Organspendeskandal Göttinger Oberarzt steht vor Gericht

Der Angeklagte hat im Vorfeld von Dutzenden von OPs getrickst. Foto: dpa
Der Angeklagte hat im Vorfeld von Dutzenden von OPs getrickst. Foto: dpa

Ein Oberarzt der Uniklinik Göttingen soll Patientendaten manipuliert haben, um schneller an Spenderorgane zu kommen. Für andere Schwerkranke bedeutete dies den Tod, meint die Staatsanwaltschaft. Am Montag beginnt der bisher beispiellose Prozess.

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Göttingen - Am 2. Juli 2011 meldet sich ein Anrufer bei der Deutschen Stiftung Organtransplantation. Da das Büro nicht besetzt ist, hinterlässt er eine Nachricht auf dem Anrufbeantworter: „Die Göttinger Klinik ist in kriminelle Machenschaften verstrickt. Oder kauft man Organe direkt bei Ihnen?“ Dann legt er auf. Zu diesem Zeitpunkt kann er kaum ahnen, dass er eine Lawine losgetreten hat, die das Vertrauen der Bürger in das deutsche Gesundheitswesen schwer erschüttern wird.

Zunächst geht es nur um Merkwürdigkeiten bei der Lebertransplantation eines russischen Patienten, am Ende wird daraus ein bundesweiter Medizinskandal. Gut zwei Jahre nach dem folgenreichen Anruf beginnt der erste Prozess gegen einen Mediziner. Von Montag an muss sich der frühere Leiter der Transplantationschirurgie am Göttinger Universitätsklinikum vor dem Landgericht Göttingen verantworten.

42 Verhandlungstage bis März 2014 – ein Mammutprozess

Schon jetzt ist klar, dass es ein Mammutprozess werden wird. Das Gericht hat 42 Verhandlungstage bis Anfang Mai 2014 angesetzt. Ob diese ausreichen werden, ist offen. Bisher hat die Justiz trotz der Komplexität dieses Verfahrens und der zu bewältigenden Aktenmengen ein bemerkenswertes Tempo hingelegt und die Ermittlungen mit Hochdruck geführt. Zum Prozessbeginn wird ein großes Medienaufgebot erwartet. Das Gericht hat sechs Sachverständige geladen, außerdem will es zahlreiche Sachverständige vernehmen. Dem Verfahren kommt eine Vorreiterfunktion zu, denn inzwischen gibt es ähnliche Ermittlungen auch in München, Leipzig und in Regensburg. Auch dort stehen Mediziner im Verdacht, gegen Richtlinien verstoßen und durch unzulässige Tricksereien die Transplantationszahlen an ihren Kliniken nach oben getrieben zu haben. Die dortigen Staatsanwaltschaften werden mit großem Interesse verfolgen, welchen Verlauf der Prozess nehmen wird und wie das Gericht am Ende den Fall juristisch bewertet.

Die Anklage hat die Staatsanwaltschaft Braunschweig verfasst. Diese hatte den Fall übernommen, weil sie als zentrale Ermittlungsstelle für Korruptionsverfahren fungiert und zunächst der Verdacht bestand, dass der Göttinger Arzt von einem russischen Patienten Bestechungsgeld für eine neue Leber kassiert hatte. Dieser Verdacht bestätigt sich nicht. Doch beim Durchforsten der Akten der Göttinger Transplantationsmedizin stieß die 13-köpfige Sonderkommission „Leber“ auf zahlreiche weitere Verdachtsfälle. Anfang des Jahres hatte die Staatsanwaltschaft schließlich Hinweise darauf, dass sich der Chirurg, der palästinensischer Abstammung ist, ins Ausland absetzen wollte. Daraufhin ließ sie ihn in Untersuchungshaft nehmen, er sitzt seitdem in der Justizvollzugsanstalt Rosdorf ein.




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