Online-Kommunikation statt Büro Für Mitarbeiter ein Sprung ins kalte Wasser

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Viele Beschäftigte benutzen in der Corona-Krise für sie vollkommen neue Online-Kommunikationswerkzeuge. Doch auch ein Stuttgarter Start-up profitiert.

Chatten für die Arbeit? Das ist für zahllose Arbeitnehmer nun plötzlich Alltag. Foto: Flip
Chatten für die Arbeit? Das ist für zahllose Arbeitnehmer nun plötzlich Alltag. Foto: Flip

Stuttgart - Man sollte denken, dass Menschen, die sich zu einem neudeutsch Hackathon genannten, virtuellen Ideensprint gegen das Coronavirus versammeln, die dort verwendeten, digitalen Kommunikationswerkzeuge perfekt kennen. Doch Moritz Meidert, Chef der Konstanzer Gründerberatung Gründerschiff, stellte fest, dass das auch bei einem am vergangenen Wochenende von der Bundesregierung veranstalteten Event nicht zutraf. Es treffen sich in solchen virtuellen Räumen zurzeit eben nicht nur IT-Spezialisten oder Mitglieder von Start-ups und Innovationsteams.

Auf einmal gehören Online-Plattformen wie Asana, Feedly, Flip, Monday, Slack, Teams oder Trello in den Werkzeugkasten jedes einzelnen Mitarbeiters. Dort werden virtuelle Kommunikationskanäle eröffnet, wird Wissen organisiert oder werden Planungen ermöglicht.

Oft aber fehlt es noch an elementarstem Wissen, wie das funktioniert. Und so war der Gründerschiff-Beitrag zum ­Hackathon ein kurzes Erklärstück zum Reinhören, ein sogenannter Podcast, das grundlegend die Online-Organisationswerkzeuge Slack und Trello erläuterte.

Kleine und mittlere Unternehmen holen nun rasant auf

In Unternehmen sind zurzeit auch Mitarbeiter gefordert, in Rekordzeit sich Fertigkeiten anzueignen, die bisher in ihrem Berufsalltag keine Rolle spielten. Während große US-Unternehmen wie Google oder Microsoft seit Jahren bereits ausschließlich mit digitalen Werkzeugen kommunizieren, fehlt es in Deutschland oft noch am Grundlagenwissen über diese Plattformen – was auch daran liegt, dass Mitarbeiter ihnen aus vielerlei Gründen, vom Datenschutz bis zur Anhänglichkeit an bewährte Abläufe, oft noch skeptisch gegenüberstehen.

„Gerade in kleinen oder mittleren Unternehmen ist diese Art von Arbeit bisher nicht selbstverständlich“, sagt Meidert. In anderen Ländern weit verbreitete Werkzeuge wie Microsoft Teams oder die Google Business Suite seien in Deutschland immer noch stark unterrepräsentiert. „Die großen Unternehmen in Deutschland haben es ansatzweise begriffen. Aber jetzt geht das Ganze rasend schnell in die Breite“, sagt Meidert.

Stuttgarter Start-up organisiert Mitarbeiterkommunikation

Davon profitiert auch ein Stuttgarter Start-up. Das Unternehmen Flip hat eine Plattform entwickelt, die mehr noch als die anderen hier genannten stark auf die Teamarbeit ausgerichteten Werkzeuge es Unternehmen ermöglicht, Nachrichten intern gezielt zu streuen. „Viele Unternehmen haben in der Corona-Krise festgestellt, dass es keinen einfachen Weg gibt, um ihre Mitarbeiter zu erreichen“, sagt der Flip-Geschäftsführer Benedikt Ilg.

Die App des Stuttgarter Start-ups bietet genau das an: Von kleinen Mitarbeitergruppen bis zu Zehntausenden Beschäftigten können mit wenigen Klicks Nachrichten versendet werden. Insbesondere auch für die augenblicklich dringende Corona-Krisenkommunikation. Ilg spricht von einem massiven Schub bei kleineren und mittleren Unternehmen, die sich bisher oft noch nie mit einer solchen Problematik beschäftigen mussten. „Wir bekommen nun Anfragen in allen Farben und Formen“, so sagt er bildhaft.

Bisher wurden Werkzeuge eingeführt und nicht genutzt – nun ist das anders

Bisher sei bei der von vielen Chefs und Managern befürworteten Einführung solcher Werkzeuge immer gefragt worden, ob sie auch benützt würden. Nun führe kein Weg an ihrer Verwendung vorbei. „Wenn die Leute einmal das Aha-Erlebnis haben, wie einfach das funktioniert, wollen sie nicht mehr zurück.“

Auch WTT Campus One, eine unter anderem auf die Ausbildung in modernen Online-Kommunikationsmethoden spezialisierte Beteiligung des Energiekonzerns EnBW, hat beispielsweise schnell ein Modul entwickelt, das sich binnen 24 Stunden auf die Computer aufspielen lässt und Mitarbeiter bei der Verwendung der ungewohnten Werkzeuge unterstützt.

Es braucht auch die virtuelle Kaffeestunde

Natürlich wittern auch die großen US-Unternehmen ein Geschäft. „Die aktuelle Situation ist eine Chance, langfristig einen großen Schritt in Richtung einer Neugestaltung der Arbeitswelt zu machen“, sagt etwa Oliver Blüher, der Vertriebschef von Slack in Deutschland. Neben Teambesprechungen brauche es auch regelmäßige Einzelgespräche mit den Mitarbeitern, unbedingt mit Video, um ein Gefühl für deren individuelle Situation zu behalten, sagt er. Die Münchner Unternehmensberaterin Roswitha van der Markt plädiert sogar für virtuelle Kaffeestunden, wo Raum für informelle Kommunikation nur zum Spaß geschaffen werden solle.

Bei Nachzüglern, etwa den Kommunen, die er beim Thema Innovation berät, erwartet Moritz Meidert, einen massiven Schub: „Da stößt man immer noch auf Überraschung, wenn man sagt, dass man ein in Kürze geplantes Seminar nicht einfach abbläst, sondern einfach auf eine andere Art der Kommunikation umstellt.“

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