In der Diskussion ums Energiesparen im Winter stoßen unfreiwillig komische Videos mit Mitgliedern der Landesregierung auf Häme und harsche Kritik.

Titelteam Stuttgarter Nachrichten: Christian Milankovic (mil)

Der Mann hat den Dreh raus. Locker vor dem Heizkörper knieend, geizt er nicht mit profunden Tipps: „Einfach vor dem Zubettgehen den Thermostat runterdrehen“, sagt er an sein Publikum gewandt. Der Tippgeber ist kein Heizungsmonteur und auch kein Energieberater. Es ist Ministerpräsident Winfried Kretschmann (Grüne), der da an der Wärmequelle hantiert. Die Szene stammt aus einem Videoclip der Landesregierung, die unter dem etwas bemüht wirkenden Stichwort „Cleverländ“ vor dem Hintergrund der Energiekrise zum sparsamen Umgang mit dem raren Gut aufrufen will.

Kretschmann fühlt sich missverstanden

Kretschmann sieht sich da an längst vergangene Tage erinnert. Im aktuellen Video werden Filmsequenzen eines deutlich jüngeren Winfried Kretschmann eingespielt, in denen er darüber sinniert, dass man „bei der Klosettspülung spart, indem man eine Zweistufenregelung macht“. „Viele haben damals gelacht, aber dieses Sparprinzip hilft uns heute allen“, gibt sich der heutige Kretschmann im Videoclip rückblickend recht.

Die Reaktionen auf die Filmchen im Netz fallen nicht so aus, wie sich das die Macher wohl gewünscht haben. Trotz des Hinweis’ der Landesregierung, man möge bei den „konstruktiven Diskussionen auf unserem Kanal“ sich doch bitte „an unsere Community-Richtlinien“ halten, wird nicht mit Häme gespart. „Ein Kanal für feinste Comedy! Hut ab Herr Kretschmann, für den Mut trotz des hohen Alters eine neue Karriere als Comedian zu starten“, schreibt einer im virtuellen Gästebuch. Eine andere Nutzerin kritisiert „Ihre neuen,cleveren Spartipps habe ich vor fast 30 Jahren schon meinen Kindern gelernt. Es ist zum Schämen für Sie, solche ‚Spartipps’ Erwachsenen Menschen per Werbekampagne aufzudrängen“.

Ein vergiftetes Lob lautet: „Jedes Mal, wenn man denkt, dass es nicht peinlicher werden kann, schafft ihr es, uns vom Gegenteil zu überzeugen!“

Kretschmann ist nicht zum ersten Mal in der Diskussion um energiebewusstes Überwintern Zielscheibe von Hohn und Spott geworden. Sein Hinweis auf die Segnungen des Waschlappens beim Wassersparen brachten ihm bundesweites Kopfschütteln ein. Kretschmann fühlt sich missinterpretiert. Er sei mit Vorschlägen zur persönlichen Lebensführung äußerst zurückhaltend, sagte Kretschmann am Dienstag. Er sei da zu seinem persönlichen Duschverhalten gefragt worden und habe nicht einen Tipp auf einem Energiegipfel gegeben, schrieb die Deutsche Presseagentur am Dienstag im Nachgang zur Landespressekonferenz in Stuttgart, als er nochmals auf diesem Vorgang angesprochen wurde.

Nicht nur der Landesvater tritt in der Kampagne auf. Auch sein Stellvertreter, Innenminister Thomas Strobl (CDU), will per betont lockerem Clip zu einem verantwortungsbewussten Umgang mit den Energieressourcen anhalten. Der Christdemokrat hat sich des Themas Stand-by-Betrieb angenommen, also Elektrogeräten, die auch im Ruhemodus ordentlich Strom verbrauchen. Strobl kennt die Zahlen. „In Deutschland verursachen Geräte im Stand-by-Modus knapp 4,4 Milliarden Euro Stromkosten im Jahr“, erklärt er. Zur besseren Einordnung der Dimension rechnet er vor: „4400 Millionen Euro. Da wirst Du als Schwabe verrückt!“ Auch dieses Bekenntnis kommt beim Publikum nicht so richtig gut an. „Peinlich, die Schamgrenze ist mal wieder deutlich unterschritten. Und alles mit unseren Steuergeldern“, kommentiert ein Nutzer den Stroblschen Auftritt.

Die Wilhelma wird nachts in ein Lichtermeer verwandelt

Wie schwer sich die Landesregierung mit einer einheitlich wirkenden Linie im Kampf gegen Energieverschwendung tut, zeigt eine Episode vom Dienstag dieser Woche. Just zu der Stunde, in der Kretschmann vor der Landespressekonferenz für die Kampagne warb, verschickte eine Veranstaltungsagentur den Hinweis auf den „Christmas Garden Stuttgart“ . Das liest sich dann so: „Mit einem funkelnden Zusammenspiel von kunstvollen Lichtfiguren, märchenhaften Leuchtszenerien und traumhaften Illuminationen inmitten beeindruckender Flora und Fauna wird die Wilhelma in einen farbenfrohen Wintertraum verwandelt“. Im Klartext: Im landeseigenen und dem Finanzministerium von Danyal Bayaz (Grüne) unterstellten zoologisch-botanischen Garten in der Landeshauptstadt wird von Mitte November bis Mitte Januar allabendlich ein Lichterspektakel veranstaltet – und das nicht im Stand-by-Modus.