Orientierungslose Jugendliche Reisen allein ist keine Berufsorientierung
Wohin mit der Zukunft? Viele Jugendliche wissen nach der Schule nicht, was sie werden sollen. Wie Eltern unterstützen können – und was dabei eher hinderlich ist.
Wohin mit der Zukunft? Viele Jugendliche wissen nach der Schule nicht, was sie werden sollen. Wie Eltern unterstützen können – und was dabei eher hinderlich ist.
Keine Ahnung.“ Es ist inzwischen eine der häufigsten Antworten, die Eltern, Lehrer oder Berufsberater hören, wenn sie junge Menschen nach ihren beruflichen Zielen fragen. Bei über 20 000 Studiengängen, etwa 2000 dualen Studiengängen und mehr als 300 anerkannte Ausbildungsberufen sowie vielen weiteren schulischen Berufen ist es auch kein Wunder, dass eine Entscheidung schwer fällt. „Also wird der Beginn einer Ausbildung oft durch längeren Schulbesuch aufgeschoben. Und wer Abi macht, legt häufig ein Gap Year ein“, sagt Bernd Fitzenberger, Direktor des Instituts für Arbeitsmarkt- und Berufsforschung an der Friedrich-Alexander-Universität Erlangen-Nürnberg.
Nun sind weder ein längerer Schulbesuch noch ein Orientierungsjahr grundsätzlich etwas Schlechtes. „Junge Menschen brauchen nach der anstrengenden Schulzeit eine Pause. Sie sollen ruhig chillen, reisen, jobben“, sagt Ulrike Bartholomäus, die ein Buch über die heute weit verbreitete Orientierungslosigkeit junger Menschen nach dem Schulabschluss geschrieben und dazu auch mit vielen von ihnen gesprochen hat. Sie sagt aber auch: „Weil es heute so schwer geworden ist, eine Entscheidung zu treffen, braucht es dafür einen Plan.“
Dieser darf ruhig eine entspannte Pause vorsehen, findet auch Frank Köhnlein, Facharzt für Kinder- und Jugendpsychiatrie mit eigener Praxis in Basel. „Aber nur durch Reisen oder Herumgammeln werde ich nicht herausfinden, was ich beruflich machen möchte.“ Eltern täten gut daran, dem Nachwuchs klare Rahmenbedingungen vorzugeben, falls dieser ein Gap Year plane. „Darin kann ich zum Beispiel zur Bedingung machen, dass neben Nichtstun oder Feiern auch berufliche Praktika ihren Platz finden. Andernfalls wird der Unterhalt nicht länger übernommen“, nennt Frank Köhnlein ein Beispiel.
Ulrike Bartholomäus schlägt vor, dass Eltern eine Reise zwar bezuschussen könnten, der Nachwuchs sich diese aber durch Jobben auch selbst finanzieren und planen muss. „Es geht in so einem Orientierungsjahr schließlich auch darum, selbstständiger zu werden und mehr Selbstverantwortung zu übernehmen“, findet sie.
Auch was die Wahl des Berufes angeht hebt Bernd Fitzenberger die Rolle der Eltern hervor. „Sie sind die wichtigsten Berater. Denn sie haben über viele Jahre mitbekommen, was ihr Kind gern macht und was ihm vielleicht schwerer fällt.“ Wie diese Stärken und Schwächen zu einem Beruf passen, das finde man am besten durch möglichst vielfältige praktische Erfahrungen heraus.
„Wir wissen aus Studien, dass es jungen Menschen nicht an Informationen über ihre beruflichen Möglichkeiten fehlt“, sagt Bernd Fitzenberger. Dass es vielen trotz dieser Informationen so schwer falle, sich zu entscheiden, erklärt er auch durch fehlende praktische Erfahrungen. „Schwimmen lerne ich auch nicht allein dadurch, dass ich mir durchlese wie das geht“, so Fitzenberger weiter.
Was Ulrike Bartholomäus dagegen als eher hinderlich erlebt, sind Eltern, die sehr klare und hohe Erwartungen an das haben, was der Nachwuchs beruflich machen soll – und von vornherein nur in Richtung eines Studiums beraten. „Man sollte immer alle Möglichkeiten im Blick behalten, auch eine Ausbildung.“
Nicht selten aber kommt der Druck nicht von den Eltern, sondern von den Jugendlichen selbst. „Die perfekte, stark idealisierte Welt in den sozialen Medien gibt jungen Menschen heute das Gefühl mit, dass Scheitern überhaupt nicht schick ist“, sagt Frank Köhnlein. Immer wieder erlebt er in seiner Praxis Jugendliche, deren berufliche Pläne so detailliert und ambitioniert sind, dass sie in der Realität aller Voraussicht nach misslingen werden. Auch Ulrike Bartholomäus erzählt von Jugendlichen, die zwar Interesse an diesem Praktikum oder jenem Beruf zeigen würden. „Aber sie halten es dann nicht für perfekt oder cool genug, um es auf Instagram zu posten.“ Wer aber denke, er müsse zwingend gleich eine perfekte und unumkehrbare berufliche Entscheidung treffen, den könne diese Angst vor dem Scheitern davor abhalten, überhaupt etwas auszuprobieren. „Hier hilft es, wenn Eltern von ihrem eigenen Werdegang erzählen. Oft ist dieser ja auch nicht so geradlinig verlaufen. Und dass sie vermitteln: Wenn es nicht das Richtige für dich ist, war es trotzdem eine wertvolle Erfahrung und dann sind wir wieder für dich da und finden einen anderen Weg“, sagt Frank Köhnlein.
Auch Bernd Fitzenberger hält nichts davon, die Berufswahl als Lebensentscheidung hochzustilisieren. „Diese Vorstellung baut eher psychologische Hürden auf. Und angesichts der tatsächlichen beruflichen Mobilität entspricht das einfach auch nicht der Realität.“
Was aber, wenn der Nachwuchs so gar nicht in die Pötte kommt – weder reist, noch jobbt, noch einen Freiwilligendienst oder ein Praktikum macht – sondern nur auf dem Sofa gammelt? „In meinen Beratungen habe ich auch Eltern, die das ein, zwei, drei Jahre mit ihren Kindern erleben“, sagt Ulrike Bartholomäus. Nicht selten würden dann ganz andere Probleme als eine berufliche Orientierungslosigkeit dahinter stecken.
„Ein Sechstel der Jugendlichen zeigt heute depressive Symptome. Als Laie kann ich das aber nicht von einer alterstypischen Zurückgezogenheit und Planlosigkeit unterscheiden. Dazu braucht es eine fachkundige Abklärung“, sagt Frank Köhnlein. Auch psychische Erkrankungen wie Essstörungen oder Drogenkonsum, insbesondere Kiffen, würden einer beruflichen Entscheidungsfindung im Weg stehen. „In solchen Fällen kann die Zukunftsplanung aber auch ein Teil des Genesungsprozesses sein. Denn eine realistische Perspektive ist ein hochwirksames Antidepressivum“, sagt Frank Köhnlein.
Hauptsache schnell Geld
Jeder fünfte Schüler in Deutschland zwischen 14 und 25 Jahren möchte direkt arbeiten, statt eine Ausbildung zu beginnen. Laut einer aktuellen Bertelsmann-Studie trifft dies insbesondere auf Schüler mit einer geringen schulischen Bildung zu. „Oft kann man durch Jobben zunächst mehr verdienen als in einer Ausbildung. Aber ohne berufliche Ausbildung steigt das Risiko für eine spätere Arbeitslosigkeit sowie für ein dauerhaft niedriges Einkommen stark an“, sagt Bernd Fitzenberger.