Krimikolumne

Orkun Ertener. „Lebt“ Undurchdringliches Dickicht

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Der Ghostwriter Can Evinman gerät in einen Strudel von Ereignissen, in deren Folge seinen Weg bald Leichen pflastern. In „Lebt“ schildert Orkun Ertener die lebensbedrohliche Identitätssuche eines Mannes.

Orkun Ertener ist gebürtiger Türke und lebt seit 1970 in Deutschland Foto: Gaby Gerster
Orkun Ertener ist gebürtiger Türke und lebt seit 1970 in Deutschland Foto: Gaby Gerster

Stuttgart - Was ist ein Leben ohne Vergangenheit wert? Wie viel Sinn hat es? Und wie sehr soll, darf, kann die Vergangenheit die eigene Gegenwart prägen? Mit diesen existentiellen Fragen sehen sich die Protagonisten in Orkun Erteners Buch „Lebt“ konfrontiert. Can Evinman hat als Kind die Eltern verloren, nun verfasst er als Ghostwriter für mehr oder minder berühmte Menschen deren Autobiografien. Es ist eine offensichtliche Ironie: Der Mann, der keine eigene Geschichte hat, macht sich jene anderer zum Lebensinhalt.

Während der Arbeit an der Autobiografie der prominenten Schauspielerin Anna Roth gerät Evinman in einen Strudel von Ereignissen, in deren Verlauf er seine gesamte Existenz in Frage stellen muss. Es beginnt mit dem Verdacht, dass seine Eltern keinem Unfall, sondern einem Verbrechen zum Opfer gefallen sind – anscheinend ist auch die Familie von Anna Roth darin verwickelt, weshalb sich die beiden aufmachen, Licht ins Dunkel zu bringen. Dabei gerät das Duo in ein zunächst undurchdringliches Dickicht aus Schuld, Verrat und ineinander verschlungener Lebenswege. Allmählich zeigt sich, dass sich die Wege eines SS-Offiziers auf dem Sterbebett, eines skrupellosen Firmenhais, eines Klarinette spielenden Jazzplattenverkäufers, eines promiskuitiven Bestsellerautors, einer schauspielernden Ärztin und eines algerienstämmigen Kleinkriminellen – um nur einige zu nennen – nicht ohne Grund kreuzen.

Strandlektüre für den Griechenlandurlaub

Das alles verwebt und erzählt Orkun Ertener gekonnt und flott. Angenehm stringent schildert er die Ereignisse und bleibt so realistisch, dass die wenigen offensichtlich bemühten Wendungen in der Handlung nicht allzusehr auffallen. Und die sich nach und nach abzeichnende Auflösung tilgt so manche gar zu auffällige Koinzidenz der Ereignisse.

Ertener hat mit „Lebt“ einen Roman vorgelegt, der zwar als Thriller beginnt, auf den weiteren rund 600 Seiten aber mäandert zwischen Entwicklungsroman, Krimi, Familiendrama und – gelegentlich etwas zu umfassender – Geschichtsstunde. Immerhin, die Episode jüdischer Historie, die dem Roman zugrunde liegt, ist kurios und trägt die Geschichte. Wer eine geeignete Strandlektüre sucht, vorzugsweise für den nächsten Griechenlandurlaub, und auf die heutzutage in vielen Thrillern leider üblichen Ekel- und Sadismusszenen verzichten kann, ist mit „Lebt“ gut beraten.

Orkun Ertener: „Lebt“. Scherz, Frankfurt a.M. 2014. 640 Seiten, 19,99 Euro. Auch als E-Book, 17,99 Euro.