Organist der Leonhardskirche Ein 19-Jähriger zieht alle Register

Jakob Reichmann gilt als großes Talent unter den Stuttgarter  Organisten. Foto: Martin Haar
Jakob Reichmann gilt als großes Talent unter den Stuttgarter Organisten. Foto: Martin Haar

Jakob Reichmann begeistert als Organist die Gemeinde und den Pfarrer der Leonhardskirche. Der 19-Jährige ist Schüler des Star-Organisten Jörg Halubek.

Lokales: Martin Haar (mh)
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Stuttgart - Angeblich soll schon Martin Luther ein äußerst zwiegespaltenes Bild zur Orgel gehabt haben. Einerseits soll ihm das „Geschrei der Orgel“ zu schnell, zu laut gewesen sein und erinnerte ihn an das „Geplärr der Mönchschöre“. Anderseits meinte der Reformator: „Die Musik ist ein reines Geschenk und eine Gabe Gottes, sie vertreibt den Teufel, sie macht die Leute fröhlich und man vergisst über sie alle Laster.“ Gut 500 Jahre später hat sich nichts verändert. Die Orgelmusik trennt die Kirchgänger von heute oft, wie Moses das Rote Meer, in zwei Teile: in Liebhaber und Ablehnende.

Auch Siegfried Zimmer, der beliebte Prediger bei Gospelhaus in der Friedenskirche, sagte einmal im Interview mit dieser Zeitung: „Die hohe Zeit der Orgel als Hauptinstrument ist meiner Meinung nach vorüber. Ich bin keineswegs dafür, dass man die Orgel abschafft. Das wäre unrealistisch. Zudem hat die Orgelmusik ja auch ihre große Tradition und Bedeutung. Aber wir brauchen eine echte Reformation in der Kirchenmusik. Viele heutige Menschen können mit der ­Orgelmusik nicht mehr viel anfangen. Die Orgeln binden auch sehr viel Geld, was Kauf, Pflege und Restaurierung anbelangt. Weitaus weniger Geld ist notwendig für ­Gitarre, Bongo und Schlagzeug.“

Hat die Orgel ausgedient?

Dass sich nun ausgerechnet ein 19-Jähriger zur Liebhaberei des mächtigen Instrumentes bekennt, mag angesichts seines Alters verwundern. Wie so manches mehr in der Geschichte von Jakob Reichmann, der in Kreisen der Stuttgarter Kirchenmusik neudeutsch als ein vielversprechender Rookie gilt. Also so etwas wie ein aufgehender Stern.

Reichmann ist Organist in der Leonhardskirche. Und dort zieht er nicht nur sonntags im Gottesdienst alle Register. Wie man aus der Gemeinde hört, macht der junge Organist dies ganz im Sinne Luthers – zum Wohlgefallen der Gläubigen. Frei nach Luther schlägt der Student der Kirchenmusik als Mittel gegen die Traurigkeit in Zeiten von Corona „unserem Herrn Christo ein Lied auf der Orgel“ an.

Heinz Rittberger, langjähriger Kirchengemeinderatsvorsitzender und Institution im Viertel, schnalzt mit der Zunge, wenn die Rede auf Jakob Reichmann kommt: „Er ist unser Käpsele“, sagt der Inhaber von Seifen Lenz, „er ist begnadet und ein Gewinn für die Gemeinde.“ Man könne sich kaum vorstellen, „was uns Jakob Reichmann in diesen wenigen Monaten seines Wirkens schon beschert hat“. Dieser Anerkennung schließt sich Pfarrer Christoph Doll nahtlos an: „Er ist der Benjamin unter den fest angestellten Organisten. Er lässt schon jetzt durch sein virtuoses Spiel aufhorchen und großes Potenzial erkennen. Zuletzt gestaltete er abwechselnd mit unserem Kantor eine Reihe mit gottesdienstlicher Orgelmusik. Im Fokus standen große Orgelwerke von Bach, in denen er brilliert.“

Bach als Konstante

Natürlich Johannes Sebastian Bach: Am Großmeister kommt kein Organist vorbei. Auch für Jakob Reichmann ist Bach sowohl eine „Konstante“, als auch ein Quell, der ihn „immer wieder Neues entdecken lässt“. Insofern verwundert es nicht, dass Reichmann selten abtrünnig wird: Er hört auch privat fast nur klassische Musik, nur ab und an etwas Jazz.

Woher die geschmackliche Präferenz kommt? Natürlich aus der Jugend. Wie so oft bei Menschen mit außergewöhnlichen Fähigkeiten fallen Gabe und Prägung sowie Talent und Fleiß zusammen. Der angehende Virtuose beginnt mit sechs Jahren Geige zu spielen und hat mit 14 nur einen Wunsch: Das Orgelspiel zu erlernen. Die Eltern sind dabei freilich Wegbereiter, aber der Impuls zur Berufung kam, als Jakob Reichmann neben dem Kantor seiner Heimatgemeinde bei Heilbronn die Noten umblättern darf: „Sein Spiel hat mich begeistert. Und oben auf der Empore war ich noch mehr im Klang drin.“

Dieses Einssein mit dem Klang und dem Spiel ist wohl Voraussetzung für das, was seine Zuhörer in der Leonhardskirche fühlen, wenn sie Reichmanns Spiel in einen Bann schlägt. Dann wird Orgel-Musik zur Brücke in die Herzen der Menschen und zu Gott. Obwohl Jakob Reichmann an der Staatlichen Hochschule für Musik und darstellende Kunst noch so manches von Star-Organist Jörg Halubek zu lernen hat, verfügt sein Spiel offenbar schon jetzt viel von dieser verbindenden Kraft. Eine Kraft, die einige zum Liebhaber der Orgel bekehren könnte.




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