Opernpremiere „Rusalka“ in Stuttgart Die Welt im Spiegel

Die doppelte Rusalka: Esther Dierkes (li.) und Reflektra. Foto: Matthias Baus

„Rusalka“ an der Stuttgarter Staatsoper ist eine von Bastian Kraft glänzend und geistvoll in Szene gesetzte Auseinandersetzung mit Geschlechterbildern und ihrem Bild in der Oper.

Mit Wasserwesen – es waren Richard Wagners Rheintöchter - begann im vergangenen Jahr die neue Spielzeit an der Stuttgarter Staatsoper. Mit Wasserwesen geht sie langsam zu Ende: „Traulich und treu ist’s nur in der Tiefe“ hieß es am Schluss von „Rheingold“, dem Vorabend im „Ring des Nibelungen“. Wie eine Paraphrase (oder Antwort) darauf hören sich jetzt anfangs die Warnungen des Wassermannvaters (mächtig und sensibel: Goran Juric; Double: Alexander) gegenüber seiner verliebten Elfentochter Rusalka an, die sich in Antonin Dvoraks gleichnamiger Oper mit den in seinen Augen „sündigen“ und sterblichen Menschen einlassen will.

 

Ein fataler, urromantischer Irrtum. Bezahlt wird am Ende in reichlich Totenmarschmoll: Rusalka und der Prinz, die sich einander in der höfischen Intrigenwelt nie richtig vermitteln können, sinken im Stuttgarter Großen Haus nach dem Todeskuss in den Bühnenunterboden hinab – eine Vereinigung im Tod jedoch gibt es nicht. Das wäre lediglich routiniert musiktheatertraurig, hätte der fantastische Abend vorher nicht diverse, sämtlich zielführende Seitenwege eingeschlagen (und dann noch eine utopische Schlusspointe bereit).

Zur gleichen Zeit erscheint Freuds „Traumdeutung“

Generell liegt die Psychologisierung des „lyrischen Märchens“ von Jaroslav Kvapil, das genreeinschlägigen Vorbildern folgt (E.T.A. Hoffmann, Andersen, Lortzing, Puccini, Tschaikowski), auf der Hand. „Rusalka“ stammt aus dem Jahr 1901, einer historischen Schnittstelle der Moderne. Kurz zuvor ist Sigmund Freuds Analyse „Die Traumdeutung“ erschienen, wenig später macht sich Arnold Schönberg auf, die Systematik der Musik entscheidend Richtung Zwölftontechnik zu verändern. „Rusalka“ mit ihrem vordergründigen Volksliedton und aller hintergründigen tonsprachlichen Finesse, markiert ein letztes spätromantisches Aufbäumen. Doch ist der Schein-Naivität nie zu trauen und die seelische Komplexität der Figuren größer als häufig gedacht.

Binäre Genderkategorien stehen in Frage

Immer noch oft aufgeführt (in Heidelberg ist am selben Abend Premiere), hat sich die „Es war einmal…“-Perspektive für die tschechische Nationaloper längst erledigt. Aber auch zuletzt gängige Interpretationen (Martin Kusej, Barrie Kosky, Jossi Wieler) die sich massiv auf die sexuelle Ausbeutung Rusalkas fixierten, haben oft nur einen Teilaspekt überbetont. Bastian Kraft hingegen, ein an der Wiener Burg und am Schauspielhaus Zürich arbeitender 42-jähriger Regisseur, stellt von vorneherein die binären Genderkategorien im Stück infrage. Jede Person aus dem Geisterreich hat einen Doppelgänger*in; zudem wird lippensynchron agiert. Einerseits ist das eine Referenz an die Gegenwart, wo zum Beispiel die Staffeln von „RuPaul’s Drag Race“ bei Streamingsdiensten Sehbeteiligungsrekorde aufstellen. Andererseits gehört der Doppelgänger zum Kernbestand romantischer Erzähltechnik – und obendrein erinnert das Motiv an eine weitere veritable Stuttgarter Musiktheatersternstunde: Es war der kürzlich verstorbene Hans Neuenfels, der Ende der neunziger Jahre die Hauptrollen in Mozarts „Entführung aus dem Serail“ doppelt besetzte – und das Stück völlig neu spiegelte.

Bastian Kraft stell existenzielle Fragen

Von Neuenfels‘ ästhetischem Manierismus, dem Bastian Kraft ein entschiedenes, sehr eigenes Update verschafft, lebt die „Rusalka“-Inszenierung von Anfang an mit einem filmischen Impuls: Zu sehen ist ein pubertierender Junge, der traumverloren mit einer Puppe in Form einer Wassernixe spielt, bis ein zorniger Vater ihm solche Fantasien untersagt. Der Regisseur hat von Oscar Wilde bis Max Frisch schon häufig existenzielle Identitätsfragen inszeniert, und nicht nur das Ende von „Rusalka“ in Stuttgart ist entsprechend vieldeutig.

Es ist der Abschluss einer kollektiven Interpretation, die das Doppelgängermotiv (und die Fragen: Wer bin ich?; Wer könnte ich sein?; Wie könnte ich singen?) gleich auf mehreren Ebenen konsequent virtuos behandelt. Dabei beruht das Bühnenbild von Peter Baur auf einem vergleichsweise einfachen Modell. Die mit Video (Sophie Lux), Licht (Gerrit Jurda) und außerordentlichen Kostümen bereicherte, trotzdem nie überfüllte Szene zeigt sich als Spielkonstruktion: alles ist eins und doch mehrmals vorhanden. Klare Struktur behält die Anordnung durch die übergeordnete Ebene für die Sängerinnen und Sänger. Während das Vokale gleichsam zur Askese tendiert, bietet das opulente Restbühnenbild eine Assoziation nach der anderen an. Und immer wieder werden die Hauptfiguren (im Schminkspiegel und durch Porträtprojektionen) auf sich selbst zurückgeworfen. Kurzum: Wer in Stuttgart bei Prokofjew und Axel Ranischs „Liebe zu drei Orangen“ gedacht hatte, mehr Theater gehe kaum, sieht sich noch einmal auf eine andere Ebene gehoben.

Großer Anteil von Dirigentin Oksana Lyniv

Am einhellig gefeierten Erfolg hat die Dirigentin Oksana Lyniv mit dem Staatsorchester großen Anteil. Präzise moduliert sie einen situativ sich oft zuspitzenden Dvorak-Klang, der nie ins Heimelige verfällt, sondern im Gegenteil sorgsam jene doppelten Böden erst herstellt, auf denen die Regie steht: Neben viel versprechenden Rollendebüts (Angel Macias als glockenheller Jäger, Alexandra Urquiola als Küchenjunge) dominieren im Ensemble neben dem auch schauspielerisch fulminanten Staatsopernchor der lyrische, höhensichere David Junghoohn Kim als Prinz, Katia Ledoux (und Judy) als Kraftpaket Jezibaba und natürlich Esther Dierkes (plus Reflektra): Dierkes gelingt eine besondere Gratwanderung: Sie geht in der schwierigen Rolle nicht nur vokal glänzend auf, ohne je künstlich zu wirken. Darüber hinaus verschafft sie der historischen Rusalka auch eine heutige Dimension. Sie hat uns nicht nur schön eine alte Mär zu singen, sondern eine neue Meinung zum Menschsein an sich mitzuteilen. Mit einem Wort: So wie bei „Rusalka“ in Stuttgart geht uns Oper tatsächlich etwas an.

INFO:

VORSTELLUNGEN: Die nächsten Vorstellungen von „Rusalka“ an der Stuttgarter Staatsoper sind am 9., 11., 16., 19. und 25. Juni sowie am 2. Juli. Eine Wiederaufnahme gibt es in der kommenden Saison von September an. Besonders lohnt ein Blick in das vom Dramaturgen Franz-Erdmann Meyer-Herder betreute Programmheft zu „Rusalka“, das etliche vorzügliche Aufsätze versammelt, darunter „Lip Sync for Your Life“, eine „Geschichte der Unerhörten“ von Laura Aha.

MELUSINE: Zu „Rusalka“ im Spielplan der Staatstheater gibt es auch eine Art Ergänzung, die sich explizit an ein jüngeres Publikum richtet: In „Melusine“, einer „lyrischen Monsteroper“ von Catalina Rueda, wird die mittelalterliche Melusinen-Sage mit dem feministischen und queeren Kampf um das Recht auf die Selbstbestimmung des eigenen Körpers verknüpft. Die Premiere der Jungen Oper ist im Nord; Termin ist der 18. Juni. /StZ

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