Opernpremiere in Stuttgart Nur Insekten kommen in den Himmel

Senkrechtstart als Libelle: Ins Insekt verwandelt tritt Saint François (Michael Mayes) seine Himmelfahrt an. Foto: Martin Sig/und

Die Regisseurin Anna-Sophie Mahler treibt im Stadtraum-Projekt der Stuttgarter Oper Messiaens erzkatholischem „Saint François d’Assise“ den allmächtigen Gott aus und ersetzt ihn durch einen rätselhaft klugen Schleimpilz. Musikalisch ist’s sensationell.

Der eine nimmt das tote Häschen zärtlich in die Arme. Der andere doziert: über die „vollkommene Freude“, die nur im freudig angenommenen Leiden liege. Aber wer hat nun mehr Mit-Leiden gezeigt? Der, der spricht? Oder der, der handelt? Ein Fingerzeig der Regisseurin Anna-Sophie Mahler, dass auch ein Franz von Assisi noch einen Weg vor sich hat, und zwar nicht nur den vom Wort zur Tat.

 

Wie eine konzertante Aufführung lässt Mahler ihre Inszenierung von Olivier Messiaens „Saint François d’Assise“ im Stuttgarter Opernhaus beginnen: das Orchester auf der Bühne, Michael Mayes als François und Danylo Matviienko als Bruder Léon wie Oratoriensänger neben dem Dirigenten Titus Engel. Vom großen schwarzen Kreuz, das Messiaens eigenes Libretto vorschreibt, ist nichts zu sehen. Dafür das Bild des toten Hasen in Großprojektion, Tierleib und Erdreich wie zum Flachrelief verschmelzend (Bühne: Katrin Connan).

Franz von Assisi hat einen Weg vor sich, vom Wort zur Tat, vom Ich zur Empathie

An der Rampe liegt der Kadaver selbst, der die Sänger aus dem Orchester und François aus dem Konzertanzug in die Kutte lockt. Der neue Dresscode – als Nachhaltigkeitsexempel sind die Kutten aus gespendeten Kapuzenpullis zusammengeschneidert (Kostüme: Pascale Martin) – ist durchaus auch Dressur. Der guruhafte, noch recht empathielose François zwingt den widerstrebenden Léon in die Kutte, die sodann nahezu alle Beteiligten anlegen.

Es geht um Macht, ums große Ego und um seine Show, wenn François eine bis an die Grenze der Parodie ritualisierte Hasenbeisetzung anordnet. Die von der Regisseurin zugleich ernst gemeint scheint als Signal der Tierverehrung. Hat doch die hinzuerfundene Hasen-Episode nicht Sankt Franziskus zum Patron, sondern Sankt Joseph (Beuys), der in der ihm eigenen Kreuzung aus Naturmystik und Neodadaismus den Hasen als Symbol der Wiedergeburt zur Ehre der Kunstaltäre erhob. Mahlers Regie gibt so die Richtung vor, in die der Hase in den nächsten acht Stunden laufen wird (ein Stuttgarter Spieldauer-Rekord): nicht nur in den Höhenpark Killesberg, sondern weg vom Katholizismus der Messiaen’schen Klangdevotionalie.

Der historische Franz interessiert den Komponisten nicht

Sie geht den Weg der Franziskus-Forschung umgekehrt: vom realen Lebenskern hinter den wuchernden Legenden zurück zu den Andachtsbildern. Der historische Franz interessiert Messiaen nicht, alles Konflikthafte blendet er aus. So präsentiert sich das 1983 uraufgeführte Opus als Antioper, die nahezu alles verbannt, was gemeinhin für Musikdramatik bürgt.

Andernfalls hätte es in Mahlers Umdeutung vielleicht für Franz, den Klimakleber, gereicht. So aber reift ein ich-fixierter Sinnsucher mit Dutt und Bart zum lächelnden Ökoheiligen heran, der zu guter Letzt irgendwo zwischen Biene Maja und Zirkuskuppel Urständ feiert. In evolutionärer Rückverwandlung zur Libelle darf Sankt Öko-Franz seine finale Himmelfahrt antreten, vorher gibt’s zur Verdeutlichung die Projektion der Entpuppung eines solches Insekts (Video: Georg Lendorff).

Werdet wie die Pilze!

Stigmata, Tod und Auferstehung: Bei Messiaen gilt’s der göttlichen Allmacht, die Regisseurin Mahler natürlich nicht gelten lässt. Stattdessen hat sie einen Schleimpilz namens Physarum polycephalum ausgegoogelt. Der Vielköpfige ist ein erstaunliches Einzeller-Wesen, super vernetzt und hirnlos cleverer als die eifrig an ihrer Selbstauslöschung arbeitende Menschheit. Als Mischung aus Sonnengeflecht und Fangnetz senkt sich das über den stigmatisierten Franziskus samt Chordamen und -herren – bei Messiaen die kollektive Repräsentation Christi. Pilzbefall statt Wundmale des Gekreuzigten, und dazu ein Zurück-zur-Natur-Halleluja: Werdet wie die Pilze!

Läppische Schlussbilder, platter Biologismus

Das Läppische der Schlussbilder übertüncht eine Inszenierungsidee, die – ernst genommen – ideologisch platten Biologismus bedeutet: Die biologischen Zyklen sind Erlösung des Individuums, die Regression zum Naturwesen löst alle Fragen und Probleme. Immanenz ist Transzendenz. Die Metamorphose nach dem Vorbild Ovids wird als ökologische Einsicht aufgewärmt, Mythos als Ratio ausgegeben. Die Sehnsucht nach dem Animalischen deutet Mahler bereits in der Szene des Aussätzigen (eindringlich: Moritz Kallenberg) an. Von der Krankheit in ein Geschwulstknäuel verwandelt, gleicht er einem monströsen Tier.

Genau das zieht Franziskus in seiner Ego-Challenge zur Überwindung seines Ekels mehr an als der Lepröse selbst. Am liebsten würde er vor Leidensglück ins Knäuelgräuelkostüm kriechen, jedenfalls zuckt er zum ersten Mal im Vogeltanz, den ihm Mahler als Ausdruck der Anverwandlung auf den Weg gibt. Um das Bild auf der anderen Seite abzurunden: Wenn nur Insekten in den Himmel kommen, kommen von dort auch nur Insekten herab. Der Engel (seraphisch schön gesungen von Beate Ritter) ist ein Glitzerkäfer.

Schlussendlich inszeniert Mahler zu Messiaens gewaltiger Auferstehungsmusik, diesem Putsch Gottes gegen die natürliche Ordnung, das Gegenteil: braven Biounterricht mit Lehrfilm à la „Wunder des Lebens“, den trostreichen Traum von der ewigen Reproduktion der Natur. Viel zu harmlos für Messiaens Klang-Emanationen, die Titus Engel mit dem Staatsorchester in luzider Wucht und facettenreichster Feinheit realisiert. Für die musikalische Sensation stehen nicht minder die dynamischen Klangskulpturen von Manuel Pujols Chor und die exzellenten Solisten mit dem phänomenalen Michael Mayes in der Marathon-Titelrolle, einem Bariton der mühelosen Kraft und des wie Honig fließenden Melos.

Gnade – oder Rebellion

Messiaens Entgrenzung des Orchestersatzes in die komponierte Aleatorik der Vogelstimmen ist das Bindeglied zu Mahlers Ökoansatz inklusive Ausflug in die gezähmte Natur des Höhenparks. Eine tolle Idee – nur gilt beim im Killesberg gespielten zweiten Akt in puncto Regie das franziskanische Armutsideal (abgesehen von der komödiantisch ans Publikum in der Freilichtbühne gerichteten Vogelpredigt).

Indes steht der ökologische Aspekt von Messiaens Musik im Zeichen der Transzendenz, des „langsamen Eingehens der göttlichen Gnade in die Seele“, wie der Komponist das Thema seiner Oper beschrieb und ihre antiopernhafte Struktur begründete. Seine Musik versteht er als Echo dieser ungeheuren Gnade, die gnadenlos den gewohnten Trott, das Gefängnis des Ich und die Ordnung des Todes aufsprengt. Wem die Gnade nicht passt, dem bleibt die Rebellion. Aber Mahlers Inszenierung rebelliert nicht, sie duckt sich weg unter Messiaens spiritueller Herausforderung und verfehlt, trotz psychologischer Präzisierung im ersten Akt, das Thema: befreiende Grenzüberschreitung.

Pilgergang und Wiederholungen

Wallfahrt
 Mit ihrer außergewöhnlichen Produktion bricht die Stuttgarter Oper in den Stadtraum auf: Nur der erste und dritte Akt von „Saint François d’Assise“ werden im Opernhaus aufgespielt. Dazwischen führt eine Natur-Wallfahrt in den Höhenpark Killesberg. Gruppenweise wird das Publikum mit der Stadtbahn zur Haltestelle „Löwentor“ gelotst. Dort beginnt der Aufstieg zum Killesberg, begleitet vom vierten Bild der Oper („Der wandernde Engel“) via MP3-Player. Der Rest des zweiten Akts folgt live auf der Freilichtbühne. Mit der Stadtbahn geht es wieder zurück ins Opernhaus. Für mobilitätseingeschränkte Besucherinnen und Besucher fahren Busse direkt zum Killesberg. (Anmeldung unter: tickets@staatstheater-stuttgart.de).

Weitere Vorstellungen
  22. und 25. Juni sowie 2. und 9. Juli, jeweils 14 Uhr.

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