Orgelbau Lenter in Sachsenheim Wo die Orgelpfeifen sprechen lernen
Imposante Projekte mit langer Dauer: Beim Orgelbau Lenter in Sachsenheim (Kreis Ludwigsburg) wird großer Wert auf höchste Präzision gelegt.
Imposante Projekte mit langer Dauer: Beim Orgelbau Lenter in Sachsenheim (Kreis Ludwigsburg) wird großer Wert auf höchste Präzision gelegt.
Hier werden Königinnen gepflegt und wieder gesund gemacht – aber äußerlich sieht man das dieser Werkstätte nicht an. „Orgelbau Lenter“ steht draußen an der Halle im Industriegebiet von Sachsenheim, ein Gebäude wie viele andere auch. Doch wer den hohen Raum betritt, der taucht ein in die faszinierende Welt eines Unternehmens, bei dem täglich höchste Präzision, intensives Arbeiten und ein exzellentes Spezialwissen um die Orgel, die Königin der Instrumente, Hand in Hand gehen.
Auf den ersten Blick wähnt man sich in einer großen Schreinerei, Holzteile allerorten. Die Orgeln werden ja nicht als Ganzes, sondern in Teilen bearbeitet; das Innenleben der mächtigen, teils ehrwürdigen Instrumente liegt offen zutage. Bereits gefertigte neue hölzerne Pfeifen lagern auf einem Tisch. Lange Leisten mit vielen Löchern entpuppen sich als Windlade einer frühromantischen Orgel aus Oberderdingen – ein wichtiges Teil, das für die Windzufuhr zu den Orgelpfeifen sorgt. Jedes Loch steht für ein Register. An einem anderen Tisch werden alte Ventile aus Leder geprüft und bearbeitet. Sie waren seit dem Jahr 1846 in Betrieb, müssen teilweise neu gefertigt werden.
„Wir haben hier zwölf Mitarbeiter, dazu kommt noch ein Auszubildender“, sagt Markus Lenter, der Inhaber und Geschäftsführer des Sachsenheimer Unternehmens. Alle sind Orgelbauer und ziehen hier im wahren Sinn des Wortes alle Register ihres Könnens. Klar ist: Das ist keine Fließbandarbeit, denn jede Orgel benötigt spezielle, individuelle Pflege und damit viel Zeit.
„Wir haben gerade drei Orgeln hier, die wir restaurieren,“ erläutert Markus Lenter. Eine kommt aus Oberderdingen, eine weitere aus dem österreichischen Salzburg, die dritte aus Stuttgart. Durchschnittlich ein halbes Jahr nimmt eine Orgel in Anspruch, für das Salzburger Projekt sind bereits eineinviertel Jahre veranschlagt. „Da müssen wir Ausdauer mitbringen,“ sagt der Geschäftsführer.
Mit drei bis vier Restaurierungen im Jahr ist das Unternehmen also gut ausgelastet, dazu kommt fünf bis sechs Mal im Jahr das routinemäßige Reinigen und Putzen von Orgeln vor Ort. Ob die Firma auch noch neue baut? Doch, im Schnitt eine im Jahr, sagt der Geschäftsführer. Dass der Schwerpunkt auf der Erhaltung wertvoller alter Instrumente liegt, erklärt sich aus der Firmengeschichte.
Als im Jahr 1999 die legendäre Ludwigsburger Firma Walcker Konkurs ging, gründete Gerhard Lenter, der Vater von Markus Lenter, seinen Betrieb. Er hatte selber bei Walcker gearbeitet, so konnte er den Kundenstamm der Walcker-Orgel-Gemeinden übernehmen und weiter betreuen. Es war nur folgerichtig, dass ein spektakulärer Neuauftrag, die Restaurierung der historischen Walcker-Orgel in der Ludwigsburger Friedenskirche, jetzt an die Experten in Sachsenheim ging. Mit der eigentlichen Arbeit daran wird allerdings erst im Jahr 2027 richtig begonnen.
Holzpfeifen baut Lenter selber, Metallpfeifen kauft der Betrieb zu. Eine Eigenfertigung der Metallteile würde sich nicht rechnen. Markus Lenter weist auf eine Spezialität hin: „Wir stellen auch durchschlagende Zungen her.“ Diese metallenen Teile kommen bei der Tonerzeugung nicht nur in Orgelregistern zum Einsatz, sondern auch in Harmonien oder anderen Instrumenten.
Mit der Intonation, also der Feinabstimmung von Orgelpfeifen, befasst sich Markus Lenters Bruder Andreas, in einem gesonderten Raum. Er hat sich die metallenen Pfeifen für Salzburg vorgenommen, prüft Klangfarbe und Tonhöhe. „Ich arbeite sozusagen daran, der Pfeife das Sprechen beizubringen“, meint er mit einem Schmunzeln. In dieser Welt unendlich vieler akustischer Abstufungen gebe es etliche Möglichkeiten, noch etwas zu verbessern, zum Beispiel durch feinste mechanische Eingriffe an der Pfeifenöffnung, dort, wo der Wind austritt. „Ich habe bei meinen Prüfungen 30 bis 40 Parameter, an denen ich mich orientiere.“ Und das ist erst der halbe Weg bis zur Premiere der erneuerten Orgel. Denn am künftigen Standort, in der akustischen Umgebung, in der das Instrument dann erklingen muss, ist dann noch einmal eine genaue Abstimmung notwendig.
Auf eine andere ungewöhnliche Herausforderung macht Markus Lenter aufmerksam: „Wenn ich eine neue Orgel bauen will, dann muss ich sie quasi schon hören, bevor sie existiert – ich muss in die betreffende Kirche gehen und dann den dorthin passenden Orgelklang aufnehmen.“ Schließlich, sagt der Geschäftsführer, dürfe man bei einem solch großen Projekt nichts vermasseln: „Man hat nur eine Chance.“
In der Bilanz ist Markus Lenter sehr zufrieden mit dem, was er und sein Team tun. „Wir sind doch in den schönsten Kirchenräumen unterwegs, und für die bauen und erneuern wir diese großen Orgeln, das ist etwas Besonderes.“ Eben eine Arbeit für die Königinnen der Instrumente: Damit sie noch lange schöne Musik und Freude in die Gotteshäuser tragen können.