Operieren – ja oder nein? Gegen den Schmerz in der Schulter

Junge gesunde Schultern: Leider ist es später im Leben oft nicht mehr so. Foto: dpa

Wenn es unterm Schulterdach eng wird, tut es weh. Sollte man sich dann operieren lassen? Zwei Studien liefern Anhaltspunkte für Patienten.

Stuttgart - Shirts in die oberen Fächer einräumen, Volleyball spielen, die Hecke schneiden und Wände tapezieren haben etwas gemeinsam: Diese Überkopfbewegungen können zur schmerzhaften Qual werden. Wenn jemand am sogenannten Impingement-Syndrom der Schulter leidet. Bei diesem Syndrom schlägt der Kopf des Schultergelenks an das Schulterdach, weil es im Schultergelenk zu eng geworden ist. Sprich: Jede Bewegung schmerzt, so mancher Betroffener kann kaum noch den Arm heben. Die Ursache ist meist eine Überlastung, die zu einer Reizung von Sehnen und Schleimbeuteln führt. Das wiederum lässt Entzündung entstehen.

 

Operieren lassen oder nicht – das ist die Frage, die sich Betroffene stellen. Entscheidet man sich für einen chirurgischen Eingriff, wird meist eine sogenannte subacromiale Dekompression durchgeführt. Sprich: Der eingeengte Raum unterm Schulterdach wird minimalinvasiv erweitert. Doch nun haben zwei in renommierten Fachjournalen veröffentlichte Studien, die Can Shoulder Arthroscopy Work? (CSAW) im November 2017 und die zweite „Finnish Shoulder Impingement Arthroscopy Controlled Trial“ (FIMPACT) im Juli 2018, ergeben, dass dieser gängige Eingriff kaum Vorteile gegenüber einer Placebo-Operation hat.

Bei diesem Schein-Eingriff wurde lediglich mit einem Endoskop kurz ins Schultergelenk hineingeschaut. Eine weitere Beobachtung: Die Operation war zudem nur geringfügig vorteilhafter als alleinige Physiotherapie. Denn egal ob scheinoperiert oder nicht: Alle Patienten zeigten über die ersten drei Monate eine deutliche Abnahme der Beschwerden. Nach zwei Jahren hatten sich auch die Symptome deutlich verbessert.

Viele Experten halten eine Operation nicht mehr für nötig

Muss dann eine Operation überhaupt sein? Zwar gab es durchaus Kritik insbesondere an der CSAW-Studie seitens der Fachverbände. Man habe zu großzügig Patienten mit allen möglichen Schulterbeschwerden in die Untersuchung einbezogen. Außerdem war die Nachbeobachtungszeit von gerade mal sechs Monaten knapp bemessen. Doch spätestens nach Erscheinen der Fimpact-Studie sind viele Experten nicht mehr davon überzeugt, dass sich diese Form der Schulterbeschwerden am besten mit einer OP kurieren lässt. „Die beteiligten Forscher haben im Vorfeld wirklich alles getestet, was für die Diagnosestellung relevant ist und die Nachbeobachtungszeit ist mit zwei Jahren ausreichend“, sagt der Orthopäde Nikolaus Wülker, Ärztlicher Direktor der Universitätsklinik für Orthopädie in Tübingen.

Der Orthopäde plädiert deshalb beim Impingement-Syndrom dafür, nicht gleich zu operieren und erst einmal abzuwarten, sofern das möglich und aushaltbar ist. „Natürlich sollten die Physiotherapieübungen konsequent zuhause durchgeführt werden. Dadurch nimmt die Schmerzintensität ab“, sagt Wülker. Erst wenn sich nach drei bis spätestens zwölf Monaten die Beschwerden nicht bessern, sollte über eine Operation nachgedacht werden. Allerdings müsse dem Patienten klar sein, dass es vorab nicht möglich sei zu sagen, ob die Schmerzen nach dem Eingriff besser sind.

Warum Betroffene nach der OP manchmal nicht schmerzfrei sind

Der Orthopäde und Schulter-Experte Sven Ostermeier, leitender Arzt in der Gelenk-Klinik Gundelfingen, findet die Fimpact-Studie ebenfalls sehr gelungen – hat aber einen Kritikpunkt: „ In der Untersuchung wurden nur reine Dekompressions-Operationen durchgeführt wurden. Tatsächlich haben aber neun von zehn Patienten zusätzlich zu ihrem Impingement-Syndrom noch andere Schulterbeschwerden.“ Daher ist es möglich, dass die Betroffenen nach dem Eingriff noch nicht schmerzfrei sind.

Beispielsweise, weil bei diesen Patienten die sogenannte Rotatorenmanschette beschädigt ist. Diese Muskeln umspannen das Schultergelenk, machen es beweglich und stabilisieren es zugleich. Im Extremfall reißen die Sehnen zwischen den Muskeln der Rotatorenmanschette und Knochen, was das Schultergelenk instabiler macht. Weitere zusätzliche typische Beschwerden verursacht eine Arthrose im Gelenk. Ostermeier rät deshalb, direkt zu einem Spezialisten zu gehen, der mindestens 100 Schulterbezogene Eingriffe jährlich durchführt. Er kann mit Ultraschall die Rotatorenmanschette anschauen und eine Magnetresonanzaufnahme des Schultergelenks veranlassen, um alle Problemstellen zu erfassen.

Patienten haben oftmals nicht die Geduld für eine Physiotherapie

Stellt sich heraus, dass der Patient tatsächlich außer dem Impingement-Syndrom keine weiteren Beschwerden hat und die Sehnen noch nicht gerissen sind, rät auch Ostermeier zur Physiotherapie statt zu einer Operation. Wichtig ist aber dann, den Patienten auch zu überzeugen, dass er konsequent die Übungen auch durchführt. Leider sei es aber so, dass die Patienten oftmals nicht die Geduld für eine Physiotherapie haben, sagt der Gundelfinger Orthopäde Ostermeier.

Auch bei einer anderen bestimmten Patientengruppe sollten Ärzte nicht vorschnell operieren: Nämlich bei Älteren, die neben einem Impingement-Syndrom auch eine lädierte Rotatorenmanschette haben. „Auch hier kann man erst mal auf konsequent durchgeführte Physiotherapieübungen setzen, den Erfolg abwarten und gegebenenfalls nach drei bis 12 Monaten operieren“, wendet der Tübinger Orthopäde Nikolaus Wülker ein.

Bei aktiven jüngeren Patienten ist eine Operation dagegen unausweichlich: Ansonsten besteht das Risiko, dass es zu einer irreversiblen Schädigung des Schultergelenks kommt. „Ist die Rotatorenmanschette lädiert und zu operieren, werden die gerissenen Sehnen wieder am Knochen fixiert“, beschreibt Ostermeier die Vorgehensweise.

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