Grandios: Madina Frey als Gladis in „Der rote Wal – ein deutsches Herbstmärchen“ im Opernhaus Stuttgart. Foto: Matthias Baus
In „Der rote Wal“ bringt die Staatsoper Stuttgart Musical und Oper, RAF-Terror und Hip-Hop-Star Maeckes, Humor und tiefen Ernst zusammen – ein schwieriges, aber spannendes Experiment.
Susanne Benda
19.06.2025 - 15:18 Uhr
Wer den Wal hat, hat die Qual. Nur ein Flossenschlag unterscheidet den sagenhaften Leviathan, den der Philosoph Thomas Hobbes zum Sinnbild des Staates erklärte, von jenem Moby Dick, der sich in Hermann Melvilles Roman an mörderischen Fischern rächt. Der Wal ist als im Meer lebendes Säugetier ein Wesen der Zwischenwelt, als Symbol steht er für Macht ebenso wie für Gewalt. Dass es auch für die Oper taugt, will die Uraufführung dieser Saison an der Staatsoper Stuttgart beweisen.
„Der rote Wal“ thematisiert allerdings nicht nur das Verhältnis von Frieden und Gewalt, Macht und Ohnmacht, Individuum und Kollektiv, sondern umkreist fünfzig Jahre nach dem Stammheim-Prozess auch den Terror der 1970er Jahre. Und noch viel mehr.
RAF und Rap trennt eh nur ein Buchstabe, und in diesem Stück kommt ganz Vieles zusammen. Oper und Musical, Hip-Hop und Arie, Elektronisches und live Musiziertes, frei Assoziiertes und Dokumentarisches, Bühnenspiel und Videowelten, Ironie, Humor und tiefer Ernst: Alles ist Teil eines mutigen, schillernden Musiktheater-Experiments.
„Der rote Wal“ in Stuttgart – keine leichte Kost
Vor dem ungetrübten Schlussapplaus hat das Publikum am Mittwochabend einiges leisten müssen. Trotz vieler unterhaltender Elemente ist „Der rote Wal“ in seiner Assoziations-, Stil- und Bilderfülle keine leichte Kost. Knapp zwei pausenlose Stunden lang konfrontieren das Libretto des Hip-Hoppers Markus Winter alias Maeckes, die Musik der Brüder Vivan und Ketan Bhatti sowie die bunten Bilderwelten von Martin G. Berger (Regie), Sarah-Katharina Karl (Bühne), Alexander Djurkov Hotter (Kostüme) und Vincent Stefan (Video) mit Gedanken, Fantasien, Verweisen und Zitaten.
Manchmal kommt man kaum hinterher mit der Vernetzung von textprallen Übertiteln und Bühnengeschehen. Das ist tatsächlich der große Vorwurf, der dieser Produktion zu machen ist. In „Der rote Wal“ stinkt der Fisch vom Kopf her, und ob des intellektuellen Overkills darf man bezweifeln, dass das Stück tatsächlich jene Zielgruppe erreicht, die es erklärtermaßen auch erreichen will, nämlich Jugendliche ab Klasse acht.
Madina Frey ist eine grandiose Besetzung
Dabei ist der Anfang klasse. Die erste der vielen Verschaltungen des Abends ist die zwischen Draußen und Drinnen: Im Zuschauerraum ist es schon dunkel, und zu einleitenden Beats zeigt ein Video eine Schulklasse, die im Foyer auf eine Schülerin wartet. Isi heißt sie. Dass sie als Teilnehmerin einer Pro-Palästina-Demonstration gerade schlechte Erfahrungen mit staatlicher Gewalt gemacht hat, führt ins Thema, verankert es im aktuellen Geschehen und schafft einen Raum für die Protestkultur des Raps.
Madina Frey als Isi ist eine grandiose Besetzung, denn sie trifft nicht nur den Sprechgesang rhythmisch auf den Punkt, sondern ist auch im zweiten wichtigen Genre des Abends zu Hause, dem Musical. Sie kann tanzen, sie hat enorme Präsenz, und wenn sie singt, nimmt man ihr sogar die plakativen Momente des Textes und der Gattung ab.
Madina Frey als Gladis mit der Statisterie der Staatsoper Stuttgart in „Der rote Wal – ein deutsches Herbstmärchen“. Foto: Matthias Baus
Die Klasse kommt ins Opernhaus. Und die wütende Isi, die einen Joint geraucht hat, verwandelt sich. „Ist der Kopf denn zum Denken verdammt, oder erfüllt er seine Pflicht erst, wenn er rammt?“ singt sie. Und halluzinierend wird sie, umwabert von Trockeneis, zum Wal – zu jener Gladis Blanca, die vor wenigen Jahren nahe Gibraltar als Anstifterin eines tierischen Rachefeldzugs für mediales Aufsehen sorgte. Nun wird die Wirklichkeit zum Märchen. In ihm gibt es Lehrer und Elternfiguren, jeweils im Mythos- und Opern-bewährten Dreierpack (Deborah Saffery, Jasper Leever, Yunus Schahinger), einen riesigen Wal, der sich vom Schnürboden senkt und eine fischige Doppelgängerin von Gladis.
Ein Techmillionär zwischen Plastikfischen
Inmitten bunter Plastikfischchen schwimmt in einer Unterwasserkapsel der Techmillionär Lone, der Jeff Bezos sein könnte oder – die Buchstaben legen es nahe – Elon Musk. Der bietet Gladis einen Trumpschen Deal an: 24 Stunden lang darf sie in Menschengestalt Rache üben; danach muss sie zurück ins Meer und eine Flosse lassen – es sei denn, ihr Feldzug oder eine Liebe enden glücklich. Beides ist Gladis verwehrt. Obwohl sie Mitstreiter findet: Mit Abad (auch dies ein Buchstabenspiel, das auf Melvilles Kapitän Ahab ebenso verweist wie auf Andreas Baader) und mit Ge (Gudrun Ensslin) verübt sie einen Anschlag auf ein großes Aquarium. „Du bist Ulrike!“ klingt’s durch den Raum. Eine Statistin im Ulrike-Meinhoff-Outfit gesellt sich hinzu. Und wirkungsvoll schmettert der Staatsopernchor aus den Rängen ein markerschütterndes „Oben“, das er später durch ein „. . . bleiben!“ ergänzt. Stuttgart 21 ist eine weitere Zutat im bunten Kunst-Kessel.
Überzeugend: Matthias Klink (Abad), Josefin Feiler (Ge) in „Der rote Wal“ im Opernhaus Stuttgart. Foto: Matthias Baus
Matthias Klink und Josefin Feiler sorgen als Abad und Ge spielerisch und gesanglich für glänzende Opern-Momente. Unter Marit Strindlunds präziser Leitung bewegt sich das Staatsorchester virtuos durch musikalische Welten. Allein die rhythmische und metrische Genauigkeit ist bewundernswert, und das Solocello wie die vielen solistisch geforderten Bläser durchsetzen die fein gearbeitete Partitur mit individuellen Farben.
Publikumsbeschimpfung inklusive
Am Ende gibt’s dann noch eine Publikumsbeschimpfung. Lone hat Gladis eine Flosse abgetrennt, weil er grad Lust darauf hatte, das Video zeigt die brennende Staatsoper, und im Zuschauerraum werden „1400 kleine Schweinchen“ in Geiselhaft genommen. „Das ist Spaß, oder?“ fragt die irritierte Isi-Gladis. Von wegen, sagt Ge: „Alles Schlafschafe!“ Und damit auch dies noch gesagt ist: „Nationalistisch wählen sie, wenn die Angst sie kriegt!“ Zum Glück ist das nicht das Ende.
Plakatives gibt’s zuhauf, bis zum Ende, als im Film ein gewaltiger Leviathan den Eckensee überlaufen und die Oper überfluten lässt. Aber eine schichte Wahrheit bleibt: dass alles viel komplizierter ist, als es scheint. Gutes mit Schlechtem zu erkaufen, Frieden mit Gewalt: Das ist keine Lösung. Ebenso wenig wie das Spaßdiktat des Tech-Millionärs. Und ob man sich statt „Was habe ich getan?“ besser fragen sollte, was man nicht getan hat: Diese Unsicherheit kann man nach „Der rote Wal“ immerhin getrost nach Hause tragen.
Info
Termine „Der rote Wal“ wird in der Oper Stuttgart in dieser Spielzeit wieder am 22. und 29. Juni 2025, am 17., 20. und 22. Juli 2025 aufgeführt. www.staatsoper-stuttgart.de