Organspende Widerspruchslösung wäre ein dreister staatlicher Übergriff

Der NRW-Gesundheitsminister Karl-Josef Laumann (CDU) nennt die Spende einen „Liebesbeweis an die Menschheit“. Foto: dpa/Marius Becker

Viele Menschen ringen beim Thema Organspende mit sich und kommen zu keinem Ergebnis. Dies als Zustimmung umzudeuten, ist moralisch nicht zu rechtfertigen, sagt unser Berliner Korrespondent Norbert Wallet.

Berliner Büro: Norbert Wallet (nwa)

Der Bundesrat hat sich für eine Widerspruchslösung bei der Organspende ausgesprochen. Das heißt vereinfacht, dass jeder, der nicht ausdrücklich „Nein“ sagt, als Organspender gelten soll. Käme es zu dieser Regelung, wäre das ein moralisch nicht zu rechtfertigender staatlicher Übergriff.

 

Der Bedarf an Organspenden ist unbestritten

Der Bedarf an Organspenden in Deutschland ist unbestritten. 2023 standen 8400 Personen auf der Warteliste, gespendet wurden aber nur 2900 Organe. Die Widerspruchsregelung würde zumindest dafür sorgen, dass es mehr mögliche Spender gibt. Wobei es dadurch keineswegs automatisch zu mehr Spenden käme, denn das eigentliche Problem ist nicht die Spendenbereitschaft, die langsam aber stetig steigt. Der Schlüssel zu mehr tatsächlichen Spenden liegt in den Kliniken, in denen es – aus Arbeitsüberlastung, Personalmangel und Anreizen – an einem funktionierenden Spenden-Management fehlt.

Widerspruchslösung ist im Kern eine Erschleichung

Dennoch ist die Widerspruchslösung der falsche Weg, denn sie ist im Kern eine Art Erschleichung. Nur ein „Ja“ ist ein „Ja“. In keinem anderen Lebensbereich wird ein Schweigen als Zustimmung gewertet. Es ist nicht akzeptabel, wenn das gerade bei diesem so sensiblen Thema anders sein soll. Es gibt viele Gründe, nicht zu einer Entscheidung zu kommen. Trägheit oder der Unwille, sich mit dem Sterben zu beschäftigen mögen dazu gehören. Aber es gibt Menschen, die mit sich in dieser Frage beständig ringen, und zu keiner endgültigen Haltung gelangen: sei es aus religiösen Vorbehalten, dem Abscheu, sich den eigenen Körper als ausgeweidet vorzustellen, oder auch schlicht aus Angst. Deren Zögern als „Ja“ umzudeuten, ist ein dreister Vorgang und eine Umfälschung der tatsächlichen Situation.

NRW-Minister Laumann hat gesagt, die Organspende sei ein Liebesbeweis an die Menschheit. Er hat Recht. Und Liebe lässt sich nicht herbeizwingen.

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