Oper Stuttgart Mit Terzen kann man Menschen fangen

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In der intelligenten Stuttgarter Neuinszenierung von Philippe Boesmans „Reigen“, nach Arthur Schnitzler und Luc Bondy, zeigt die Regisseurin Nicola Hümpel, dass sie eine leichte Hand, viel Gefühl und einen scharfen Verstand hat.

Der Graf (André Morsch) auf dem Bett, dahinter Julia von Landsberg und Michael Shapira als Paar im Video Foto: A. T. Schaefer
Der Graf (André Morsch) auf dem Bett, dahinter Julia von Landsberg und Michael Shapira als Paar im Video Foto: A. T. Schaefer

Stuttgart - Im Theater sind fünf Minuten eine lange Zeit, wenn keiner etwas sagt und in der Oper auch noch die Musikanten schweigend dabeisitzen. Im Stuttgarter Großen Haus jedoch, so fängt es schon mal gleich fabelhaft an in der Inszenierung von Philipp Boesmans’ Musiktheaterstück „Reigen“, zieht sich das stumme Vorspiel keine Sekunde. Unter einem abgehängten Dach proben nämlich zehn Darsteller für die folgenden Szenen eine Erstaufstellung. Mann und Frau, Frau und Mann. Man beäugt, bewegt, beschnuppert sich. Schließlich ist was dran an dem Satz, dass Leute sich irgendwann nicht mehr riechen können. Aber das wird erst später sein. Momentan schlägt ihnen allen hier noch die Stunde, in der sie nichts voneinander wissen: die Dirne nichts vom Soldaten, Frau Emma nichts vom jungen Herrn und der Dichter Robert nichts von der Sängerin, die bei Doktor Arthur Schnitzler, der den „Reigen“ 1896 schreibt, noch eine Schauspielerin ist.

Zwei Jahre nachdem das Stück 1920 dann doch in Berlin uraufgeführt (und sofort verboten) wird, schreibt Sigmund Freud, der vorher nicht immer nur Sympathien für Schnitzlers theatralische Sendung und Seelenarbeit hatte: „Ihr Ergriffensein von der Triebnatur des Menschen, ihre Zersetzung der kulturell-konventionellen Sicherheiten, das Haften ihrer Gedanken an der Polarität Liebe und Sterben, das alles berührt mich mit einer unheimlichen Vertrautheit.“

Kein Wunder deshalb, dass einer der größten Psychoanalytiker auf dem Theater, der im letzten Jahr verstorbene Regisseur Luc Bondy, vor knapp einem Vierteljahrhundert an der Brüsseler Oper die Vorlage leicht komödiantisch-boulevardesk verknappte und nach dem Witz suchte, wo man ihn am wenigsten vermutet: postkoital, wenn der Mensch als Tier angeblich durchweg traurig ist. Bondy fand das auch zum Lachen, und ebenso ging es dem damals bereits länger vom Musiktheater-Neuerfinder Gerard Mortier geförderten, aus der Nähe von Lüttich stammenden Komponisten Philippe Boesmans, der eine kurios versponnene, zitatreiche, handwerklich meisterhaft bestückte Partitur ablieferte, die von Frankfurt bis Amsterdam nachgespielt wurde.

Dauerdemonstration von Lebenssinn und Sinnlichkeit

Boesmans wusste, wie man Menschen fängt. Er blieb weitgehend auf der tonalen Matte, drehte musikhistorische Salti, setzte aber, brillant instrumentiert, auch auf Formen, die sowohl der Schlager wie der Rock nutzen: Terzen, groß und klein. Sylvain Cambreling, damals auch der Uraufführungsdirigent, entlockt dem Stuttgarter Staatsorchester auch jetzt wieder die komischsten und die blühendsten Töne: wenn sich etwa die Trompeten mit Absicht einer, wie man nicht anders sagen kann, szenischen Vollerektion widmen, immer hübsch auf der Grundlage des Bach-Chorals „Was Gott tut, das ist wohlgetan“. Frivolität in Vollendung. Wie überhaupt alle Orchestergruppen, vorneweg Schlagzeug, Klavier, Celesta (Jan Croonenbroeck) und die Streicher, immer präsent sind, es mag noch so kleinteilig und rhythmisch vertrackt werden – ein kollektives, kleines Aufmerksamkeitswunder.

Ähnlich wie bei Luc Bondy, der sich seinerzeit zum Konterkarieren eine Figur ausgedacht hatte, die das Ideal der „reinen“ Liebe verkörperte und aus dem Hohelied des Alten Testaments rezitierte, werden die Stuttgarter Schnitzler-Szenen von Lust und Verlust, Liebesversuch und obligatem Jammer auch bei der jungen Regisseurin Nicola Hümpel gespiegelt, wiewohl sinnlicher. Alles bewusst steife Gehampel und verklemmte Getue auf der Bühne wird kommentiert durch ein Video (gesamtverantwortlich: Judith Konnerth), in dem sich Julia von Landsberg und Michael Shapira (Nico and the Navigators) andauernd wenden und betrachten. Sie sind die Einzigen, die sich auf der Szene zärtlich anfassen, wo sonst nur Kampf ist. Allenfalls Koitus. Dann wieder Katastrophe. Ein wirkliches Paar also. Immer geben sie sich die tiefsten Blicke, drehen sich ineinander.

Mit dieser Dauerdemonstration von Lebenssinn und Sinnlichkeit im Hintergrund schafft Nicola Hümpel, gut beraten von der Dramaturgin Ann-Christine Mecke, eine Fallhöhe zur absichtlich kargen Szene. Wie von selbst wandern die Wände (Bühne: Oliver Proske), um auch auf dem nächsten Sofa und vor der nächsten Kachelwand und auch im Schlamm des Wellnessbads stets das alte Leid als immer neues Lied zu produzieren. Wenn die, immer nur angedeutete, stets mechanisierte Liebessituation vorbei ist, bleibt jedes Mal ein schales Gefühl zurück. Um nicht zu sagen Lustlosigkeit. Bezeichnenderweise machen die Requisiten gleich reihenweise schlapp. Lampenschirme knicken traurig ab, Wiener Würstl werden brutal zermalmt. Aber man kann darüber schmunzeln. Oder lachen.

Großer Beifall nach zweimal siebzig Minuten

Boesmans legt das nahe, wenn er zum Beispiel den jungen Mann mit seinem Stendhal-Buch, den die Mücken plagen, im Duktus exakt wie Herodes in „Salome“ ausrufen lässt: „Man töte diese Mücke!“ Das ist komisch an sich – und komisch mit Über-und Unterbau. Sehr kunstfertig natürlich, aber gefährlich. Eine eindimensionale Regie könnte sich darin verlieren, Gags zu produzieren. Hümpel aber bricht von Anfang an diese Perspektive auf, indem sie zusätzlich zur Handlung Schnitzlers die Haltung seiner heutigen, sagen wir, User mit thematisiert: Ohne uns groß ein Bild von uns zu machen, senden wir, per Handy, per Tablet, Ansicht um Ansicht aus. Bis wir uns selber nicht mehr (an-)sehen. Und hinter tausend Bildern keine Welt mehr ist.

Unmöglich, hier jemanden aus dem spielfreudigen Ensemble hervorzuheben, und gerechterweise trifft der große Beifall nach zweimal siebzig Minuten Versuchsanordnung alle nahezu gleich: die am Ende doch noch aus ihrer Rolle heraustretende Dirne (Lauryna Bendziunaite), den Soldaten, so weich wie massiv (Daniel Kluge), das staksige Stubenmädchen (Stine Marie Fischer), den hypernervösen jungen Herrn (Sebastian Kohlhepp), die energisch-elegische junge Frau (Rebecca von Lipinski), den depressiven Gatten (Shigeo Ishino), das zuckerfrei süße Mädel (Kora Pavelic), den großspurigen Dichter (Matthias Klink) und die noch großspurigere Sängerin (Melanie Diener).

Der Letzte dann, der Graf (Andre Morsch), spät gereift und mürb und traurig und wieder mit der Dirne zugange, macht das Licht aus. Wie im Märchen schließen sich die ganzen anspielungsreichen Risse im Sofa und Schnitte im Stoff. Noch einmal fällt der Blick auf das Paar, das sich im Hintergrund im Video umarmt. Schnitzlers pessimistischer „Reigen“, ironisiert von Luc Bondy und Philippe Boesmans und neuerlich mit leichter Hand und ohne erhobenen Zeigefinger hinterfragt von Nicola Hümpel, endet im 21. Jahrhundert nicht allein mit kaltem Begehren, Vereinzelung und Verzweiflung, sondern mit einer leisen, warmen Drehbewegung voller Emotion. Deren Triebkraft ist, möglicherweise, dann doch so etwas wie Liebe.