Das Schreiben trägt den Stempel der Bundeswehr. Rund ein Jahr lang arbeitete Hasrat Jacobi für die deutschen Soldaten im Camp Warehouse im Westen von Kabul. Sieben Tage in der Woche jeweils sieben Stunden für 425 US-Dollar im Monat. Auf seiner vierjährigen Flucht von Afghanistan über den Iran und die Türkei hat er die ID-Karte Nummer 155 bis nach Deutschland mitgenommen. Doch jetzt könnte sie nichts mehr wert sein.
Für Tino Bayer von der Flüchtlingshilfe Schömberg (Kreis Calw) ist es absurd. Seit dem Abzug der westlichen Truppen aus Afghanistan vor mehr als einem Jahr versuche die Bundesregierung doch, ehemalige Ortskräfte, die im Dienst der Bundeswehr waren, auszufliegen. Rund 18 200 Menschen – Ortskräfte und ihre Familienangehörigen – wurden bereits aufgenommen. Doch immer noch harren mehr als 6000 Menschen in Afghanistan aus und fürchten Racheakte der Taliban. „Und jetzt will man jemanden, der es schon hierher geschafft hat, einfach so abschieben.“ Das sei ein Skandal, findet Bayer.
Job in der Lagerküche
Der Flüchtlingshelfer sitzt im Zimmer von Familie Jacobi im Containerbau eines Calwer Flüchtlingsheims. Hasrat Jacobi hat Tee serviert. Sein zwölfjähriger Sohn kommt herein und holt Fußballsachen aus seinem Spind. Seit Februar ist die sechsköpfige Familie in Deutschland. Das älteste Kind ist 14, das Jüngste sieben Jahre alt. Die Mutter ist durch die Strapazen der Flucht schwer traumatisiert.
Eigentlich könnte nun alles gut werden. Bei McDonald’s könne er arbeiten, in einer Fleischfabrik oder bei einer Autowerkstatt – obwohl da möglicherweise seine Ausbildung nicht anerkannt werde. Deutsch ist für ihn jedenfalls kein Problem. Von 1996 bis zum Jahr 2003 hatte er in Norddeutschland gelebt. Dann reiste er freiwillig in die Heimat aus. In Kabul heuerte er bei der Bundeswehr an, die das dortige Isaf-Camp aufgebaut hatte. Als Übersetzer arbeitete er in der Lagerküche.
Zurück nach Kroatien?
Allerdings könnte das für eine Aufnahmezusage zu lange zurückliegen. Nach einer internen Verwaltungsvorschrift werden nur Anstellungen nach dem 1. Januar 2013 anerkannt. Flüchtlingshelfer Bayer kann das nicht verstehen. „Die Taliban fragen doch auch nicht nach so einem Stichtag.“ Diese Erfahrung hat Jacobi tatsächlich gemacht. Er erhielt Drohbriefe. Nach einem Moscheebesuch sei auf ihn geschossen worden. Im Jahr 2018 wurde er drei Tage lang von den Taliban festgehalten. Es war der Auslöser für die Flucht.
Dass die Familie die 6000 Kilometer nach Deutschland nicht mit dem Flugzeug, sondern auf eigene Faust zurücklegte, könnte ihr nun ebenfalls zum Verhängnis werden. „Wir sind zu Fuß gegangen, manchmal wurden wir gegen Geld im Auto mitgenommen“, sagt der 45-Jährige. Von Griechenland ging es über die Balkanroute bis nach Deutschland. Monatelang musste die Familie in Bosnien-Herzegowina ausharren, ehe die Weiterreise gelang. Kroatien – und nicht Griechenland, wohin Familien gegenwärtig nicht abgeschoben werden – gilt jetzt als erstes Land, in dem die Jacobis die Europäische Union betreten haben. Laut der Dublin-Vereinbarung muss dorthin nun abgeschoben werden. Die Tätigkeit als deutscher Ortshelfer spielte für das Bundesamt für Migration (BAMF) keine Rolle. „Wir machen da gar keine inhaltliche Prüfung“, sagte ein Sprecher.
Das Amt sieht keine unangemessene Behandlung
Nach Kroatien will die Familie aber auf keinen Fall zurück. „Wir sind dort mit Schlagstöcken geschlagen und getreten worden“, sagt Jacobi. Das BAMF lässt das nicht gelten. Wenn illegal eingereiste Ausländer bei der erkennungsdienstlichen Behandlung nicht kooperierten, stelle die Androhung und Umsetzung von Zwangsmaßnahmen keinen Verfahrensmangel dar, sondern sei im „berechtigten öffentlichen Interesse“, heißt es im Bescheid. „Anhaltspunkte, dass diesbezügliche Maßnahmen unverhältnismäßig oder sonst wie widerrechtlich waren, liegen nicht vor.“
Der Asylanwalt Ernst Dietzfelbinger hat vor dem Verwaltungsgericht Karlsruhe Klage gegen den Bescheid erhoben. Dass der Job bei der Bundeswehr gar keine Rolle spielen soll, erschüttert ihn. Einstweilen sind die Jacobis aber zur Ausreise verpflichtet – und könnten jederzeit abgeschoben werden.