Organisierte Kriminalität Wie stark ist die Mafia im Südwesten?

Vor fast vollen Reihen diskutierten (von rechts) Mafia-Experte Sandro Mattioli, Dominic Zimmermann vom LKA, die FDP-Politikerin Julia Goll und Moderator Stefan Orner darüber, wie die Mafia in Baden-Württemberg gestoppt werden kann. Foto: Lichtgut/Christoph Schmidt

Erpressungen, Entführungen, Schießereien – das ist die traditionelle Vorstellung von der Mafia in Italien. Dass sie auch in Deutschland ihr Unwesen treibt, ist dagegen kaum bekannt.

Volontäre: Julian Meier (mej)

Als Mafia-Experte in Deutschland hat man es nicht leicht. Seit 15 Jahren beschäftigt sich Sandro Mattioli schon mit dem Thema, reist durchs ganze Land, weist auf Missstände hin, warnt vor den Gefahren – doch in der breiten Masse durchgedrungen ist er damit bis heute nicht. Das Bild von der Mafia ist in der Bundesrepublik immer noch ein romantisch verklärtes, geprägt durch Filmklassiker wie „Der Pate“ oder „GoodFellas“. Dass sie auch hierzulande stark verankert ist, ist nur wenigen bewusst.

 

Dabei ist Deutschland nach Italien der zweitgrößte Standort der Mafia in Europa. Laut Zahlen der Bundesregierung leben derzeit 933 Mafiosi in der Bundesrepublik, der Großteil davon gehört der berüchtigten ’Ndrangheta mit Sitz in Kalabrien an. So zumindest die offiziellen Zahlen. Wenn man mit italienischen Staatsanwälten spreche, sei eher von einer Größenordnung von mehreren Tausend die Rede, erzählt Mattioli. „Das sollte uns eigentlich zutiefst beunruhigen.“

Baden-Württemberg ist traditionell ein Mafia-Hotspot

Das Interesse an dem Thema ist durchaus vorhanden. Bei einer Podiumsdiskussion am Mittwochabend, welche die Volkshochschule Stuttgart in Kooperation mit der Friedrich-Naumann-Stiftung und der Reinhold-Maier-Stiftung organisiert hat, sind die Reihen fast vollständig gefüllt; gut 60 Personen sind gekommen. Das Thema: „Baden-Württemberg und die Mafia“.

Gerade der Südwesten zählt zu den regionalen Hotspots – und zwar das ganze Bundesland. „Egal, wo in Baden-Württemberg Sie sind, irgendwo in der Nähe ist immer ein Mafioso“, sagt Mattioli. Die sizilianische Cosa Nostra sei vor allem in Mannheim verwurzelt, die ‘Ndrangheta in Stuttgart und Umgebung. Wann genau die Mafiosi nach Deutschland gekommen sind, lässt sich heute nicht mehr nachvollziehen. Klar ist nur, dass sie infolge der Gastarbeiterbewegung in den 1950er- und 1960er-Jahren ins Land gekommen sind, als Deutschland beim Wiederaufbau nach dem Zweiten Weltkrieg auch auf italienische Einwanderer setzte.

Mafia-Fall Mario L. schlug in den 90er Jahren hohe Wellen

Doch warum ausgerechnet Baden-Württemberg? Das hängt laut Mattioli auch damit zusammen, dass der Südwesten ein „extrem attraktives Land“ sei, mit einer florierenden Wirtschaft und großem Wohlstand. „Follow The Money“ sei das Motto, sagt Moderator Stefan Orner, selbst Co-Autor des Podcasts „Mafia Land“. Dazu sei hier auch „der Sinn fürs Gute“ stark ausgeprägt, ergänzt Mattioli. Man geht gerne gut essen, zum Beispiel zum Italiener um die Ecke. Von der Vorstellung vom Sehnsuchtsland Italien profitiere auch die Mafia.

Der Journalist und Mafia-Experte Sandro Mattioli hat auch ein Buch zum Thema geschrieben. Der Titel: „Germafia: Wie die Mafia Deutschland übernimmt“. Foto: Lichtgut/Christoph Schmidt

Der Fall des Weilimdorfer Promiwirts Mario L. schlug in den 1990er-Jahren hohe Wellen. „Der Vorzeigemafioso in Baden-Württemberg“, wie Mattioli ihn nennt, war damals ins Visier der deutschen Staatsanwaltschaft geraten. Zuvor soll er mit dem damaligen CDU-Landtagsfraktionschef und späteren Ministerpräsidenten Günther Oettinger befreundet gewesen sein. Aber erst 2018 wurde Mario L. festgenommen – in Italien.

Neue Abteilung des LKA kümmert sich ausschließlich um Mafia-Tätigkeiten

Lange Zeit sei in Deutschland zu wenig gegen die Mafia unternommen worden. Doch mittlerweile sieht Mattioli „bedeutende Fortschritte“. Im Landeskriminalamt (LKA) Baden-Württemberg wurde ein Projekt initiiert, bei dem sich eine kleine zweistellige Zahl Beamter rein der Bekämpfung der Italienischen Organisierten Kriminalität (IOK) widmet, wie die Mafia-Tätigkeit in der Terminologie der Strafverfolgungsbehörden heißt. Deren Leiter ist Dominic Zimmermann, der am Mittwochabend ebenfalls an der Podiumsdiskussion teilnimmt.

Die neue Abteilung tauscht sich regelmäßig mit den italienischen Behörden aus. Anders als aus Italien bekannt gebe es hierzulande keine Gebietskämpfe, im Gegenteil stellt das LKA sogar Zusammenarbeit zwischen den verschiedenen Organisationen fest, berichtet Zimmermann. Und anders als aus Filmen bekannt gibt es in Deutschland so gut wie keine Schießereien. Das größte Problem sei dagegen die Finanzkriminalität, sagt Mattioli. Und das werde wiederum auch zu einem Problem für die Demokratie: „Dieses mafiöse Vorgehen höhlt unsere Gesellschaft langfristig aus.“

Möglichkeiten der Strafverfolgungsbehörden in Deutschland sind begrenzt

Doch es gibt in Deutschland immer noch große rechtliche Hürden, was eine effektive Bekämpfung der Mafia anbelangt. Das fängt schon damit an, dass man nicht einfach jemanden als Mafioso bezeichnen darf. Erst wenn eine Mafia-Mitgliedschaft rechtlich nachgewiesen ist, geht das – aber das ist kompliziert. Auch ist die Strafandrohung bei einer Mafia-Mitgliedschaft sehr niedrig, vergleichbar mit einem Diebstahl. In Deutschland liegt der Fokus auf Einzeldelikte – anders als in Italien, wo auf einer nachgewiesenen Mafia-Mitgliedschaft eine Mindestfreiheitsstrafe von zehn Jahren steht.

Dominic Zimmermann leitet das Projekt zur Bekämpfung der Italienischen Organisierten Kriminalität beim LKA. Foto: Lichtgut/Christoph Schmidt

Der Kampf gegen Geldwäsche gestaltet sich ebenfalls schwierig. Die im Koalitionsvertrag von Union und SPD angekündigte Beweislastumkehr würde dem LKA die Arbeit jedenfalls sehr vereinfachen, wie Zimmermann erklärt. Bei Vermögen aus unklarer Herkunft müsste demnach zukünftig der Besitzer nachweisen, dass er das Geld aus legalen Quellen erhalten hat. Die stellvertretende Vorsitzende der FDP-Fraktion im Stuttgarter Landtag und ehemalige Richterin Julia Goll findet allerdings, dass „unser Strafrecht sehr gut aufgestellt ist“. Eine höhere Strafandrohung wirke weniger abschreckend als größere Ermittlungserfolge. Die vermeintliche Romantik, die die genannten Filmklassiker vermitteln, müsse dagegen weg. Denn die Mafia ist eben nicht nur im entfernten Italien, sondern vor jedermanns Haustür.

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