Orte zum Stillen und Wickeln in Stuttgart Wie geeignet sind die Rückzugsorte für Mütter und Väter?

Eine Mutter sollte ihr Kind an jedem Ort stillen dürfen – doch manchmal braucht sie dafür einen Rückzugsort. Foto: dpa/Paul Zinken

Die Stadt Stuttgart hat Orte ausgezeichnet, an denen es Still- und Wickelmöglichkeiten gibt. Doch die Situation für Familien mit Babys ist selbst an diesen Orten oft nicht perfekt. An wickelnde Väter wird beispielsweise selten gedacht.

Gesundheit für Menschen in Stuttgart: Carolin Klinger (klic)

Die Welt verändert sich für die Eltern, wenn das erste Kind geboren wird. Was bisher selbstverständlich war, kann plötzlich schwierig erscheinen. So wird ein Stadtbummel mit Säugling für manche Eltern stressig, wenn sie beispielsweise nicht wissen, wo das Kind gestillt und gewickelt werden kann. Die Stadt Stuttgart will jungen Familien die Teilhabe am öffentlichen Leben vereinfachen und hat deshalb vor rund zwei Jahren eine Bestandsaufnahme gemacht, wo es Wickel- und Stillmöglichkeiten in Stuttgart gibt. Dazu wurde ein Aufkleber mit dem Slogan „Stillen und Wickeln willkommen“ entwickelt, der die entsprechenden Orte in der Stadt kennzeichnet. „Die Stadt möchte mit der Maßnahme jungen Familien zeigen, wo Rückzugsorte sind, wenn Bedarf besteht“, sagt Maria Haller-Kindler, Kinderbeauftragte der Stadt Stuttgart. Zugleich wolle man den Eltern aber signalisieren, dass Stillen überall möglich und akzeptiert sei.

 

Falsches Signal an Familien?

Ruth Hofmeister, Sprecherin der Hebammenkreisgruppe Stuttgart, befürwortet die Initiative der Stadt. „Man muss der Stadt wirklich zugutehalten, dass sie dieses Signal an Familien senden“, sagt sie. Auf diese Weise müssten sich nicht alle frischgebackenen Eltern alles neu erarbeiten, sondern könnten auf die ausgewiesenen Orte zurückgreifen. Doch die Hebamme sieht auch die Kehrseite der Aufkleber: „Bedeutet das dann im Umkehrschluss, dass man in den nicht ausgezeichneten Restaurants oder Läden nicht stillen darf? Das wäre das falsche Signal.“

Denn sowohl die Hebammen als auch die Kinderbeauftragte der Stadt wollen erreichen, dass Mütter in der Öffentlichkeit stillen können – wo sie wollen, wann sie wollen und ohne dabei schief angeschaut zu werden. „Wir haben uns auch an der Weltstillwoche beteiligt, um das Stillen als natürliche Ernährungsform für Säuglinge in den Mittelpunkt zu stellen und sowohl Familien als auch die Gesellschaft über die positiven Effekte zu informieren“, betont Maria Haller-Kindler.

Mütter dürfen stillen, wo sie wollen

Ruth Hofmeister ermutigt Mütter, sich den Raum zu nehmen, wenn sie stillen wollen und notfalls irritierte Blicke von anderen zu ignorieren. „Da muss man sich manchmal ein dickes Fell zulegen. Es gibt zwar kaum Situationen, in denen stillende Mütter tatsächlich vor die Tür gesetzt werden, aber auch Blicke können verunsichern“, sagt sie. Daher sei es richtig, den Müttern, die es für sich oder das Kind benötigen, Rückzugsorte anzubieten. Die Hebamme hofft, dass sich die Gesellschaft noch dahingehend ändert, dass Familien willkommen seien. „Als Mutter mit drei Kindern weiß ich, dass manche Teile der Gesellschaft Kinder als laut und störend empfinden“, sagt sie. Es brauche mehr Orte, an denen das nicht so ist. An denen einem Kind ein Pflaster gereicht werde, wenn es sich verletze. Oder an dem es kein Problem sei, wenn mal ein Glas umgestoßen werde. In Stuttgart gibt es inzwischen rund 115 Orte, die mit dem Aufkleber der Stadt signalisieren, dass Familien dort wickeln und stillen können. Diese sind im Internet unter www.fruehehilfen-stuttgart.de/wickelorte gesammelt zu finden. Dazu gehören verschiedene Bezirksrathäuser, Geschäfte wie Wittwer-Thalia oder Breuninger, Museen, öffentliche Einrichtungen wie die Kfz-Zulassungsstelle oder Ausflugsziele wie der Rotenberg. Über die City-Initiative Stuttgart wurden Gastronomie und Einzelhandel über das Vorhaben informiert und zur Teilhabe aufgerufen.

Wickeltische sind meist auf Damentoiletten zu finden

Doch bei einem Blick in die Karte zeigt sich, dass diese noch kaum vertreten sind – die meisten ausgezeichneten Orte sind öffentliche Einrichtungen. „Das sollte noch umfangreicher werden“, findet Ruth Hofmeister. Dazu komme, dass auch die ausgezeichneten Orte nicht immer perfekt auf die Bedürfnisse der Familien ausgerichtet seien. „Nach wie vor sind die Wickelmöglichkeiten meist auf Damentoiletten – doch auch Väter wollen ihre Kinder wickeln“, kritisiert sie. Außerdem denke man kaum daran, dass Eltern auch Behinderungen haben könnten. „Wickelmöglichkeiten in Behindertentoiletten sind eine gute Lösung. Die sind für alle zugänglich und barrierefrei.“

Mit gutem Beispiel will man im Rathaus vorangehen: „Dass die Räume sowohl von Vätern als auch von Müttern nutzbar sind, ist absolut wünschens- und unterstützenswert“, sagt Maria Haller-Kindler. Der Still- und Wickelraum im Rathaus sei deshalb für alle Eltern zugänglich und getrennt von den Toiletten untergebracht.

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