Opfer des Polizeieinsatzes Erstaunen über die Solidarität

Lokales: Nicole Höfle (höf)

Daniel Kartmann meidet den Schlossgarten, seitdem der Strahl des Wasserwerfers ihn umgehauen hat. Der 34-Jährige sitzt in seinem Atelier im Stuttgarter Süden, das er vor kurzem angemietet hat, um Schlagzeug zu üben. Der Raum ist karg und ein wenig kühl. Während bei Dietrich Wagner die Wut überwiegt, ist es bei Daniel Kartmann das Erstaunen über die Solidarität, die er in den vergangenen Monaten erlebt hat. Auch der Musiker ärgert sich über Politiker, die versucht haben, "Demonstranten zu kriminalisieren". Auch er ärgert sich darüber, dass, wie er findet, bei Stuttgart 21 wirtschaftliche Interessen über das Allgemeinwohl gestellt würden. Aber die meiste Zeit erzählt der 34-Jährige von der Hilfsbereitschaft der Menschen.

Kaum war er aus der Augenklinik im Stuttgarter Westen entlassen, rollte die Lawine der Solidarität an. Fremde Menschen warfen Umschläge mit Geld in seinen Briefkasten, Steuerberater boten ihre Hilfe an, Freunde organisierten Benefizkonzerte. In der Kindertagesstätte sammelten die Eltern und bezahlten zwei Monate für Kartmanns jüngsten Sohn. "Ohne die Spenden hätte ich in den ersten zwei Monaten, in denen ich gar nicht arbeiten konnte, HartzIV beantragen müssen."

Rechtsstreit belastet Kartmann

Als er sich bei den Eltern bedankte, kamen dem Vater von drei Kindern die Tränen. "Es ist eine Mischung aus Scham und Dankbarkeit." Scham, weil Kartmann sein Geld immer selbst verdient hat. Dankbarkeit, weil er so viel Hilfsbereitschaft nie und nimmer erwartet hätte.

Daniel Kartmann hat noch immer Probleme, Noten zu lesen. Und er hat sich damit abgefunden, beim dienstäglichen Kick mit seinen Freunden das Tor nicht mehr zu treffen. Der 34-Jährige musste operiert werden, weil sich die Netzhaut auf dem rechten Auge ablöste. Sein Arzt Wilko Friedrichs sagt, dass der Eingriff gut verlaufen sei, auch wenn ihn dieser 2,5 Dioptrien gekostet habe. Geblieben ist Kartmann zudem eine stark geweitete Pupille, die ihn gegen Sonnenschein empfindlich macht. Trotzdem arbeitet der Familienvater wieder so viel wie früher. Nur gibt es diese Momente, in denen er feststellen muss, dass die Kräfte nachgelassen haben. Der Rechtsstreit belastet ihn und die vielen Termine, die mit dem 30. September zu tun haben.

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