Geht unter die Haut und thematisiert ein wichtiges Anliegen: Das Organspendetattoo Foto: / Gottfried Stoppel (3)
Ein Halbkreis wird mit einem weiteren zum Ganzen – schlicht, aber mit viel Aussagekraft kommt das Symbol daher, mit dem der Verein Junge Helden die Bereitschaft zur Organspende thematisiert. Mit Erfolg: Auch Studios im Kreis stechen das Zeichen oft.
Eigentlich wollte Francesco di Maro nie Tattoos haben. Mittlerweile sieht die Sache anders aus. Der gelernte Physiotherapeut ist Gründer und Geschäftsführer von sechs „Walk in Tattoo“-Studios in Baden-Württemberg und auf die Frage, ob er Tätowierungen hat, antwortet er mittlerweile: „Ja, ich hab genug, aber nicht so typische.“ Sie hätten alle eine besondere Bedeutung und seien gesellschaftsfähig, also an Stellen, die man notfalls auch mal verstecken könne.
Das Organspendetattoo soll gut sichtbar am Körper sein
Das Tattoo, das sich der 36-Jährige erst vor wenigen Tagen im jüngsten seiner Studios in Backnang hat stechen lassen, soll dagegen jeder sehen. Es ist sogar von besonderer Bedeutung, dass dieses Tattoo an einer Stelle am Körper gestochen wird, an der es gut sichtbar ist. Die Rede ist von dem Organspendetattoo „Opt.Inc“ – einem Symbol bestehend aus zwei Halbkreisen und einem Kreis – die zwei Hälften werden zum Ganzen und bilden zusammen ein O und ein D. Das „O“ steht für Organ und das „D“ für Donor - zu deutsch Spender. Mit diesem Zeichen soll jeder seine Bereitschaft zur Organspende signalisieren können. Es soll zu Gesprächen anregen und ein Statement setzen – mit der Nadel gestochen, künstlerisch umgesetzt, in der Größe variabel, aber so, dass das Zeichen deutlich zu erkennen ist.
Die Tätowierer in den Studios im Kreis stechen das Symbol gerade häufig
Die Tätowierer in den Studios von Francesco di Maro haben das Organspendetattoo in letzter Zeit ganz schön oft gestochen. „Da sind alle Altersklassen dabei. Die Leute kommen und sind total happy. Die haben sich mit dem Thema auseinandergesetzt und wollen ein Statement setzen“, erklärt der Geschäftsführer der „Walk in Tattoo“- Studios und fügt hinzu, dass er zwar nicht mehr alle Organspendetattoos kostenlos stechen könne, aber in allen Studios für das Symbol ein reduzierter Preis angeboten werde, der quasi nur die Materialkosten abdecke. „Es ist einfach eine tolle Idee, das muss man unterstützen.“
Die Idee dazu hatte der Verein „Junge Helden“
Die Idee dazu hatte der Verein „Junge Helden“, der seit rund 20 Jahren das Thema Organspende zum Gesprächsstoff im Alltag machen will. Hinter dem Verein stehen die beiden Geschäftsführerinnen Angela Ipach und Anna Barbara Sum, die sich die hauptamtliche Stelle teilen. Dass sie ihr Berufsleben dem Thema Organspende widmen, hat einen traurigen Hintergrund. Die Schwester von Angela Ipach war auf eine Lungentransplantation angewiesen. „Bis wir persönlich davon betroffen waren, haben wir uns mit dem Thema Organspende nie auseinandergesetzt“, erklärt Angela Ipach und fügt hinzu, dass es auch ihre Schwester gewesen sei, die sie darin bestärkt hätte, das Thema in einem Verein in den Mittelpunkt zu rücken – mit coolen Kampagnen wie beispielsweise Partys, bei denen Prominente als Türsteher, als Barkeeper und am DJ Pult mithalfen. „Damit haben wir zwei Fliegen mit einer Klappe geschlagen. Wir hatten die nötige Aufmerksamkeit und durch den Eintritt auch Spenden als Grundstein fürs Vereinsbudget.“
Mit diesem Budget setzte der Verein dann im Jahr 2023 seine mittlerweile stärkste Kampagne in Gang. Eine Werbeagentur brachte die Idee ins Spiel, mit einem Tattoo das Thema Organspende in den Mittelpunkt zu rücken. „Den Einfall, da hin zu gehen, wo das Leben stattfindet, hatten wir selbst schon. Das hat uns gereizt und wir hatten das Gefühl, es müsste neuer Wind in das Thema, denn die Zahlen stagnieren. Wir waren Anfang 2023 auf der Tattoo-Convention und das Ganze hat voll eingeschlagen“ sagt Angela Ipach, die sich von dem Symbol erhofft, dass die Leute ins Gespräch kommen und darüber nachdenken. „Wir wollten nicht eine neue Form des Organspendeausweises erfinden, sondern ein Symbol, durch das die Bereitschaft ausgedrückt wird, Leben retten zu wollen.“ Denn der Fall, ein Spenderorgan zu benötigen, trete vier bis fünf mal so häufig ein, wie der, zum Spender zu werden, erklärt die 40-jährige. Das Problem sei, dass viele ihre Bereitschaft nicht ausreichend kommunizierten und Angehörige im Ernstfall in einer Ausnahmesituation entscheiden müssten. „Das Tattoo kann für die Familie und für medizinische Kräfte richtungsweisend sein.“ Es gehe darum, die Situation zu verbessern, sagt Angela Ipach, die sich in Fachkreisen für das Tattoo stark macht.
Das Tattoo ist nicht rechtskräftig und ersetzt nicht den Ausweis
Auch wenn das Tattoo nicht rechtskräftig sei und keinesfalls den Ausweis ersetze, habe es den Zeitgeist getroffen und die Organspende zum Thema gemacht, sagt Birgit Blome von der Deutschen Stiftung Organtransplantation, die als bundesweite Koordinierungsstelle für Organspende alle Abläufe in der Akutsituation begleitet. „Die Kampagne der Jungen Helden hat für große Aufmerksamkeit und Gesprächsstoff gesorgt. “
Die Stelle für das Tattoo sollte gut sichtbar sein. /Gottfried Stoppel
Auch im „Garden of Tattoo Waiblingen Ink“-Studio merken die Inhaber Mario Konstantinidis und Denis Cicala, dass sich aktuell viele mit dem Thema auseinandersetzen und sich das Symbol stechen lassen wollen. „Weil die Nachfrage groß ist, haben wir uns überlegt, eine Kampagne zu starten“, erklärt Mario Konstantinidis und fügt an, dass es daher im Januar und Februar jeweils dienstags bis donnerstags die Möglichkeit gebe, sich das Organspendetattoo stechen zu lassen – mit einer Besonderheit. „Das Tattoo wird 99 Euro kosten, davon gehen 50 Prozent an den Verein Sternentraum 2000“, sagt Denis Cicala. Dass das Tattoo nach wie vor so ein großes Thema ist, freut Angela Ipach sehr. „Meine Schwester ist damals trotz Transplantation gestorben. Vielleicht, weil sie zu lange auf ein Organ warten musste. Deshalb kann man gar nicht genug dazu machen in der Hoffnung auf Besserung“, sagt Angela Ipach, die sich das Tattoo auch längst hat tätowieren lassen. „Es ist mein erstes und letztes Tattoo. Das macht die Bedeutung noch größer.