Oper „Zaide“ in Ludwigsburg Zur Aktualität verdammt

Das Ludwigsburger „Zaide“-Ensemble Foto: Schlossfestspiele/Martin Sigmund

Regisseurin Jessica Glause lässt im Ludwigsburger Schlosstheater ein Kollektiv junger Leute auf Mozarts Türkenoper-Fragment „Zaide“ los. Kann das gut gehen?

Ein Freud’scher Verhörer? Haben die „alter weißer Mann“ oder „kalter weißer Mann“ gesungen? Passt so oder so. Auf den Popanz aus Chauvinismus, Überlegenheitswahn und Privilegiertheit wird seit über zehn Jahren kritisch eingedroschen, sodass er längst im Klischeetod erstarrt sein müsste und die Kritik in der Floskel. Im Brustton protestierender Überzeugung gegen alte weiße Männer zu wettern, wie in Jessica Glauses „Zaide“-Inszenierung im Ludwigsburger Schlosstheater, weckt ein leicht lächerliches Empfinden zwischen Fremdscham und Leichenfledderei. Dumm nur, dass sie ohne Rücksicht auf unser Empfinden plötzlich wieder da sind, die alten weißen Männer à la Donald Trump, und rabiat das Rad rückwärts drehen.

 

Sprechgesänge zu Elektrobeats

So stolpert man bisweilen über die Liedtexte von Eva Jantschitsch, während man sie als naive Parolenkunst belächelt. Die chorischen Sprechgesänge zu Elektrobeats absolvieren das ganze Programm, vom Gendern bis zu Klima, Flucht und globaler Gerechtigkeit. Damit werden Löcher in Mozarts Singspiel-Fragment gestopft, das ohne Löcherstopfen gar nicht inszeniert werden kann. Denn die 15 Musiknummern lassen eine Handlung nur erahnen und führen diese nicht einmal zu Ende, weil der Komponist zuvor das Komponieren eingestellt hat. Das Libretto ist verschollen, die Gesangstexte sortieren das Schubladenwerk in die mit der Aufschrift „Türkenoper“ ein.

Eine Türkenoper ist und bleibt zwiespältig: Konstruktion des Orients als Reich der Unfreiheit, fokussiert auf die ihrer sexuellen Selbstbestimmung beraubte Frau. Als das Genre im 18. Jahrhundert aufkam, hielten sich Mummenschanz und Heuchelei die Waage. Die Maske des Fremden entlarvte das Vertraute, in den Paschas und Sklaventreibern steckten einheimische Patriarchen und ihre subalternen Grantler. Umgekehrt kaschierte die orientalische Unterdrückung der Frau deren okzidentale Rollenzuweisung, die Gleichberechtigung eben auch noch lange nicht auf dem Zettel hatte.

Es hat sich erschreckend wenig geändert

Die Türkenoper fordert Freiheit, Gleichheit, Brüderlichkeit und nimmt sie durch Islamophobie und eingebildete kulturelle Suprematie gleich wieder zurück. Modellhaft in „Zaide“, wo ausgerechnet Sympathieträger Gomatz sich von seinen Schicksalsgenossen distanziert, die er für zur Sklaverei verurteilte Verbrecher hält.

Regisseurin Glause hat in der Koproduktion der Stuttgarter Oper mit den Ludwigsburger Festspielen eher das Genre befragt als ein Stück inszeniert, das es nicht gibt. Befund: Hat sich erschreckend wenig geändert an Projektionen und Klischees, vermeintlichen und tatsächlichen Realitäten. Türkenopern scheinen zur Aktualität verdammt. Durch die Lücken in Mozarts Fragment drängt sich bei Glause freilich keine theatralisierte Diskursmaschine, sondern die Alltagserfahrung eines Erzählkollektivs von jungen Frauen und einem jungen Mann mit unterschiedlichen kulturellen und sozialen Hintergründen.

Der Obermacho wird zum Feindbild

Ausbeutung kennen auch sie, Diskriminierung ebenso samt dem Gefälle sozialer Wertschätzung bis hinab zum Mindestlöhner. Manche tragen Bergwerkshelme auf dem Kopf, andere Fast-Food-Kisten auf dem Buckel. Da stellt sich die Frage, wer wo und wie die Drecksarbeit für uns alle erledigt, und dies in einem recht umfassenden Sinn. Mit dem glaubwürdigen Anschein von Authentizität fordern die jungen Leute Selbstbestimmung und Gerechtigkeit, wiederholen schlichte alte Fragen, die ohne Antwort blieben (zum Beispiel, warum man als Frau nicht anziehen kann, was man will, ohne blöd angequatscht zu werden oder gar noch Schlimmeres erleben zu müssen).

Auf der Spielebene organisiert das Kollektiv eine Art Handlung. Obermacho Soliman, der sich auf einer Triumphwagen-Rikscha herumradeln lässt, wird zum Feindbild toxischer Männlichkeit aufgebaut, der schüchterne Allazim zum Klassenkämpfer und Fluchthelfer, um am offenen Ende doch wieder zum Schergen zu werden. Alles zusammen enthüllt Mozarts Musikmomente zu realer Kenntlichkeit, so wie die barockschwere Brokatdecke in Mai Gogishvilis Bühnenbild die glitzernde Serailpforte, die regenbogenilluminiert zum Fluchtweg ins Freie wird.

Im Hochamt politischer Korrektheit

Seit der in den Türkenopern gefeierte Fluchtreflex zum Problem für Frontex, Dublin-Abkommen und gesellschaftlichen Rechtsruck wurde, tut es gut, die Opern- mit der wirklichen Realität zu erden. Auch wenn das mit Jantschitschs Schenkelklopfer-Reimen „Für eine Fahrt ans Mittelmeer geb‘ ich meine letzten Mittel her“ geschieht (nein, es sind nicht die Ballermänner gemeint). Wenn aber im Song „Gönn‘ dir, Bourgeoisie“ der „Feministische intersektionale Klassenkampf“ als uneinnehmbare Bastion des Widerstands ausposaunt wird, ist die Sphäre frommer Wünsche erreicht. Selbstverständlich gönnt sich die Bourgeoisie – wer sonst? - auch den intersektionalen feministischen Klassenkampf als Bewusstseins-Accessoire.

Bisweilen verabschiedet sich der Regie-Ansatz ins Hochamt politischer Korrektheit und offenbart dann seine Schwäche: den Mangel an Kontroverse. Bei Mozart blitzt sie auf. Leider geht es ihm sängerisch in der gnadenlos trockenen Schlosstheater-Akustik nicht allzu gut. Natasha Te Rupe Wilson als Zaide steigert sich immerhin von kehlig gequetschtem Sopran zu freierem Timbre. Indes hat Andrew Bogards vergrummelter Bariton als Allazim Intonationsprobleme nicht nur beim oktavierten Tritonus, der wie der Teufel im Detail von Mozarts Musik steckt. Torsten Hofmann als Soliman linst offenbar nach dem Spickzettel und kommt mit dünnem Tenor gegen Pauken und Trompeten nicht an. Überzeugend, wenn auch nicht immer ebenmäßig in Phrasierung und Intonation: Moritz Kallenberg mit seinem schönen, direkten Tenor als Gomatz. Dirigent Vlad Iftinca lässt federnd und agil die Finessen leuchten – aber solistisch besetzte Streicher (aus Platznot?) sind ein indiskutables Arrangement.

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