Rund 1000 Menschen haben auf dem Marktplatz demonstriert. Foto: Lichtgut/Leif Piechowski
Eine Woche vor der Landtagswahl setzen die „Omas gegen Rechts“ ein starkes Zeichen für die Demokratie – in Stuttgart und anderen Städten. Bräuchte es auch „Omas gegen Links“?
Am Morgen ist Tina Wellstein noch in ihrem Botnanger Heimatquartier unterwegs gewesen. „Ich war geschockt, wie viel Leute dort am AfD-Stand gestanden haben“, sagt sie. Für die 72-Jährige war es der letzte Impuls, der sie auf den Stuttgarter Marktplatz getrieben hat. Dort haben sich am Samstagabend knapp 1000 Omas, Opas und solche, die es werden wollen, versammelt, um eine Woche vor der Landtagswahl in Baden-Württemberg ein stimmungsvolles Zeichen für Demokratie und Menschenrechte zu setzen. Dazu ließen sie Kerzen, Handylichter und kleine Lampen leuchten.
Ganz so viele Menschen wie im Vorfeld der Bundestagswahl vor einem Jahr, als in Stuttgart 3500 Teilnehmer gezählt worden waren, konnten die „Omas gegen Rechts“ damit nicht mobilisieren. Die vielen Lichter seien gleichwohl ein beeindruckendes Bild und stünden auch für ein Versprechen, sagte Anna Ohnweiler: „Dass wir bereit sind, für die Demokratie einzustehen“. Die 75-Jährige aus Nagold gilt als Gründerin des längst bundesweit tätigen Bündnisses.
Auch in Esslingen und Schorndorf gehen Omas auf die Straße
Zwar befanden sich auch die grüne Landtagspräsidentin Muhterem Aras und die grüne Wissenschaftsministerin Petra Olschowski unter den Teilnehmern. Sie fände es aber gut, dass „Omas gegen Rechts“ eine überparteiliche Gruppierung sei, sagte Gabriele D’Inka. Die 70-Jährige war mit dem drei Jahre älteren Albrecht Scheible zu der Versammlung gekommen. „Omas gibt es viele und Omas sind wichtig“, sagte D’Inka selbstbewusst.
Gleichzeitig gingen auch in 30 anderen Städten im Land Omas und Opas gegen Diskriminierung und für Demokratie auf die Straße. Mehrere hundert waren es in Esslingen, jeweils etwa 250 in Sindelfingen und Kirchheim/Teck, 200 in Schorndorf. „Demokratie ist lebendig, hell und wehrhaft“, sagte Ohnweiler. Der Ton werde rauer, Fakten würden hinterfragt, der Ruf nach Spaltung sei oft lauter als der Dialog. „Aber heute ist die Mitte laut. Wir stehen in der Mitte der Stadt, und die Menschen hier gehören zur Mitte dieser Stadt.“
„ Rassismus ist hässlich“ Foto: Lichtgut/Leif Piechowski
Dann lasen Teilnehmer Artikel aus dem Grundgesetz vor. Auch der katholische Stadtdekan Christian Hermes beteiligte sich. Die AfD habe die Kirchen und Religionen zu ihrem Hauptgegner erklärt, sagte Hermes. „Das zeigt wie wichtig Artikel 4 ist. Die Freiheit des Glaubens ist unverletzlich.“
Ode an die Freude auf lateinisch
Dann zogen die Teilnehmer mit ihren Lichtern zum Eckensee im Schlossgarten. Auf den Stufen der Staatsoper empfing sie die Sängerin Alena Lija mit Beethovens „Ode an die Freude“, die sie auf ukrainisch, englisch, georgisch, tschechisch und lateinisch sang. Anschließend sangen alle gemeinsam auf deutsch.
Dass die „Omas gegen Rechts“ wichtig sind, findet auch die 69-jährige Regina, die ihren Nachnamen lieber nicht nennen möchte. Gerade habe sie mit ihrer Freundin in Frankreich telefoniert. „Sie hat vier Enkelkinder, ich drei.“ Die Freundin sei Jüdin und Tochter von Holocaust-Überlebenden. „Wir machen uns Sorgen, wie das so weiter geht.“ Die Freundin registriere allerdings auch Antisemitismus aus einer anderen Richtung. „Weißt du“, habe sie beim letzten Telefonat gesagt, „in Frankreich bräuchten wir eigentlich auch Omas gegen Links“.