Open-Air-Theater in Aspach Geschichten im Verborgenen

Von Annette Clauß 

Das neue Open-Air-Stück des Theaters Rietenau spielt um 1900. Der Autorin Lea Butsch hat ein Buch über Sagengestalten des Schwäbisch-Fränkischen Waldes als Inspirationsquelle gedient.

Die Schauspieler des Theaters Rietenau zieht es auch bei ihrem aktuellen Stück  hinaus in die Natur. Foto: Gottfried Stoppel
Die Schauspieler des Theaters Rietenau zieht es auch bei ihrem aktuellen Stück hinaus in die Natur. Foto: Gottfried Stoppel

Aspach - Bertha mit den großen Füßen ist vor ihrem schwerreichen, aber lieblosen Bräutigam geflüchtet. Nun lebt sie alleine in einer kleinen Hütte unweit der Ortschaft Rietenau. Doch mit der Einsamkeit ist es schnell vorbei. Denn die junge Unbekannte zieht die Neugier der Dorfbewohner auf sich. Woher kommt diese rätselhafte Fremde? Ist sie ein Mensch oder gar eine Sagengestalt? Bald schon pilgern alle zu Bertha, von der Bürgermeistergattin bis zum Dorffriseur, plaudern Tratsch und Klatsch aus, und vertrauen ihr all das an, was sie sonst vor anderen geheim halten.

„Heimat – Geschichten im Verborgenen“ lautet der Titel des Stücks, den das Theater Rietenau an drei Tagen Anfang August mitten im Grünen aufführt. Wie schon bei den Theaterprojekten der vergangenen fünf Jahre hat Lea Butsch das Drehbuch verfasst. Gemeinsam mit ihrem Mann Rolf hat Lea Butsch vor 26 Jahren die Wilde Bühne Stuttgart gegründet, um von und mit ehemaligen Drogenabhängigen Präventionstheater zu machen.

Kein Heile-Welt-Theater

In Rolf Butschens Heimatort Rietenau haben die Theaterpädagogen vor einigen Jahren das Theater Rietenau aus der Taufe gehoben. Ein Amateurtheater, das sich intensiv mit dem Begriff Heimat beschäftigt, aber alles andere ist als ein Heile-Welt-Theater. Im Gegenteil. „Wir muten unseren Zuschauern immer auch etwas zu und servieren nicht nur leichte Kost“, sagt Rolf Butsch. Das kommt gut an beim Publikum der rund 25-köpfigen Theatertruppe: „Die Freitagsvorstellung ist schon längst ausverkauft. Viele kaufen früh ein Ticket, egal, was wir machen.“

Das aktuelle Stück spielt im Jahr 1900, einer Zeit, die von Fortschritt, aber auch von Volksglauben geprägt war. Als Inspirationsquelle diente Lea Butsch ein Büchlein, das ihr eher zufällig in die Hände geraten war. „Von Erdluitle und dem Wilden Heer“ erzählt Sagen und Geschichten aus dem schwäbisch-fränkischen Wald und macht Leser mit allerlei märchenhaften Gestalten bekannt, die angeblich in dieser Gegend herumgeistern sollen. Den Erdleuten, „Erdluitle“ beispielsweise, einer Art Verwandtschaft der Heinzelmännchen, oder auch einer weiblichen Sagengestalt, der Berchte. Berchte und Bertha – die Ähnlichkeit sei durchaus gewollt, sagt Lea Butsch, die beim Lesen des Buchs festgestellt hat, „dass jedes Dorf hier seine eigenen Figuren hat“.

Bertha wird zur Beichtmutter

Bertha, die unfreiwillige Beichtmutter mit gesundem Menschenverstand, gibt den Ratsuchenden unverblümte Antworten – und macht sich damit nicht eben beliebt. Sie gerät in größte Schwierigkeiten, denn, so sagt Lea Butsch, „die Distanz zwischen ,Hosianna’ und ,Kreuziget ihn’ ist gering“.

Während die Theaterleute im vergangenen Jahr ein Stationentheater gemacht haben, bleiben dieses Mal Zuschauer, Schauspieler sowie zwei Musiker mit Cello und Akkordeon an einem festen Ort. Ziemlich verwunschen wirke die ausgewählte Stelle etwa zehn Minuten Fußweg vom Dorf entfernt, erzählt Rolf Butsch. Das Stückle kennt er nur zu gut, es gehört seiner Familie: „Dort habe ich früher geheut. Aber dass wir an dieser Stelle mal Theater spielen würden, hätte ich nicht gedacht.“

Für die Schauspieler im Alter von sechs bis mehr als 70 Jahren sei die Aufführung mitten im Grünen und ohne technische Hilfen eine Herausforderung, sagen die Butschens. Umso mehr, als die Theaterleute an einem Hang spielen müssen, was bei feuchtem Wetter ziemlich rutschig werden könnte. So bleibt der Theatertruppe, die draußen inszeniert, weil sie keine feste Spielstätte hat, auch heuer wieder nur die Option, fest die Daumen für trockenes Wetter an den drei Vorstellungstagen zu drücken und auf das Wohlwollen der gesamten schwäbisch-fränkischen Sagenwelt zu hoffen. „Wir glauben nicht an Wunder“, sagt Lea Butsch. „Wir rechnen fest mit ihnen.“