Opernhaus-Sanierung Der Stuttgarter OB will ja alles richtig machen

Kultur: Tim Schleider (schl)
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„Schritt für Schritt arbeiten wir jede Einzelfrage ab“, beschreibt insbesondere Kuhn immer stolz einen Diskussionsprozess, der sich nach der Vorlage eines umfangreichen Erstgutachtens im Somer 2014 nun schon über drei Jahre hinzieht – und nimmt dabei allerdings in Kauf, dass das Sanierungsthema immer wieder für Monate aus der öffentlichen Wahrnehmung völlig verschwindet und ein Zwischentermin nach dem anderen sang- und klanglos verstreicht (noch vor Jahresfrist war von der Ausschreibung eines Architektenwettbewerbs noch im Laufe des Jahres 2017 die Rede; daraus wird wohl nichts werden).

Doch selbst, wenn alles super geplant und kostentechnisch maximal ehrlich kalkuliert wird, bleibt ein Faktor der Unwägbarkeit, der übrigens keineswegs nur Kulturbauten betrifft, sondern alle Gebäude, die man sanieren und verbessern will, ob nun öffentlich oder ganz privat: In dem Moment, wo man anfängt, mit Hammer oder Bohrer an Wände, Boden und Dach älterer Gemäuer zu gehen, kommen Dinge zum Vorschein, von denen man vorher nicht einmal geträumt hatte. Nicht nur bei den Kosten, auch bei der Zeitplanung der Sanierung ist darum ist ein Puffer nötig. Bei der Wahl einer Ersatzspielstätte wird es nicht um eine flüchtige Episode der Stuttgarter Theatergeschichte gehen, sondern um ein eigenes Kapitel.

Vielleicht müssen Oper und Ballett ja nur für drei Spielzeiten in ein Ausweichquartier. Je nachdem, wie das neue, alte Staatstheater künftig aussehen soll, werden es aber eher vier oder fünf. Je nach künftigem Baufortschritt können es aber plötzlich sechs werden. Wie immer man die drei derzeit diskutierten Standorte an der Schillerstraße, in der Ehmannstraße und am Mercedes-Museum miteinander vergleichen will, mit an oberster Stelle muss die Frage stehen: Wo können die zwei Sparten der Stuttgarter Staatstheater eine Übergangs-Heimat finden, die nicht nur künstlerische Spitzenqualität ermöglicht, sondern vor allem auch die Nähe zum Publikum garantiert? Und die Einbindung in die Stadtkultur der Bürgergesellschaft? Die Erfahrungen aus der Sanierung des Kleinen Hauses, als das Schauspiel 2012/13 in nur einem Jahr Zwangs-Auslagerung in die Spielstätte Nord fast die Hälfte seiner Zuschauer verlor, müssen eine Lehre sein.

Die Ersatzspielstätte darf kein Provisorium sein

Die endgültige Entscheidung über die Ersatzspielstätte hat Oberbürgermeister Kuhn für eine Sitzung des Verwaltungsrates im November angekündigt. Doch schon in zehn Tagen soll ein qualitativer Vergleich der drei Optionen Schiller-, Ehmannstraße und Mercedes-Museum vorliegen, nebst Stellungnahmen aller Seiten. Und wenn keiner der drei Standorte wirklich zu überzeugen weiß, könnte es dann nicht sinnvoll sein, noch nach Alternativen Ausschau zu halten?

Keine Frage: Stuttgart muss es bei seiner Theatersanierung besser machen als Köln oder Berlin. Das verlangen nicht nur die Finanzen von Stadt und Land, das verlangt auch das Theaterpublikum. Letzteres kann sich im Übrigen erst einmal auf die kommenden Spielzeiten am gewohnten Ort freuen. Der Umzug in die Ersatzspielstätte, wo immer sie auch sein mag, steht frühestens für den Sommer 2021 an. Hinter den Kulissen wird angesichts des Tempos der kulturpolitischen Debatte eher inzwischen von Sommer 2022 ausgegangen. Eine Wiedereröffnung des sanierten Opernhauses? Im Herbst 2027. Vielleicht.




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