Oper in Stuttgart Don Giovanni ist auch ein Verführter

Von Frank Armbruster 

Mit der Premiere von „Don Giovanni“ ist die Stuttgarter Spielzeit zu Ende gegangen: zum einen traditionell auf der Bühne, zum andern als Multimedia-Spektakel im Fernsehen, auf der Public-Viewing-Leinwand und im Internet.

Shigeo Ishino (Don Giovanni) und Donna Anna (Simone Schneider) Foto: SWR 82 Bilder
Shigeo Ishino (Don Giovanni) und Donna Anna (Simone Schneider) Foto: SWR

Stuttgart - Es ist Ausverkauf in der Don Giovanni-Boutique, der Chef gibt persönlich den Gastgeber. Prosecco gibt es heute umsonst, und so kommen auch die Unterschichtler gern, die von Don Giovanni begehrte Zerlina inklusive. Wann darf man schon mal teure Pelze zur Probe tragen? Geld bedeutet Macht, und Macht taugt zur Verführung. Don Giovanni weiß das ganz genau.

Viel mehr als Geld und ein bisschen Sexappeal ist Don Giovanni in Andrea Moses’ Inszenierung von Mozarts Oper, einer Übernahme vom Theater Bremen, die dort 2010 Premiere hatte, nicht geblieben. Aufrührerisches, Dämonisches gar umgibt ihn nicht. Aus dem spanischen Edelmann ist ein Aufschneider geworden, dessen Lebensinhalt darin besteht, mit coolen Sprüchen und reichlich Chuzpe Frauen rumzukriegen. Immerhin kann er mit seinen Dandyklamotten und seiner protzigen Uhr bei einer Softpunk-Göre wie Zerlina noch Eindruck schinden.

Das Sujet ist zeitlos. Verführer und Verführte wird es immer geben. Das Neue am „Don Giovanni“ aber war zu Mozarts Zeiten, dass die Ruchlosigkeiten des Verführers Konsequenzen hatten. So war „Don Giovanni“ eine Oper des Umbruchs: Mit dem Tod des adligen Unholds endet auch eine Epoche.

Am Ende hängen alle wieder in der Bar

Hier endet dagegen nur das Leben eines Schwerenöters. Am Ende der Oper stehen alle wieder vor der tristen Bar, möbliert in jenem austauschbaren Businessdesign, wie man es weltumspannend in Budgethotels finden kann. Die Bar liegt im Erdgeschoss des DG Star Hotels, dessen Besitzer offenbar Don Giovanni ist. Christian Wiehle hat dafür einen drehbaren Komplex auf die Bühne gebaut, mit Apartments für die Besserverdiendenden im Obergeschoss, unten sind Garagen, in denen das Prekariat seine Grillfeste feiert. Ob die Frauen reich oder arm sind, ist Don Giovanni ohnehin gleichgültig, er will jede verführen. Sein Diener Leporello belegt das in seiner Registerarie, wo er die Verflossenen seines Herrn via Smartphone auf eine Leinwand projiziert.

Aber was finden diese Frauen bloß an Don Giovanni? Donna Anna benutzt ihn als Vehikel für ihre unerfüllten erotischen Sehnsüchte, dabei passen sie und Don Ottavio äußerlich doch bestens zusammen: ein modernes Upperclass-Paar, wie man es auf Vernissagen oder im Opernhaus treffen könnte. Aber selbst wenn ihre Persönlichkeitsprofile von Parship abgeglichen worden sind – sie findet ihn einfach nicht sexy. Scharf wird sie bei halbseidenen Mackern wie Don Giovanni. Und so wird die Gretchenfrage jeder Don-Giovanni-Inszenierung, ob Donna Annas Verführung in gegenseitigem Einvernehmen geschah, hier gleich zu Beginn beantwortet: Donna Anna lockt Don Giovanni mit eindeutigen Gesten ins Zimmer nach oben, während Don Ottavio, von Leporello abgelenkt, in der Bar vor sich hindöst.

Andrea Moses entwirft hier mit großer Genauigkeit das Psychogramm einer Beziehung, die vor allem auf gegenseitigen Täuschungen basiert – am frappierendsten in der Rache-Arie, wenn Donna Anna mit kleinen Gesten klar macht, dass ihre Empörung über die angeblichen Zudringlichkeiten Don Giovannis wie über den Tod des Komturs nur gespielt sind.