116 statt der grob geschätzten 55 Millionen Euro haben externe Gutachter für den Umbau des Paketpostamts am Rosensteinpark veranschlagt. Das Scheitern der geplanten Interimsstandorts entfacht die Diskussion um die Zukunft der Stuttgarter Oper von Neuem.

Stuttgart - Der Zug in Richtung Paketpostamt ist abgefahren. Es gibt keinen Rückfahrschein.“ Das hatte OB Fritz Kuhn (Grüne) noch vor wenigen Wochen jenen ins Stammbuch geschrieben, die die Eignung des Standorts für die geplante Interimsoper am Rosensteinpark infrage gestellt hatten. Da konnte Kuhn freilich noch nicht ahnen, welche Summen die auf Wunsch der Stadt eingeschalteten Gutachter für den Umzug sowie den Aus- und Umbau des Postumschlagzentrums an der Ehmannstraße ermitteln würden. Am Mittwoch musste der Rathauschef die Notbremse ziehen: 116 Millionen für ein Übergangsquartier während der auf fünf Jahre geschätzten Sanierungsdauer des Großen Hauses seien der Öffentlichkeit nicht vermittelbar. Kuhn: „Ich leite aus dem Gutachten ab, dass 116 Millionen zu viel sind und dass der Standort deshalb nicht geht.“

 

Bei den vom Oberbürgermeister noch am Mittwoch eilig zusammengetrommelten Vorsitzenden der Gemeinderatsfraktionen herrschte dementsprechend Katerstimmung. „Ich bin entsetzt, dass sich die Kostenschätzungen innerhalb eines Jahres mindestens verdoppelt, wenn nicht gar verdreifacht haben. Das wirft kein gutes Licht auf die Kompetenz im Finanz- und Kunstministerium“, so SPD-Fraktionschef Martin Körner. Die Abteilung Vermögen und Bau des Finanzministeriums hatte zuletzt die Kosten für das Interim grob auf 55 Millionen Euro geschätzt. Körner sagte, der OB sei nun gefordert, bei der Suche nach einer nachhaltigen Lösung eigene Ideen zu präsentieren: „Er sollte sich weniger an Herrn Backes abarbeiten und stattdessen eigene Vorstellungen entwickeln, sagte Körner mit Bezug auf die jüngste Kritik Kuhns an den Vorschlägen des Vereins Aufbruch Stuttgart um den TV-Moderator Wieland Backes und den Architekten Arno Lederer.

Nach dem Willen der Stadt soll der Littmann-Bau Opernspielstätte bleiben

Der Verein fordert, anstelle des denkmalgeschützten Königin-Katharina-Stifts eine neue Oper zu bauen und den historischen Littmann-Bau in einen Konzertsaal umzuwidmen. Für diesen Plan gibt es nach Informationen unserer Zeitung allerdings keine Mehrheit im Rat. Der Littmann-Bau soll nach dem Willen der Stadträte und des Oberbürgermeisters in jedem Fall nach Abschluss der Sanierung weiter als Spielstätte für Oper und Ballett dienen.

Alexander Kotz, Fraktionsvorsitzender der CDU, sieht sich in seiner Kritik an dem Verlauf der Standortsuche bestätigt: „Wir waren immer gegen eine Vorfestlegung auf ein Areal. Es zeigt sich nun, dass mit dem Paketpostamt nicht der Stein der Weisen gefunden wurde.“ Die CDU sehe aber im Aus für das bisherige Operninterim auch die Chance, die Diskussionen der jüngsten Vergangenheit bei der Suche nach einer Alternative einzubeziehen. Die Fraktion will dazu am Montag bei einem Pressegespräch Stellung beziehen.

Andreas Winter (Grüne) sieht ebenfalls Chancen, nun nochmals über eine nachhaltige Lösung statt über ein reines Interim zu diskutieren. Die Suche nach einem Alternativstandort müsse auch unter dem Aspekt einer kulturellen Nachnutzung eines Gebäudes gesehen werden. „Wenn wir irgendwo etwas Neues bauen, muss der Fokus auf der Art der späteren Nutzung liegen.“ Gleichzeitig müsse der Bau so gestaltet werden, dass er den Mindestansprüchen der Oper und des Balletts genüge. Der Sprecher von SÖS/Linke-plus, Hannes Rockenbauch, spricht von einem „schlechten Omen“ für die Sanierung der Oper. Die Kostenexplosion beim Interim zeige aber vor allem eines: „Alle Lippenbekenntnisse helfen nichts, solange keine gescheite Planung vorliegt.“

Die Liberalen im Gemeinderat, die bisher als Einzige die Ideen für den Bau einer neuen Oper am Gebhard-Müller-Platz begrüßt haben, betonten, es dürfe nun „keine Vorab-Ausschlüsse“ mehr geben. Die Vorschläge von Aufbruch Stuttgart, aber auch die Idee einer neuen Oper im Akademiegarten am Charlottenplatz müssten genau diskutiert werden.

Aufbruch-Chef Backes spricht von „Etappensieg des bürgerschaftlichen Engagements“

Auch Wieland Backes sieht sich in seiner bisherigen Einschätzung bestätigt: „Wir sehen im Aus für das Interim in der Ehmannstraße einen wichtigen Etappensieg in unserem bürgerschaftlichen Engagement“, so der Aufbruch-Sprecher. Nachdem seine Initiative die Ausschreibung eines eigenen städtebaulich-architektonischen Wettbewerbs zur Umgestaltung der Kulturmeile angekündigt habe, sollte nun „die Aufgabenstellung der neuen Situation angepasst werden“.

Fest steht: Die erneute Suche nach einem Ausweichquartier wird den Beginn der Umbauarbeiten im Littmann-Bau um Jahre verzögern. Bisher war man von einem Baubeginn frühestens im Jahr 2023 ausgegangen. Nun ist von 2025 die Rede. Der Verwaltungsrat der Württembergischen Staatstheater will nun parallel zur Standortsuche für das Interim die Sanierungskosten detailliert errechnen lassen. Bisher stehen dafür bis zu 500 Millionen Euro im Raum.