Oper„Sancta“ in Schwerin Florentina Holzinger macht die Oper nackt

Nonnen auf Rollschuhen in Florentina Holzingers „Sancta“ Foto: dpa/Nicole Marianna Wytyczak

Partymesse der Heiligen Geistin: Florentina Holzinger inszeniert Hindemiths Skandalstück „Sancta Susanna“ in Schwerin. Im Oktober kommt „Sancta“ dann an die Staatsoper Stuttgart.

Der Erlöser darf nicht in den Tempel. Die Vorstellung im Mecklenburgischen Staatstheater Schwerin hat lange schon angefangen, da öffnet sich eine Tür im Parkett. Ein Mann will rein, ziemlich bekifft ist der Typ, hat ein Lamm über seine Schultern gelegt, und am Ende erreicht er, was er will. Wäre ja auch noch schöner gewesen, schließlich geht es hier um . . . – ja, worum eigentlich? „Not praying but spraying“, sagt Jesus. Und: „Sinners are winners!“ Die Sünde soll siegen. Irgendwie erinnert der Kerl an den Titelhelden aus dem Film „Das Leben des Brian“ der Komikertruppe Monty Python, aber ganz geht die Parallele nicht auf. Wie überhaupt an diesem Abend vieles nicht aufgehen will und wahrscheinlich auch soll.

 

Florentina Holzingers Annäherung an die Oper

Zu erleben ist die erste Annäherung der Choreografin und Performerin Florentina Holzinger an die Oper, und man darf annehmen, dass es nicht ihre einzige bleiben wird: So gut verstärkt die Musik die Dringlichkeit, die Emotionalität und das Pathos ihrer Themen. Immer geht es Holzinger ja um die Ermächtigung der Frau, um die Entlarvung und Entkräftung patriarchaler Strukturen. Da Letztere besonders deutlich in der (vor allem katholischen) Kirche ausgeprägt sind, gibt es eucharistische Rituale, Wein und Blut und ein letztes Abendmahl, das irgendwie auch ein Jüngstes Gericht ist.

Szene aus „Sancta“ Foto: dpa/Nicole Marianna Wytyczak

Gottesdienst, Satire, Ritual, Revue, Orgie, Show

„Sancta“ heißt der Abend. Paul Hindemiths Einakter „Sancta Susanna“, in dem eine Nonne Lust und Begehren entdeckt, ist die Grundlage, und der Rest ist: Kunst-Gottesdienst, Satire, Ritual, Revue, Orgie, Show. Mit einem todernsten Anliegen, das schließlich bei einem „Macht’s doch einfach“-Gute-Laune-Happy-End noch kurz entschlossen in Richtung Unterhaltung abbiegt. Also zu ebenjener „Bright Side of Life“, der hellen Seite des Lebens, die auch „Das Leben des Brian“-Finale ähnlich ohrwurmverdächtig feiert. Bei der Premiere am Donnerstagabend krönt der schmissige „Dont’t dream it – be it!“-Selbstverwirklichungs-Hit aus dem Musical „Rocky Horror Picture Show“ den Schluss, und das Publikum singt stehend mit. Die Performerinnen vorn an der Rampe sind alle nackt. Das ist fast die gesamten zweieinhalb pausenlosen Stunden so. Nackt, das heißt: verletzlich.

Eine Performance von und für Frauen

Auf der Bühne stehen ausschließlich Frauen, geborene und gewordene. Auch Jesus ist eine. „Sancta“ ist eine Performance nicht nur für, sondern auch von Frauen. Schon in Paul Hindemiths Einakter singt sich die Sopranistin Cornelia Zink in der Titelpartie die Seele aus dem Leib und entblößt sich dann ganz. Nach dem Musiktheater-Beginn wummern die Bässe, Trockeneis wabert, eine Messe beginnt.

Christliche Ikonografie und biblische Bezüge, Klassik, Pop, Rock und Techno, Rachmaninow und „It’s Raining Men“ kobolzen in einem bunten Wirbel über die Bühne und zwischen Orchestergraben (mit Marit Strindlund am Pult) und den Seitenlogen mit Synthesizer, E-Gitarre und Keyboard hin und her. Es gibt viele Momente an diesem Abend, in denen man zwei Haltungen gleichzeitig erleben kann: Wahrhaftigkeit und Ironie, tiefen Ernst und den Versuch, die Erlösung vom kollektiven weiblichen Schmerz nicht in der Konfrontation, sondern im Lachen und im Spiel zu gewinnen. Wenn die Performerinnen erzählen, für welche Sünden (oder wohl eher: Verstöße gegen Gender-Zuschreibungen) sie gerne heilig gesprochen würden, dann ist das nicht nur paradox, sondern auch tieftraurig und lustig zugleich.

Szene aus „Sancta“ Foto: dpa/Nicole Marianna Wytyczak

Weibliche Wunden aus 10 000 Jahren Patriarchat

Das Lachen aber bleibt nicht. Die Verletzungen sind zu tief, und Florentina Holzinger zeigt sie, meist gefilmt von einer Videokamera. Man erträgt das Hinschauen kaum. Die Staatsoper Stuttgart betreibt mit dieser Koproduktion Wiedergutmachung für die Absage der Uraufführung von Hindemiths Skandalstück an ihrem Haus vor einem guten Jahrhundert. Die weiblichen Wunden aus 10 000 Jahren Patriarchat, die man in „Sancta“ erlebt, heilen noch lange nicht. Künstlerisch mag man sie unterschiedlich bewerten; das Anliegen aber bleibt ein brennendes.

Koproduktion
 Die Performance wird nach den (ausverkauften) Vorstellungen in Schwerin im Juni bei den Wiener Festwochen gezeigt. Danach eröffnet die Staatsoper Stuttgart mit „Sancta“ die Spielzeit 2024/25.

Besetzung
In Stuttgart singt Caroline Melzer Hindemiths Susanna, und mit dabei sind Staatsorchester und der Staatsopernchor Stuttgart. Der Rest der Besetzung bleibt gleich.

Trigger
Das Mecklenburgische Staatstheater warnte vorab vor expliziten Darstellungen von Gewalt und sexuellen Handlungen, Selbstverletzungen, Blut, Nadeln, Stroboskoplicht und Lautstärke, und setzte bei den Besuchern ein Mindestalter von 18 Jahren fest. In Stuttgart gilt für die Vorstellungen die Volljährigkeit nur als Altersempfehlung.

Vorstellungen
„Sancta“ ist an der Staatsoper Stuttgart am 5., 6., 26., 27. Oktober und vom 1. bis 3. November 2024 zu sehen. Karten sind ab 8. Juli hier erhältlich, keine Vorbestellungen möglich.

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