Fischen im Allgäu - Hans-Martin Renn zählt zu den bekanntesten Konstrukteuren von Skisprungschanzen. Der Architekt aus Fischen im Allgäu hat auch die Organisatoren der Olympischen Winterspiele in Peking beraten, bei denen ein Hang zum Gigantismus unverkennbar ist. Renn sieht vieles kritisch, sagt aber auch: „Die Chinesen sind stolz auf das, was ihr Staat leistet.“
Herr Renn, die Skisprunganlage in Peking wird wahlweise als atemberaubend, gigantisch oder total überdimensioniert bezeichnet. Was denken Sie?
Ich bin gespalten.
Warum?
Würde ich europäische Maßstäbe anlegen, müsste ich sagen: So ein Bauwerk geht nicht, das ist völlig überzogen.
Wieso der Konjunktiv?
Weil ich mir schon die Frage stelle, ob wir die Philosophie, nach der wir leben, einfach auf andere Länder übertragen dürfen.
Und?
China will sich bei diesen Olympischen Spielen präsentieren, in ein schönes Licht rücken. Das kann man gutheißen – oder nicht.
Welche Rolle haben Sie beim Bau der Schanzen gespielt?
Ich habe den Prozess von der ersten Minute an begleitet, die Profilplanung mitentwickelt, auch was die Einbettung der Anlage ins Gelände angeht. Gefordert war über einen internationalen Architektenwettbewerb von den Chinesen auch ein XXL-Modell samt Videos und umfangreicher Präsentation. An dem Wettbewerb haben sich renommierte Firmen aus vier Kontinenten beteiligt, für mein 15-Mann-Büro war das nicht zu leisten. Ich hatte aber einen Beratervertrag und saß im Preisgericht. Das war interessant.
Warum?
Die aus meiner Sicht beste Idee vereinte die Schanzenanlage, Biathlon und Langlauf mit einem gemeinsamen Erschließungsring, der die Chinesische Mauer symbolisierte. Ich war allerdings der Einzige, der für diesen Vorschlag gestimmt hat. Trotzdem wurde dieser Plan am Ende umgesetzt (lacht).
Das Schanzenbauwerk erinnert an das Ruyi-Zepter, einen chinesischen Talisman. Wie würden Sie die Anlage beschreiben?
Oben thront als Schanzenkopf ein völlig losgelöstes Bauteil. Dieses Rondell hat einen Durchmesser von 85 Metern, dort befindet sich unter anderem ein Restaurant. Darunter sind die zwei Schanzen mit eigenen Räumlichkeiten für die Athleten, der Auslauf wird im Sommer als Fußballstadion genutzt. Die ganze Anlage wird während der Winterspiele voll beleuchtet sein und das ganze Tal überstrahlen. Das ist sicher ein Bild, das in den Köpfen hängen bleibt.
Angeblich hat alles zusammen zwischen 55 und 60 Millionen Euro gekostet.
Ich kenne keine Preise. Ich kann nur sagen, dass ich eine Anlage in dieser Dimension noch nie gesehen habe – und dass es wohl die teuerste Schanze der Welt sein dürfte.
Was Skisprung-Bundestrainer Stefan Horngacher zuletzt mit den Worten kommentierte: „Ich muss es ja nicht zahlen.“ Ist die Sache so einfach?
Aus Sicht der Chinesen schon. Sie sagen: Wir haben am meisten Geld ausgegeben, um es besser zu machen als alle anderen. Ihnen ist jedes Mittel recht, um zu zeigen, was für sie möglich ist. Würden die Spiele 2022 in München stattfinden, wäre vieles anders. Das war damals ein guter Ansatz, der allerdings nicht gut kommuniziert worden ist – aus meiner Sicht war das eine vertane Chance. Leider.
Stattdessen gibt es nun Gigantismus pur in den chinesischen Bergen.
Ich kann mich an Winterspiele erinnern, bei denen die Schanzen so eingebettet waren, dass sie eher klein wirkten. Diesmal sollte die Anlage ein Symbol sein für Größe, Macht, Strahlkraft. China braucht das offenbar. Allerdings darf man eines nicht vergessen.
Was?
Die Ziele, die von den Chinesen verfolgt werden, gehen weit über das Gigaprojekt Olympische Spiele hinaus.
Erzählen Sie.
Diese Veranstaltung dient als großes Marketinginstrument. Die Regierung will die Neugier der Menschen nutzen und Zentralchina für den Inlandtourismus attraktiv machen.
Wie?
Mit Skiresorts und Bergsport im Sommer, mit Magneten wie der neuen Schanzenlage. Zudem wurde eine Schnellbahn aus zwei Landesteilen nach Zhangjiakou gebaut, komplett auf Stelzen. Mit dem Auto dauerte es früher von Peking bis nach Zhangjiakou, wo nun die Skispringer, Langläufer, Biathleten und Freestyler um Medaillen kämpfen, dreieinhalb Stunden. Der Zug benötigt für die 240 Kilometer eine Dreiviertelstunde.
Lesen Sie aus unserem Angebot: Wo werden die Winterspiele im TV übertragen?
Hat dieses Projekt Zukunft?
Das touristische Angebot ist sicherlich sehr attraktiv – und zugleich natürlich ein gutes Geschäft für die Investoren. Ich war 2016 erstmals in China, der zunehmende Wohlstand ist unübersehbar. Ich glaube schon, dass es genügend Leute gibt, die sich einen Urlaub dort leisten können.
Um welchen Preis?
Natürlich sind die Eingriffe in die Natur teilweise erheblich und vogelwild – auch in Zhangjiakou. Dort findet man zwar eher eine öde Hochebene als einen Landstrich mit üppiger Vegetation vor. Und trotzdem sind die Einschnitte gewaltig: Vor den Spielen war dort, wo jetzt die Schanzen stehen, einfach nichts.
Ein Dorf musste umgesiedelt werden.
Das stimmt. Aber auch in diesem Fall ist die Denkweise in China eine komplett andere als bei uns.
Inwiefern?
Wenn es in China einen Plan gibt, wird dieser durchgezogen. Mir wurde damals gesagt: Hier wird Skisprung stattfinden. Ich fragte, was denn aus dem Dorf werde? Die Antwort lautete: Das ist dann weg!
Wie funktioniert so etwas rechtlich?
Der Landbesitzer ist in China immer der Staat. Wer bauen oder eine Fläche bewirtschaften will, muss das Grundstück pachten. Jeder ist sich des Risikos bewusst, weshalb oft auch nur Baracken errichtet werden.
Wie erging es den Dorfbewohnern?
Mir wurde gesagt, dass sie rechtzeitig informiert worden seien und als Ausgleich zwei Jahresgehälter sowie eine andere Wohnmöglichkeit erhalten hätten. Ob die Menschen nun glücklicher sind, kann ich nicht beurteilen. Zwei Dinge aber sind klar: In China zählt das Individuum deutlich weniger als bei uns. Und trotzdem identifizieren sich die Leute mit dem Staat, sind stolz auf das, was er leistet – auch auf solche Bauwerke wie diese Schanzen.
Was erwarten Sie von den Olympischen Spielen?
Sie werden vom Coronavirus infiziert sein.
Mit welchen Folgen?
Bei diesem Thema sind die Chinesen sehr strikt. Für die Athletinnen und Athleten wird das kein Spaß, sie tun mir fast ein bisschen leid. Weshalb ich verstehen kann, dass es bei ganz vielen Leuten, die nun nach Peking gereist sind, gewaltig brodelt. Die Wettkampfstätten sind zweifelsohne sehr gut, ansonsten aber werden es schwierige Spiele.