem Stausee, nicht von unter der Erde. Und für den Strom benutzen wir nur grüne Quellen“, sagt Li. Die Organisatoren sprechen gar von den „nachhaltigsten“ Spielen in der olympischen Geschichte. Dass die alpinen Skipisten mitten in einem Umweltschutzgebiet platziert wurden, passt da kaum ins Bild. Die Behörden reagierten mit einer typisch chinesischen Lösung: Die Grenzen des Naturschutzparks wurden um die Piste herum verschoben.

Monumentale Bauten mit viel Komfort

Und dennoch lässt sich ob der Infrastruktur nur staunen, in welch kurzer Zeit die Chinesen ganze Autobahnstrecken und Hochgeschwindigkeitszüge in die Landschaft gesetzt haben. Die Skipisten wirken, als wären sie mit Sprengstoff und Betonguss aus den Berghängen gemeißelt. Das olympische Dorf in Yanqing wurde vollständig mit einer Fußbodenheizung ausgestattet, so dass die Athleten auch beim Gang zwischen Fitnessstudio und Zimmer ihre Jacke zu Hause lassen können. Im Kontrast zur bescheidenen Bauweise im südkoreanischen Pyeongchang vor vier Jahren wirken die Anlagen in Yanqing hochmodern, geradezu monumental – aber in der menschenleeren Landschaft auch merkwürdig verloren. Es braucht wenig, um sich vorzustellen, dass die Austragungsstätten in wenigen Jahren zu regelrechten Geisterstädten mutieren.

Das absolute Superlativ stellt der „fliegende Schneedrache“ dar: Chinas erste – und mit einer Strecke von 1,6 Kilometern weltweit längste – Bobbahn der Welt. Die kurvenreiche Strecke ist vollständig überdacht und beherbergt Sitzplätze für 2000 Zuschauer, denen die Sportler quasi vor der Nase vorbeirasen. „An sich hatten wir volle Ränge geplant, aber jetzt wird unser Konzept noch ausgearbeitet“, sagt Yang Jinkai, zuständig für den Betrieb und die Infrastruktur.

Das Sicherheitskonzept ist strenger als bei den Sommerspielen in Tokio

Spätestens mit dem jüngsten Omikron-Ausbruch in Tianjin, wenige Autostunden von Peking entfernt, werden sämtliche Pläne wohl ad acta gelegt. Ohnehin ist das Corona-Sicherheitskonzept im Vergleich zu Tokio deutlich strenger: Busse bringen die Athleten von ihren Hotels zu den Sportstätten; Zäune stellen sicher, dass die Olympiateilnehmer keinen Kontakt mit der Bevölkerung aufnehmen. Zudem muss jeder von ihnen täglich einen PCR-Test machen. Und 1,50 Meter große Dienstleistungsroboter helfen dabei, den menschlichen Kontakt auf ein Minimum reduzieren.

EU ringt noch um eine gemeinsame Linie

Einen unfreiwilligen Vorgeschmack auf die strenge Null-Covid-Politik hat der deutsche Rodler Tobias Arlt im November beim Weltcup-Rennen in Yanqing erhalten. Ein fehlerhafter Coronatest wies den 34-Jährigen fälschlicherweise positiv aus. „Da ist der Krankenwagen vorgefahren, in den ich abgeführt worden bin“, erzählt Arlt später. Nach 48 Stunden und zwei negativen Testergebnissen konnte er sein Quarantänezimmer wieder verlassen. Gewöhnliche Einreisende nach China haben nicht immer so viel Glück: In mehreren Fällen haben positive Coronatests zu mehrmonatigen Zwangsaufenthalten zwischen Spital und Quarantänezimmer geführt.

Doch die Coronabestimmungen sind nur eine von vielen Herausforderungen für die Spiele. Die politische Debatte hängt wie ein drohendes Damoklesschwert über der Veranstaltung. Aufgrund der Gräuel gegen die Uiguren in Xinjiang, der Repressionen in Hongkong und der immer aggressiveren Rhetorik gegenüber Taiwan haben etliche Staaten entschieden, dass sie China auf der olympischen Bühne nicht politisch aufwerten wollen. Litauen hatte Anfang Dezember als erstes Land einen diplomatischen Boykott angekündigt, es folgten die USA, Großbritannien, Australien und Kanada. Auch Japan will keine hochrangigen politischen Vertreter nach Peking entsenden. Die EU ringt noch nach einer gemeinsamen Linie.

Weitere Themen