Titelteam Stuttgarter Zeitung: Hilke Lorenz (ilo)

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Ein Büro gibt es nicht. Ein Zimmer weiter sitzt Heinz-Ekkard Kaiser über einen Computer gebeugt am Schreibtisch der Hausherrin. Auch er ein Zuflucht-Kultur-Gründungsmitglied der ersten Stunde. Er ist dabei, Flyer und Plakate zu sortieren und zu organisieren, dass sie unter die Leute kommen. Er arbeitet eigentlich in einer Therme, ist aber selbst Sänger und jetzt für die Logistik der Produktion zuständig. Manchmal ist auch er es, der noch einmal losfährt, um die in ihrem Wohnheim abzuholen, die sonst zu spät zur Probe kommen.

Im Wohnzimmer von Cornelia Lanz sitzen Zaher Alchihabi, 29, und Mazen Mohsen, 23. Der eine Schauspieler und Filmemacher aus Aleppo, der andere Sänger, Gitarrenspieler und studierter Musiklehrer aus Damaskus. Auch sie hätten sich nicht träumen lassen, dass sie nur ein paar Monate nach dem Abschied von ihrem Heimatland wieder auf einer Bühne stehen würden. Dieses Opernprojekt ist damit auch so etwas wie eine Erfüllung von Lebenswünschen.

Morddrohung vom IS

Mazen Mohsens kräftiger Bariton hat wieder ein Publikum. Der junge Mann wäre im Mittelmeer beinah ertrunken, hätte er nicht in weiser Überlebensklugheit einen Schwimmlehrer bei sich gehabt, der ihn fast eine Stunde bis zur Rettung über Wasser hielt. Zaher Alchihabi, hätte nicht zu hoffen gewagt, dass er seine Schauspielambitionen hier würde weiterleben können. In seiner Heimat hatte ihn der IS für seine Schauspielerei mit dem Tod gedroht. Bereits in Oggelsbeuren hat er Cornelia Lanz kennengelernt.

Am Nachmittag werden Zaher und Mazen mit anderen aus dem Idomeneo-Team auf dem Weingut Adelmann in Großbottwar singen und für „Idomeneo“ die Werbetrommel rühren. Und ein bisschen auch für sich. Denn immer wieder findet sich eine Wohnung, weil Gäste entdecken, dass sie die leer stehende Einliegerwohnung ja vermieten könnten.

Alles Gestrandete

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Alle Handelnden in Schmitts Inszenierung sind Gestrandete. Was für eine Vorlage für die Gegenwart, wo die Fahrt über das Mittelmeer für viele der Opernprotagonisten aus Syrien, Afghanistan, dem Irak, dem Iran und aus Pakistan eine Station ihrer Flucht ist. In Bernd Schmitts Inszenierung kommt Idomeneo deshalb aus dem Krieg in Syrien zurück nach Hause. Den Stoff mit wirklich Geflüchteten zu inszenieren, ist für ihn eine Frage der Wahrhaftigkeit. Für Thomas Wördehoff, den Intendanten der Ludwigsburger Schlossfestspiele, fügt sich die Inszenierung passgenau in das diesjährige Konzept der Veranstaltungen, das sich „Passagen“ zum Oberthema gewählt hat: „Bernd Schmitt ist es gelungen, die hochartifizielle Kunstform Oper in die Welt zu holen und ein Fenster in die Realität des Jahres 2016 zu schlagen, ohne dass es aufgesetzt wirkt.“

„Idomeneo“ ist das dritte Projekt dieser Art, dem sich Zuflucht Kultur annimmt. Den Anfang machte „Cosi fan tutte“. Schmitt hatte die Handlung in ein Asylbewerberwohnheim verlegt. Einstudiert werden sollte die Inszenierung in einem Kloster im oberschwäbischen Oggelsbeuren bei Biberach, in dem zu der Zeit 74 Asylsuchende einquartiert waren. Was lag näher, als sie nach einer Zeit des Aneinanderrantastens in die Handlung einzubauen. Es folgte Mozarts Opernfragment „Zaide“. Wieder mit Flucht und Heimatverlust als Themen. Eine echte Mozart-Connection sozusagen. „Mozarts Musik funktioniert international“, sagt Cornelia Lanz.

Es riecht nach Kreuzkümmel und Heimweh

In ihrer Küche riecht es an diesem Sonntag schon morgens um acht Uhr wie in einem arabischen Restaurant. Ein Geruch von Kreuzkümmel, Koriander und Heimweh. In der Pfanne brutzeln Eier, der Humus-Kichererbsenbrei ist gestampft, die Paprikaviertel, Gurkenstücke und die Oliven sind auf einen großen Teller gehäuft. Khaled Alhussein, 34, ist in seinem Element. Er ist Koch, Mädchen für alles und jemand, der viel lacht, weil er genau weiß, worauf es ankommt, damit Menschen sich wohlfühlen.

Die Vierzimmerwohnung gegenüber der Stuttgarter Musikhochschule ist die Schaltzentrale und das Herz des Vereins Zuflucht Kultur. Cornelia Lanz gibt immer mal wieder eines der Zimmer in ihrer Wohnung an einen der Flüchtlinge ab. So gesehen ist ihre Welt kleiner geworden. Aber so sieht sie es nicht: „Meine Welt wird größer“, sagt sie. Und hofft, dass es den Opernbesuchern auch so gehen wird. Dass nämlich aus den Flüchtlingen Menschen wie Khaled, Wassim, Sahmad oder Fatimeh werden. „Wenn das Projekt nichts wird, dann haben wir wenigstens Khaled und die anderen kennengelernt.“

Das Projekt erfüllt Lebenswünsche

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Ein Büro gibt es nicht. Ein Zimmer weiter sitzt Heinz-Ekkard Kaiser über einen Computer gebeugt am Schreibtisch der Hausherrin. Auch er ein Zuflucht-Kultur-Gründungsmitglied der ersten Stunde. Er ist dabei, Flyer und Plakate zu sortieren und zu organisieren, dass sie unter die Leute kommen. Er arbeitet eigentlich in einer Therme, ist aber selbst Sänger und jetzt für die Logistik der Produktion zuständig. Manchmal ist auch er es, der noch einmal losfährt, um die in ihrem Wohnheim abzuholen, die sonst zu spät zur Probe kommen.

Im Wohnzimmer von Cornelia Lanz sitzen Zaher Alchihabi, 29, und Mazen Mohsen, 23. Der eine Schauspieler und Filmemacher aus Aleppo, der andere Sänger, Gitarrenspieler und studierter Musiklehrer aus Damaskus. Auch sie hätten sich nicht träumen lassen, dass sie nur ein paar Monate nach dem Abschied von ihrem Heimatland wieder auf einer Bühne stehen würden. Dieses Opernprojekt ist damit auch so etwas wie eine Erfüllung von Lebenswünschen.

Morddrohung vom IS

Mazen Mohsens kräftiger Bariton hat wieder ein Publikum. Der junge Mann wäre im Mittelmeer beinah ertrunken, hätte er nicht in weiser Überlebensklugheit einen Schwimmlehrer bei sich gehabt, der ihn fast eine Stunde bis zur Rettung über Wasser hielt. Zaher Alchihabi, hätte nicht zu hoffen gewagt, dass er seine Schauspielambitionen hier würde weiterleben können. In seiner Heimat hatte ihn der IS für seine Schauspielerei mit dem Tod gedroht. Bereits in Oggelsbeuren hat er Cornelia Lanz kennengelernt.

Am Nachmittag werden Zaher und Mazen mit anderen aus dem Idomeneo-Team auf dem Weingut Adelmann in Großbottwar singen und für „Idomeneo“ die Werbetrommel rühren. Und ein bisschen auch für sich. Denn immer wieder findet sich eine Wohnung, weil Gäste entdecken, dass sie die leer stehende Einliegerwohnung ja vermieten könnten.

Die Hausherrin schreibt derweilen WhatsApp-Nachrichten, um den vor ihr liegenden Tag zu organisieren. Es ist die Phase zwischen den zwei großen „Idomeneo“-Probenblöcken. Es gilt die Spannung zu halten und die Musiklaien unter den Mitwirkenden weiterhin für die gemeinsame Sache zu begeistern. Begonnen haben die Proben im März, nach einem Casting, zu dem frisch angekommene Flüchtlinge kamen und Menschen, die schon länger in Deutschland sind. Sie haben vorgespielt und gesungen, auf Gartenschläuchen und anderen improvisierten Instrumenten musiziert. Das Projekt Zuflucht Kultur dient auch als eine Talentschmiede.

Zweieinhalb Monate Zwangspause

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Das Ensemble musste eine zweieinhalbmonatige Zwangspause überstehen, bevor die Produktion zwei Wochen vor der Premiere schließlich doch noch auf die Zielgerade gegangen ist. Vergessen ist nun die Zeit, als alles wieder in den Sternen stand, weil die für die Proben zugesagte Halle in Stuttgart-Weilimdorf plötzlich nicht mehr zur Verfügung stand – und Cornelia Lanz Klinken putzen ging, um einen neuen Raum zu organisieren. Das Team um sie stand mit einem Mal ohne Heimat da.

Im eigentlich stillgelegten Stuttgarter Theater in Depot fanden die Opernmacher ihr neues Probendomizil. Hier bekommt „Idomeneo“ nun seinen letzten Schliff. Bis auf ein paar sind alle wieder mit dabei, die schon am Anfang dabei waren. Wieder legen sie vor den Proben ihre Mobiltelefone in eine große Keksdose. Konzentriert springen sie wieder auf das nach vorne und zur Seite abfallende Podest, das sie abstößt, so wie der europäische Kontinent Flüchtlinge an seinen Grenzen abweist.

Sie haben ihre Monologe gelernt, die sie aufsagen werden. Nichts ist vergessen.„Es ist alles noch da“, sagt Cornelia Lanz erleichtert. Tagsüber proben die professionellen Sänger, abends der Bewegungschor der Flüchtlinge. Seit Sonntag sind auch der Chor und das Orchester mit dabei. Eine Stimmung erwartungsvoller Anspannung ist deutlich spürbar. „Bringt für die Probe am Dienstag jeder drei T-Shirts mit und tragt keine Jogginghosen“, gibt der Regisseur ihnen mit auf den Nachhauseweg. „Ihr seid ein tolles Team“, ruft Cornelia Lanz. Alle strahlen – und sind erleichtert. Sie werden es schaffen. Wie man den Schlussapplaus entgegennimmt, haben sie schon mal geübt. Denn so etwas erleben sie in ihrem Leben gerade nicht all zu oft.

Aufführung Die Oper „Idomeneo“ ist am 8. und 9. Juli
jeweils um 20 Uhr bei den Ludwigsburger Schlossfestspielen im Forum am Schlosspark zu sehen.