Ornithologische Sensation Der Fischadler kehrt nach Baden-Württemberg zurück
De Wiederansiedlung des Greifvogels in Baden-Württemberg ist die Lebensaufgabe des Mössinger Ornithologen Daniel Schmidt-Rothmund. Jetzt zeichnet sich ein Erfolg ab.
De Wiederansiedlung des Greifvogels in Baden-Württemberg ist die Lebensaufgabe des Mössinger Ornithologen Daniel Schmidt-Rothmund. Jetzt zeichnet sich ein Erfolg ab.
Die Nachricht hatte Daniel Schmidt-Rothmund in der zweiten Aprilhälfte erreicht: Auf einem der künstlich angelegten Adlerhorste am Oberrhein hat sich ein Fischadlerpaar eingefunden und baut eifrig die Nisthilfe aus. Eine Wildkamera am Horst liefert seitdem verheißungsvolle Bilder ins Nabu-Vogelschutzzentrum Mössingen. Ist das der lang ersehnte Durchbruch für das Wiederansiedlungsprojekt des großen Greifvogels in Baden-Württemberg? Zahlt sich in diesem Jahr für den Ornithologen und seine Helfer mehr als 30 Jahre Arbeit endlich aus?
Mit künstlichen Adlerhorsten, die auf mächtigen Waldbäumen installiert werden, versuchen hierzulande Vogelschützer seit Jahrzehnten, Fischadler auf ihrem Durchzug nach Norden anzulocken und zum Bleiben zu bewegen. Gelungen ist das trotz aller Bemühungen bisher noch nie. Seit über 110 Jahren hat in Baden-Württemberg kein Fischadlerpaar mehr erfolgreich gebrütet. Der letzte Brutnachweis stammt aus dem Jahr 1907 vom Hochrhein.
Welcher Aufwand betrieben wird, diese im Südwesten ausgestorbene Adlerart wieder in ihren angestammten Brutrevieren an Rhein und Donau anzusiedeln, zeigt Schmidt-Rothmund an einem sonnigen Apriltag in einem Forst südlich von Sigmaringen – nur wenige Tage bevor den Greifvogelexperten die Bilder vom Oberrhein erreichen. Begleitet wird er an diesem Tag von Juliane Joch, die ihr Freiwilliges Ökologisches Jahr im Vogelschutzzentrum Mössingen absolviert. Außerdem ist der Vogelkundler Karl Gauggel von der Nabu-Ortsgruppe Sigmaringen mit dabei. Der 76-Jährige beobachtet seit mehr als 50 Jahren die Vogelwelt zwischen Donau und Krauchenwieser Seenplatte. Er kennt die Gegend wie seine Westentasche.
Ziel der Vogelschützer ist eine tief im Wald verborgene Kiefer. Der mehr als 25 Meter hohe Baum steht auf einer kleinen Lichtung. Die ihn unmittelbar umgebenden Fichten wurden ringsherum beseitigt. Ganz oben, auf der Baumkrone, thront ein kreisrundes Metallgestänge. „Die Unterkonstruktion gibt es seit vielen Jahren“, sagt Schmidt-Rothmund. Korb und Nistmaterial des künstlichen Fischadlerhorstes wurden irgendwann Opfer von Wind und Wetter.
Seit mehr als drei Jahrzehnten arbeitet Schmidt-Rothmund an der Wiederansiedlung des weißbauchigen Greifvogels. Wenn es um die Rückkehr des Fischadlers geht, ist er ein viel gefragter Fachmann. Nach Bayern ist der Fischadler bereits zurückgekehrt. Und auch im benachbarten Elsass hat der streng geschützte Vogel in den vergangenen Jahren wieder erfolgreich gebrütet. Nach Ansicht des Ornithologen ist es nur eine Frage der Zeit, bis der Fischadler auch wieder in Südwestdeutschland heimisch wird.
Baden-Württemberg – einst angestammtes Revier des Greifvogels – liegt nicht nur zwischen diesen beiden Wiederansiedlungsgebieten, sondern auch direkt auf der saisonalen Flugroute des Langstreckenziehers. Jedes Jahr im Frühjahr und Herbst begeben sich die großen Vögel auf eine Reise, die sie in die eine oder andere Richtung von ihren Winterquartieren in Westafrika und Südeuropa zu ihren Hauptverbreitungsgebieten in Norddeutschland und Skandinavien führt.
Der Greifvogel, der sich ausschließlich von Fischen ernährt, ist standorttreu, nistet immer wieder an denselben Plätzen. Andererseits bevorzugt er bereits existierende Nester und lässt sich deshalb, zumindest theoretisch, verhältnismäßig leicht mit Nisthilfen anlocken. Doch leider schätzen Fischadler auch die Nachbarschaft zu Artgenossen. Und genau das ist der Knackpunkt: „Gelingt es, ein Adlerpaar anzulocken, das dauerhaft hier brütet, würden wahrscheinlich bald weitere folgen“, sagt Daniel Schmidt-Rothmund.
Genau um dieses erste Paar ringen die Vogelschützer in Baden-Württemberg seit 1989. Seitdem arbeitet Schmidt-Rothmund mit zahlreichen Helfern am Schutzprojekt für den Fischadler. Am Horst im Wald bei Sigmaringen, der jetzt wieder instandgesetzt werden soll, schien der Erfolg 2011 schon zum Greifen nah. „Damals kopulierten zwei Adler auf dem Nest, und das Männchen begann das Weibchen zu füttern“, erzählt Daniel Schmidt-Rothmund.
Die meisten der künstlichen Nistplätze, die die Vogelschützer im Land installiert haben, liegen entlang des Oberrheins. Dort wäre für Neuankömmlinge die elsässische Nachbarschaft nicht weit. Letztlich seien die Chancen einer Wiederansiedlung aber überall dort gegeben, sagt Schmidt-Rothmund, wo noch vor 150 bis 170 Jahren Fischadler nachweislich heimisch waren.
Schmidt-Rothmund, der im Sigmaringer Forst seine Kletterausrüstung angelegt hat, macht sich mittlerweile daran, den Stamm der großen Waldkiefer zu erklimmen. Wenn der Vogelschützer die Plattform erreicht hat, kommt den Helfern unten die Aufgabe zu, den neuen, rund einen Meter breiten Weidekorb und das gesammelte Nistmaterial an Seilen in die Baumkrone hinaufzuziehen.
Was die Kiefer hier mitten im Wald als Nistplatz besonders auszeichnet: Sie überragt den sie umgebenden Baumbestand um einige Meter. Ein sogenannter Überhälter, der dem Fischadler freien Blick aufs Umland gewährt. Ein typischer Adlerbaum, zudem nicht allzu weit vom Wasser entfernt.
Um auf den mächtigen Baumriesen zu klettern, muss der 59-jährige Schmidt-Rothmund topfit sein. Oben angekommen, hängen die Helfer den flachen Korb ans Transportseil und ziehen die Last vorsichtig nach oben. Anschließend folgen Sack um Sack voller Äste und Grassoden. Mit dem Nistmaterial staffiert der Ornithologe den festgezurrten Weidekorb wohnlich aus.
„Leider lockt der Horst auch Graugänse an“, erklärt Karl Gauggel. Haben die ein potenzielles Adlernest erst einmal in Beschlag genommen, ist es für den nicht allzu wehrhaften Fischadler verloren. Neben dem vor menschlichen Störungen geschützten Standort im Wald ist das Nahrungsangebot für eine Rückkehr des Fischadlers entscheidend. Die nahe Krauchenwieser Seenplatte, sagt Gauggel, wäre für den Greifvogel ein idealer Lebensraum.
Nach rund einer Stunde in der Baumkrone ist das Nest präpariert, und Daniel Schmidt-Rothmund seilt sich ab. Unten angekommen, erzählt er, dass im Gebiet rund um die Krauchenwieser Seenplatte im vergangenen Jahr ein einzelner Fischadler übersommert habe. Auch dieser Tage sei wieder ein Exemplar aufgetaucht.
Der Ornithologe betont, dass seine Arbeit im Grunde eine Wiedergutmachung für den Ausrottungsfeldzug unserer Vorfahren ist. „In früheren Jahrhunderten hat der Mensch alles gnadenlos verfolgt, was ihm als Nahrungskonkurrenz erschien“, sagt Schmidt-Rothmund. Noch im 19. Jahrhundert war der Fischadler entlang von Donau, Rhein, Neckar und an Kocher und Jagst beheimatet. Steinadler brüteten im Schwarzwald und auf der Schwäbischen Alb. Bekannt sei das vor allem, weil aus dem 19. Jahrhundert Forststatistiken mit langen Listen von Abschüssen vorlägen, erzählt der Zoologe.
Im April würde die Brutzeit des Fischadlers hierzulande beginnen. Nach der Aufzucht von zwei bis drei Jungen werden die Jungvögel zwischen Ende Juni und Mitte Juli flügge. Im ausgehenden Sommer ziehen die Vögel dann in ihre Winterquartiere nach Süden ab. Ausgewachsene Fischadler erreichen eine Größe von rund 55 bis 65 Zentimetern und eine Flügelspannweite zwischen 1,60 und 1,80 Meter Länge.
Gründe dafür, warum eine Nestaufzucht scheitern kann, gibt es viele. Neben Störungen durch den Menschen können auch Fressfeinde dem Fischadlernachwuchs zusetzen: Uhu und Habicht stehen ganz oben auf der Liste der Prädatoren, die den Jungen gefährlich werden können, sagt Schmidt-Rothmund. „Weitere negative Einflüsse sind Nässe und Kälte.“
Mögliche Attacken von feindlichen Greifvögeln sind es auch, weshalb direkt um die Kiefer im Wald bei Sigmaringen die Fichten beseitigt wurden. Auf diese Weise soll verhindert werden, dass Fressfeinde sich unentdeckt dem Nest nähern können.
Auf der Kiefer südlich der Donau, wo die drei Vogelschützer Mitte April die Nisthilfe angebracht haben, wird sich auch nach zwei Wochen noch kein Fischadler niedergelassen haben. Doch aus dem Nest im Landkreis Rastatt funkt die Wildkamera dann am 23. April um 8.30 Uhr das entscheidende Bild, das die Ornithologen im Land jubeln lässt: Ein niedrig aufgelöstes, leicht verschwommenes Foto zeigt neben dem Muttervogel drei rötlich-braun gefleckte Eier.
Das Brutpaar ist mutmaßlich dasselbe, das schon im vergangenen Jahr jenseits des Rheins im Elsass gebrütet hat und 2022 auch auf einem Horst auf deutscher Seite fotografiert wurde. Damals wurden die Jungvögel Opfer von Beutegreifern. Mit etwas Glück werden nun aus den drei Eiern in den kommenden Monaten die ersten drei baden-württembergischen Fischadler seit mehr als 110 Jahren schlüpfen. „Es wäre eine Sensation“, sagt der tief ergriffene Ornithologe Daniel Schmidt-Rothmund.