Stuttgarter Sanitärreiniger Herr Sirena hält die Toiletten der Stadt sauber – seit 25 Jahren

Saubere Klohäuschen liegen Teodoro Sirena seit 25 Jahren am Herzen. Foto: Lichtgut/Max Kovalenko

Der Sanitärreiniger Teodoro Sirena kam vor vielen Jahren von der Adria an den Neckar. Seither sorgt er für Ordnung und Hygiene in Stuttgarts öffentlichen Toiletten. Gelegentlich übermannt den ehemaligen Matrosen die Sehnsucht nach Meer.

Stuttgart - Der Tag ist noch jung, 6 Uhr. Die Klett-Passage ist – bis auf einen Imbiss – noch im Tiefschlaf. Irgendwoher riecht es schwach nach gegrillten Hähnchen, aus den Lautsprechern rieselt „Rock you like a Hurricane“ von den Scorpions. In toten Winkeln liegen Wohnungslose, bis zum Scheitel eingehüllt in Schlafsäcke.

 

Teodoro Sirena ist absolut pünktlich. Arbeitshose, Jacke und T-Shirt in dunkelblauer Dienstkleidung, am Ärmel das Signet des Abfallwirtschaftsbetriebs der Stadt Stuttgart (AWS). In der Hand hat der Mann mit dem dichten, dunklen Haar eine Rolle Mülltüten und eine Sprühflasche. „Das habe ich mitgebracht aus der Betriebsstelle in Vaihingen“, sagt er. Dort war er schon um 5.20 Uhr, hat sein Fahrzeug, Papierhandtücher, Klopapier und Putzmittel abgeholt. „Der Chef sagt uns morgens, wo etwas kaputt ist oder wo wir Graffiti wegmachen müssen“, sagt Sirena und hebt seine Hand mit der Sprühflasche.

Wertgegenstände halten den Betrieb auf

Es ist 6.30 Uhr. Zeit, die Toilettenanlage am Nordausgang der Klett-Passage zu reinigen. Sirena öffnet den Zwischenraum zwischen Männer- und Frauenklo. In einer Ecke hängt ein Foto von Jesus am Kreuz. Teodoro Sirena holt Mülltonne, Besen und Greifzange aus der fensterlosen Kammer und beginnt, die Kabinen zu inspizieren. Die erste Toilette ist überhäuft mit Klopapier, zum Glück unbenutzt. Es wandert in die Tonne. Neben der Kloschüssel aus Edelstahl liegt ein Shopper. Goldene Schließen, kariertes Stoffmuster. Die Beute eines Handtaschenraubs? Weggeworfen aus Überdruss? Jedenfalls ein Fall für den Restmüll. „Wenn da jetzt ein Ausweis oder Wertsachen drin gewesen wären, hätte ich das zur Polizeiwache rübergebracht. Er ist sichtlich erleichtert. „Da hätte ich Überstunden machen müssen.“

Der Tag beginnt also gut für Teodoro Sirena. Auch kein kollabierter Drogenkranker in der Toilette. „Schlimm ist das“, sagt er, und meint damit auch das Schicksal der Abhängigen. In der dritten Kabine ist ein großes Geschäft unter Hochdruck schwer daneben gegangen. „Das muss nachts passiert sein“, sagt der Sanitärreiniger, denn abends werde in der Klett-Passage noch mal geputzt. Im Männerklo ist eine Schüssel verstopft, im Urinal liegt eine aufgerissene Aludose. „Damit schneiden sich die Süchtigen die Adern auf, wenn sie keine Nadel mehr reinkriegen.“ Wenn’s nach ihm ginge, sollte die Anlage nachts lieber geschlossen sein.

In der Stadt ist das WC künftig kostenlos

Der Abfallwirtschaftsbetrieb Stuttgart hat andere Ziele. 46 der 73 öffentlichen Toilettenanlagen sind seit Jahresbeginn kostenfrei. Rund um die Uhr. Rund 30 öffentliche WCs sind Mietobjekte. Wenn der Vertrag für diese selbstreinigenden Klos 2025 ausläuft, will der AWS auch dort die Gebühren abschaffen. Die Stadt verzichtet jetzt jährlich auf rund 170 000 Euro Einnahmen aus WC-Gebühren. AWS-Chef Markus Töpfer sagt: „Die lästige Suche nach Kleingeld hat ein Ende. Und wir wollen Wildpinkler motivieren, statt der Hinterhöfe und Hauseingänge die öffentlichen Toiletten zu nutzen.“ Teodoro Sirena ist skeptisch. „Ich glaube, seither ist da mehr Schmutz.“ Auch mehr Graffiti. Tags zuvor seien alle Wände vollgeschmiert gewesen.

Inzwischen hat er einen Kärcher an Strom und Wasserleitung angeschlossen. Die Pumpe dröhnt und schickt Seifenwasser in die Düse. Teodoro Sirena strahlt damit die weiß-blau gekachelten Wände, Edelstahlkabinen, Kloschüsseln, Urinale und Waschbecken ab. Das verstopfte Abwasserrohr gibt unter dem Druck des Kärcher den Weg frei. „Sonst hätte der Klempner kommen müssen“, sagt Sirena, und lenkt den Strahl auf die dunkelgrauen Bodenfliesen.

20 Klorollen für die Klett-Passage

Mit einer motorisierten Bürste rückt er dem Schmutz zu Leibe. Aus dem dunkelgrauen Bodenbelag wird ein hellgrauer, und eine schwarze Brühe rinnt in die Abläufe. Jetzt nimmt der scharfe Geruch nach Fisch und Ammoniak ab, verdrängt vom Wasser und den Duftstoffen aus dem Reinigungsmittel. Mit einer Gummilippe schiebt der Sanitärreiniger die letzten schwarzen Rinnsale zum Ablauf, verstaut alle Geräte, füllt Seife auf und Klopapier nach. „Bei den Frauen brauche ich jeden Morgen zwölf Rollen, bei den Männern acht“, sagt er. Er desinfiziert Türgriffe und Seifenspender, die Druckknöpfe für die Wasserspülung und die Griffe der Klobürsten. Er schaut sich zufrieden um und sagt: „Ich denke, jetzt ist es gut.“

Schweißperlen haben sich auf seiner Stirn gesammelt. „Wenn es im Sommer heiß ist, dann ist das Arbeiten hier eine Katastrophe, dann muss ich dreimal das T-Shirt wechseln“, sagt er lachend. Der Mann ist Hitze gewöhnt. Er ist in Brindisi geboren, einer adriatischen Küstenstadt am Stiefelabsatz Italiens, 1500 Kilometer südlich von Stuttgart. Sein Vater sei nach dem Krieg Bombenräumer für die Marine gewesen, ihm habe er zu verdanken, dass er bei der Seefahrt gelandet sei. „Als marinaio“, als Matrose, sagt er. Doch auf den Schiffen sei er viele Monate unterwegs gewesen, was ihm nach seiner Hochzeit gar nicht mehr gefallen habe. Die Alternative war ein Job in Deutschland, in Stuttgart. Heute reist er mit Frau und Tochter vor allem im Urlaub von Obertürkheim nach Apulien, zum Bootfahren und Angeln. Der Neckar scheint nur ein schwacher Trost: „Das Meer fehlt mir“, sagt er.

Seit 25 Jahren verlässlich im Dienst

Das WC-Häuschen am Ostendplatz, 1920 gebaut, in den 80er Jahren renoviert und 2008 wegen der Straßenbahn versetzt, ist weniger geräumig als die Anlage am Arnulf-Klett-Platz aus dem Jahr 1976. Deshalb hat der Sanitärreiniger hier keine Maschinen: Gespritzt wird mit dem Schlauch, geschrubbt mit dem Schrubber, und seine Wunderwaffe gegen Graffiti hilft ihm hier auch nicht weiter. „Da müssen die Maler kommen“, sagt er, und beeilt sich, bei aller Sorgfalt zügig voranzukommen.

Auf keinen Fall will er, dass es Beschwerden gibt oder der Chef ihn womöglich maßregeln könnte. „Ich mache das jetzt seit 25 Jahren, und ich bin noch nie abgemahnt worden“, sagt Teodoro Sirena stolz. Es ist schon 9 Uhr vorbei, er muss weiter, zur WC-Anlage am Killesberg und am Bismarckplatz, zur Uhlandshöhe und zum Feuersee. Aber vorher mache er eine Pause. Einen Espresso trinken? In Gedanken an das Meer und die frische Brise? Er grinst. „Nein, nein, in der Kantine vom AWS.“ Das ist eher kein Ort für Träume.

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