Ordensbrüder verlassen das Kloster Ave Maria Die letzten Kapuziner

Fromme Männer-WG, kurz vor dem Auszug aus dem Kloster Ave Maria: Pater Pirmin, Pater Flavian, Pater Felix und Pater Alban (von links) Foto: Andreas Reiner

Das das Kloster Ave Maria in Deggingen droht zu verwaisen: Die verbliebenen Pater werden Ende Oktober ausziehen. Sie hinterlassen eine große Lücke. Ein Abschiedsbesuch.

Reportage: Frank Buchmeier (buc)

Deggingen - Wenn man die Bundesstraße in Deggingen verlässt, die Fils überquert, den Penny-Markt links liegen lässt und dem Weg in Richtung Albtrauf folgt, erreicht man bald einen wunderbaren Ort. Der Legende nach soll hier oben am Waldrand einst mitten im Winter ein Rosenstock geblüht haben. Auf dessen Blättern stand ein katholischer Gruß: Ave Maria. Im Mittelalter wurde an dieser heiligen Stätte eine Holzkapelle errichtet. Etwas unterhalb kam 1716 eine Wallfahrtskirche hinzu und gleich nebenan 1932 ein Kapuzinerkloster. Doch dieses Kloster wird bald Vergangenheit sein.

 

Pater Felix, 73, ist der letzte Kapuziner. Jedenfalls wird der Leiter des Klosters Ave Maria derjenige sein, der am 28. Oktober die Pforte schließt und den Schlüssel abgibt. „Nicht immer kann die bedeutende Geschichte eines Ortes über die aktuellen Nöte hinweghelfen“, sagt er.

Wie den meisten christlichen Glaubensgemeinschaften fehlt den Kapuzinern der Nachwuchs. Vor 40 Jahren gab es in Deutschland noch rund 600 Ordensbrüder, mittlerweile sind es nicht einmal mehr 120. Davon haben die meisten das offizielle Rentenalter längst überschritten. „Das Priesterdasein besitzt heutzutage wenig Anziehungskraft“, sagt Pater Felix. „Das rasante Leben drängt frühere Ideale in den Hintergrund: Gute Bezahlung ist wichtiger als der Dienst an Gott und den Menschen.“

Drei Mitbewohner sind ihm geblieben. Pater Alban, 85, macht die Gesundheit zu schaffen. Pater Flavian, 83, kann sich Gott sei Dank noch mit voller Kraft in die Seelsorge stürzen. Und Bruder Pirmin, mit seinen 69 Jahren der Jungspund in der frommen Männer-WG, kümmert sich um die Pforte, die Kirche und die Sakristei. Hinzu kommen ein Hausmeister, eine Putzfrau und eine Köchin, die vom Orden bezahlt werden. Zukunftsfähig sei diese Personaldecke nicht, befand der Leiter der Deutschen Kapuziner-Provinz, Marinus Parzinger, im vergangenen Jahr und beschloss, das Kloster aufzulösen.

Ein 16-Stunden-Arbeitstag

Noch schlägt das Herz von Ave Maria. Um Viertel nach sieben trifft sich die Brüdergemeinschaft zum Morgengebet: ein paar Psalmen, Fürbitte. Anschließend Frühstück. Über den Tag erfüllen Pater Felix und Pater Flavian ihre pastoralen Aufgaben: mindestens ein Gottesdienst in der Wallfahrtskirche, dazu Beerdigungen, Taufen, Hochzeiten, Hausbesuche und die Betreuung von Kranken in der Bad Ditzenbacher Vinzenz-Klinik. Von Dienstag bis Samstag, jeweils 14 bis 17 Uhr, ist der Beichtstuhl neben der Kirche besetzt. Zudem klingeln ab und an Bettler an der Pforte. Pater Felix hört sich ihre Geschichten geduldig an und gibt mal zehn, mal zwanzig Euro. Er ahnt, dass manches nicht stimmt, was ihm aufgetischt wird: „Aber wer bloß so tut, als wäre er bedürftig, ist in gewisser Weise auch arm dran.“

Um 18 Uhr trifft sich Pater Felix mit den drei Mitbrüdern wieder zum Gebet. Nach dem Abendbrot setzt er sich nicht vor die „Tagesschau“, sondern in seinen Volkswagen. Ringsum besucht er Menschen, die seinen seelischen Beistand benötigen. Alte, die sich einsam fühlen. Kranke, die über Schmerzen klagen. Eltern, die ein Kind verloren haben. „Ich mag das wahre Leben“, sagt Pater Felix.

Der Kapuzinerorden geht auf Franz von Assisi zurück, der sich im 13. Jahrhundert von seiner reichen Kaufmannsfamilie löste, um wie Jesus ein karges Leben als Wanderprediger zu führen. Rund 300 Jahre später gründete Mateo de Bascio die Minderen Brüder, die sich um die Notleidenden kümmerten. Wegen der spitzen Kopfbedeckung an ihrem Gewand wurden sie im Volksmund „Cappuccini“ genannt. Während die Pest wütete, blieben die Kapuziner an der Seite der Sterbenden, 1520 gründeten sie die erste Feuerwehr in Paris, heute helfen sie zum Beispiel in afrikanischen Aidsstationen.

Pater Felix’ Reise zu Gott beginnt 1945 auf einem Bauernhof im Chiemgau. Seinerzeit hört er noch auf seinen Taufnamen Konrad Georg Kraus. Sein Vater ist im Krieg gefallen. Konrad hat drei Geschwister, er ist der Jüngste. Bis zur sechsten Klasse besucht er die Dorfschule, das Gymnasium ist 30 Kilometer entfernt. Um den bildungshungrigen Sohn kräftig zu füttern, schickt ihn seine Mutter in ein Internat nach Altötting, das von Kapuzinern geführt wird. Für Konrad Georg Kraus ist es der Beginn einer großen Klosterkarriere: Nach dem Abitur macht er eine Ordensausbildung in Laufen an der Salzach, 1972 wird er in Altötting zum Priester geweiht, anschließend studiert er in Augsburg Theologie.

Es folgt ein Berufsleben, das mit dem Klischee des einsiedlerischen Mönchs nichts gemein hat. Zunächst unterrichtet Pater Felix am Kurfürst-Maximilian-Gymnasium in Burghausen katholische Religion, dann ist er Gefängnisseelsorger in Aschaffenburg, und schließlich wird er an den größten deutschen Wallfahrtsort Altötting berufen. Als Oberer – wie die Geschäftsführer bei den Kapuzinern genannt werden – organisiert er den Besuch von Papst Benedikt am 11. September 2006, stimmt sich mit der Polizei ab und beantwortet die unzähligen Medienanfragen. Zeit zur Kontemplation bleibt ihm kaum.

Armut, Gehorsam und Keuschheit

Das Geld, das Pater Felix verdient, bekommt der Orden. Kapuziner geloben Armut, Gehorsam und Keuschheit. Nach ihrer Philosophie ermöglicht der bewusste Verzicht auf das, wonach die meisten Menschen streben, die Konzentration auf das einzig Wahre: nicht danach schauen, dass es einem selbst gut geht, sondern dazu beitragen, dass es anderen gut geht. „Es gibt nichts Wertvolleres, als Menschen zu begleiten“, sagt Pater Felix. Doch welcher junge Mann folgt heutzutage noch einer solchen Berufung?

Es fehlt nicht an Geld – die Spendenbereitschaft ist groß. Es fehlen Geistliche. Die deutschen Kapuziner haben zurzeit nur einen einzigen Novizen in ihren Reihen. Pater Felix ist bewusst, dass kein Weg daran vorbeiführt, Klöster zu schließen. Aber warum muss ausgerechnet Ave Maria dran glauben, ein Wallfahrtsort, der alljährlich so viele Menschen anzieht, dass man damit locker fünfmal die Mercedes-Benz-Arena füllen könnte? Die alltäglichen Gottesdienste in der geistlichen Einsiedelei auf der Alb sind besser besucht als manche Sonntagsmesse in Stuttgart. Dazu die Pilger, die den Kreuzweg von Deggingen hinaufmarschieren und vor jeder der 14 Stationen auf Knien zu ihrem Herrgott beten. Oder die normalen Wanderer, die nur kurz aufs WC wollten, dann aber staunend vor der Franzikusgrotte, dem Freialtar und der Kerzenkapelle stehen bleiben. Oder die Kunstliebhaber, die in der spätgotischen Kirche die filigranen Freskogemälde und die reiche Stuckornamentik betrachten. Oder die Motorradfahrer, die jedes Frühjahr angebraust kommen, um sich und ihre Maschinen von Pater Flavian segnen zu lassen. Wer also soll sich um diese riesige Herde kümmern, wenn die alten Hirten weggezogen sind?

Die Klosteranlage der Kapuziner und die spätbarocke Wallfahrtskirche gehören Stiftungen. Die Diözese Rottenburg-Stuttgart ist dafür zuständig, die Sakralbauten mit katholischem Geistesleben zu füllen. Am liebsten hätte sie die Verantwortung und das Nutzungsrecht wieder an einen Orden gegeben, aber in Deutschland haben Franziskaner, Benediktiner, Dominikaner et cetera alle das gleiche Problem: Sie sterben allmählich aus. In weniger wohlhabenden Ländern ist die Lage nicht so hoffnungslos. Ordensgemeinschaften aus Polen und Kroatien haben sich zuletzt Ave Maria angesehen, um zu erkunden, ob das Kloster für sie als Dependance infrage komme. Kam es aber nicht. Nun sollen vom kommenden Frühjahr an ein Priester der Diözese und zwei indische Pater zumindest die Gottesdienste und die Seelsorge übernehmen. Bis dahin werden Vertretungen dafür sorgen, dass die Wallfahrer nicht vor verschlossenen Kirchentüren stehen.

Abschiedsgottesdienst am 28. Oktober

Über Generationen ist zwischen den Kapuzinern von Ave Maria und den Menschen ringsum auf der Alb eine enge Verbindung entstanden. Es wird ein schmerzhafter Einschnitt, wenn diese Beziehung nun endet. Bei dem festlichen Abschiedsgottesdienst wird die Kirche überfüllt sein, der Weihbischof, der Bürgermeister und der Landrat werden ihr großes Bedauern äußern und Kinder ein lustiges Lied singen, das Pater Felix mit ihnen einstudiert hat: „Als vor Millionen von Jahren noch Dinos in Ave waren, da hat Gott fröhlich gelacht und an euch Kapuziner gedacht.“

Was wird aus den vier Dinosauriern, die Ave Maria nun verlassen müssen? Pater Flavian kommt unten im Tal bei den Vinzentinerinnen unter. Pater Alban und Bruder Pirmin ziehen ins Kapuzinerkloster im westfälischen Münster. Und Pater Felix wird in Innsbruck, wo die deutschsprachige Geschichte des Ordens vor gut 400 Jahren begann, weiterhin wohltätig wirken.

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