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Orientierungslosigkeit Verloren in Spanien

Von Barbara Schaefer 

Wer oft in fremden Betten schläft, kennt das Phänomen der Verwirrtheit auf langen Reisen.

Manche Urlauber wähnen sich sogar auf dem Festland - obwohl sie auf einer Insel sind. Foto: Michael Luz
Manche Urlauber wähnen sich sogar auf dem Festland - obwohl sie auf einer Insel sind. Foto: Michael Luz

Die Autorin wachte morgens in einem Hotelzimmer auf und wusste nicht, wo sie sich befand. Ein Moment, der Vielreisende nur das erste Mal erschreckt: Du liegst morgens unter einem Kalenderfoto an der Wand und hast eine Schrecksekunde lang nicht die blasseste Ahnung, in welchem Haus, in welcher Stadt du bist. Nicht schön. Das kommt davon, wenn man zu viele Nächte in fremden Betten verbringt. Einmal sah die Autorin beim Aufwachen eine Holzdecke über sich, klassisch Kiefer, Nut und Feder. Wo um Himmels willen gab es solche Holzdecken? In ihrem alten Kinderzimmer. Hotel Mama. Das fiel ihr wieder ein. Nicht so an jenem Morgen.

Eine Kollegin erzählte: Sie überredete ihre Schwester und deren Sohn zu einer Reise nach Riga. Sie schärfte ihnen ein, ins Spio­nagemuseum zu gehen. Sie schwärmte von Details, ein Steuerknüppel, in den ein Springmesser eingebaut ist, eine Gestapo-Zentrale, Giftring der Mata Hari, „lauter Zeug, das ein Zwölfjähriger gut findet, das Museum wurde zum Hauptpunkt der Reise“. Dann rief die Schwester aus Riga an, verzweifelt, selbst beim Tourismusamt hätte keiner je von diesem Museum gehört. Die Kollegin zermarterte sich das Hirn, und so langsam dämmerte es ihr: Das Spionagemuseum war in Tampere, da war sie eine Reise vorher gewesen.

Am Flughafen in Frankfurt sahen wir einmal einen jungen Mann, der beinahe sein Reiseziel nicht fand. Er irrte von einem Schalter zum anderen, an denen Flüge zu beinahe identischen Zielen starteten: La Palma, Las Palmas, Palma de Mallorca. Eine kanarische Insel, so viel wusste er immerhin. Ein anderer Fall von Orientierungslosigkeit verschlug einer Kollegin die Sprache. Sie war auf Mallorca, am Straßenrand stand ein Tramper. Sie hielt an und fragte, wohin er wolle. „Barcelona“, antwortete er. Er war mit einem Billigflieger nach Spanien geflogen und dachte, da trampe ich doch weiter. Er wusste nicht einmal, dass er auf einer Insel gelandet war.

Der Pilot findet nachts sein Bad nicht

Lisa, Mitarbeiterin eines großen Ski­resorts in den USA, hingegen reiste auf Promotiontour durch Osteuropa, jeden Tag eine andere Stadt, ein anderes Land, eine andere Währung; eine anstrengende Reise. Fast einen ganzen Tag flog sie zurück nach Hause, nach Denver, abends feierte ihre beste Freundin Geburtstag, sie musste auf dieses Fest. Lang hielt sie nicht durch, übermüdet und vom Jetlag durchgeschüttelt stieg sie ins Taxi, als ein heiliger Schrecken sie durchfuhr. Hab ich genügend Kleingeld? Und was war noch mal die Währung in diesem Land Manchmal fehlt es sogar Einheimischen an der Orientierung. Ein wanderndes Ehepaar buchte in Nepal einen ortsansässigen Fremdenführer. Eine mehrtägige Trekkingtour sollte das werden, auf einen weit entfernten Gipfel. Am dritten Tag, der einheimische Führer ging immer zögerlicher voran, drehte er sich um und fragte das wandernde Ehepaar: „Which peak? (Welcher Gipfel?)“

Berufsbedingt orientierungslos ist auch der vielfliegende Pilot, jedenfalls am Boden. Die immergleichen durchschnittlichen Business-Hotels rund um den Globus. Pilot A. prägte sich abends immer ein, wo sich die „Waschräume“ befinden. Dennoch irrte er mal durch den begehbaren Kleiderschrank. Wieder zu Hause, war es nicht besser. Er tappte nachts durchs Schlafzimmer und kam irgendwie nicht an dem großen Kerzenständer vorbei. Seine Frau wachte auf und fragte, was er da mache. „Wo ist denn hier der Ausgang?“, fragte er schlaftrunken.

An jenem Morgen in dem Hotelzimmer wollte der Autorin die Erleuchtung einfach nicht kommen. Sie rekapitulierte die letzen Wochen, sie war viel unterwegs gewesen, in verschiedenen Ländern. Zuletzt in der Toskana, hatte kaum je zwei Nächte im selben Bett geschlafen. Das Absurdeste an jenem Morgen war jedoch, dass sie nur wusste: „Ich bin in einer Stadt mit „P“. Und plötzlich hatte sie eine Eingebung: genau, Pisa! Natürlich.

Sie tappte aus dem Bett und sah aus dem Hotelfenster. Draußen war alles grau, der Himmel und die Stadt. Keine Hügel. Das war definitiv nicht Pisa. Sie war kurz vor einer Panikattacke, als ihr einfiel: Prag. Sie war für ein Wochenende in Prag, auf einem Kongress. Sie wusste, danach würde sie für lange Zeit nirgends mehr hinreisen wollen.
 

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