Opernpremiere Tanz die RAF – oder was?
Uraufführung am Mittwoch an der Stuttgarter Oper: Markus Winter alias Maeckes hat das Libretto zu „Der rote Wal – Ein deutsches Herbstmärchen“ geschrieben. Um was geht es?
Uraufführung am Mittwoch an der Stuttgarter Oper: Markus Winter alias Maeckes hat das Libretto zu „Der rote Wal – Ein deutsches Herbstmärchen“ geschrieben. Um was geht es?
Mit Crossover braucht man Markus Winter nicht zu kommen: „Das interessiert mich nicht.“ Aber von der Hip-Hop-Open zur Hip-Hop-Oper – das Wortspiel lässt er gelten; „außer dass ein paar Schritte dazwischenlagen“. Es war um die Jahrtausendwende, als Stuttgart zu einer Metropole des Deutsch- und Winter zu einem Pionier des Kessel-Rap avancierte – unter seinem Szenenamen Maeckes und zusammen mit seinem Kollegen Plan B. 2004 moderierten die beiden jenes einst Furore machende Stuttgarter Festival. Seit 2023 ist die Hip-Hop-Open tot. Die Oper lebt. Maeckes ist ihr Fan.
Inzwischen auch ihr Macher. Mit „Der rote Wal“ hat er sein erstes Libretto geschrieben, vertont von den Brüdern Vivan und Ketan Bhatti. An diesem Mittwoch ist die Uraufführung im Stuttgarter Opernhaus. Es wird eine „richtige“ Oper mit Sangesgrößen wie Josefin Feiler und Matthias Klink, mit Opernchor und Staatsorchester. Aber auch mit Musical-Sängerin Madina Frey als Gladis, Rapper Baron sowie Maeckes selbst in der Rolle des Revolutionärs Lone. Zeitgenössisches Musikdrama plus Hip-Hop. Aber kein Crossover. Was dann?
„Es geht um die Sprache, ihre Artikulationsweise, ihren Farbverlauf“, sagt Winter. Die Ausdrucksformen musikalisierter Sprache werden um den Rap erweitert, als Gegenpol zum klassischen Opernarienstil. Dazwischen liegt auf der Winterschen Stufenskala der Sprechgesang à la Brecht und Weill. Wobei manche Plapperarie Rossinis durchaus rankommt an Chopperstyle-Rasanz, die beschleunigte Rap-Variante.
Die Gebrüder Bhatti sind zuständig für die Berührungen der Extreme. Gelten die „Wal“-Komponisten doch als Grenzgänger zwischen Neuer Musik und Hip-Hop, akustischen und elektronischen Klangwelten, Experimenten und Soundtracks: nicht auf gemütlich zu konsumierende Mixturen erpicht, sondern auf gegenseitige Radikalisierung der Techniken und Genres.
Radikalisierung ist auch das Stichwort für Winters Libretto – nicht die künstlerische, sondern die politische. Der Handlungsrahmen dreht sich, durchaus märchenhaft, um das Orca-Wal-Mädchen Gladis, die im Meer von flotten Jachten und fetten Kreuzfahrtkreuzern gerammt und verletzt wird. Lone bietet ihr einen Tausch an. Wenn sie ihm eine Flosse überlässt, verleiht er ihr für 24 Stunden menschliche Gestalt. Und damit, so Winter, „die Möglichkeit, die entscheidende Frage zu stellen: Wie kann man sich wehren gegen das, was einen kaputt macht?“ Der Untertitel – „ein deutsches Herbstmärchen“ – weist dem wundersamen Erdenwallen der Walin den Weg; nach Stuttgart, wo es Maritimes nur in einem Hotelnamen gibt, der Name eines Stadtteils aber zum Synonym für den „Deutschen Herbst“ 1977 wurde und dessen Akteure zum Inbegriff tödlicher Radikalisierung: Stammheim. Und RAF.
Inzwischen ist die RAF zum Kulturgut geworden, zum „Etikett“, das „gesampelt“ wird, wie Winter sagt, also in veränderten Kontexten radikal strenge Duftnoten verbreitet. Das war bereits 2001 so, als Helmut Lachenmanns „Mädchen mit den Schwefelhölzern“ in der Stuttgarter Oper schon einmal Märchenstoff und RAF, Andersens Erzählung und einen militanten Text Gudrun Ensslins in Wechselspannung setzte. Und kurz nach den Anschlägen vom 11. September ungewollt an Harald Schmidts sarkastisches Bonmot gemahnte: „Wie war es doch vordem / mit Baader-Meinhof so bequem!“
Und jetzt die Reloaded-Version? RAF-Rave? Tanz den Terror? Wenn, dann mit kritischen Taktwechseln. Winter ist an Erklärung statt Verklärung orientiert. „Mythen und Fake News werden in dem Stück gespiegelt im Halbwissen einer Schulklasse auf Geschichtstour.“ Aber eine Schulstunde wird trotz aller wahrheitsgemäßen Unterrichtung nicht daraus. Sondern: eine Oper, die „einen anderen Rhythmus hat als andere Opern“. Aber auch „andockt an eine Theaterwelt, deren Motive man kennt und die einen in die Story hineinziehen“.
Was einen gleich zu Beginn hinein- und Gladis hinunterzieht, ist der verkörperte Staat, der wie beim absolutistischen Staatsphilosophen Thomas Hobbes Leviathan heißt und in der Walschule den Schülerinnen und Schülern seine Herrschaftsmoral überbrät. Gladis begehrt dagegen auf. Ihr Stuttgart-Trip bringt sie in Kontakt mit einer Stadtguerilla. Sie lernt revolutionäre Gedanken kennen – und Skrupel, sie mit Gewalt in die Tat umzusetzen.
„Solche Erfahrungen sind auch die einer Coming-of-Age-Geschichte“, sagt der Autor, eine Gefühlsebene andeutend, die nicht unwesentlich ist. Denn es geht zwar um die Frage, wie weit Widerstand gehen darf, ob Terror gegen den Terror der Ozeandampfer gerechtfertigt ist – für Winter ein exemplarisches Bild für „globale Ungerechtigkeiten“, zu denen er auch den aktuellen Rechtsruck zählt.
Das „Überdenken der eigenen gesellschaftlichen Rolle“, die Frage nach Widerstand und die Definition legitimer Militanz bekämen da eine neue Bedeutung. Aber: „Das Theatermärchen endet mit dem Kuss der wahren Liebe.“ Wie das? Wird natürlich nicht verraten.
Uraufführung
Komponiert von den Brüdern Vivan und Ketan Bhatti, inszeniert von Martin G. Berger und dirigiert von Marit Strindlund wird die Oper „Der rote Wal“ auf den Text von Markus Winter alias Maeckes am Mittwoch, 18. Juni, im Stuttgarter Opernhaus uraufgeführt. Beginn ist um 19 Uhr. Die nächsten Vorstellungen folgen am 22. und 29. Juni sowie am 17., 20. und 22. Juli.
Komponistenduo
Vivan und Ketan Bhatti sind in Bielefeld aufgewachsen. Vivan studierte Musik in München und Düsseldorf, Ketan in Berlin. Als Komponisten sind sie ein Autorenduo. Ihre erste Oper „Discount Diaspora“ auf ein Libretto von Feridun Zaimoglu und Günter Senkel wurde 2011 in Berlin uraufgeführt. Ihre Musik zeichnet sich aus durch Grenzüberschreitungen zwischen Avantgarde, Jazz, Hip-Hop, Film- und Theatermusik.