Ortsmitte in Weissach Keine Belebung ohne die Menschen

Ihre Spritzeria wurde von den Weissachern gut angenommen: Anika Frick und Moses Hofmann. Foto: Simon Granville

Einen Sommer lang wurden vor dem Weissacher Backhaus Getränke ausgeschenkt. Die Initiative könnte auch ein Ausblick darauf sein, wie das Leben in der geplanten, neugestalteten Ortsmitte aussehen könnte.

Leonberg: Sophia Herzog (she)

Nanu, da ist ja noch Licht an – dachte sich vielleicht so mancher, der während der Sommermonate in der Abenddämmerung rund um den Marktplatz unterwegs war. Dort hatte für einige Monate die Spritzeria ihre Zelte aufgeschlagen: Über eine mobile Pop-Up-Bar wanderten zu jener Zeit immer donnerstags bis freitags so einige kühle Getränke. Inzwischen ist die Open-Air-Bar vor dem Backhaus im Winterschlaf, für einige Wochen sorgte sie aber doch für Leben in der Ortsmitte. Denn in Weissach, so sagten es die beiden Initiatoren bei der Eröffnung, gebe es außerhalb des Vereinskontextes kaum eine Anlaufstelle für alle.

 

Und das hat auch gut funktioniert: An den meisten Abendenden, an denen die Spritzeria geöffnet hatte, war der Platz vor dem Backhaus gut besucht, die Bierbänke im Schein der Lichterketten auch noch bis Betriebsschluss gut gefüllt. „Ohne zu überschwänglich zu werden, hat uns das positive Feedback der Gäste völlig umgehauen“, sagt Moses Hofmann, der die Spritzeria zusammen mit Anika Frick nach Weissach gebracht hat. „Ein guter Indikator ist wahrscheinlich auch die Vielzahl von Leuten, die uns gefragt haben, wie es nächstes Jahr weitergeht, uns ermutigt haben und uns sogar Ihre Hilfe angeboten haben“, ergänzt Anika Frick.

Dorfoase und Außengastronomie verstehen sich gut

Unterstützung hatten die beiden jungen Gastronomen auch aus dem Rathaus erhalten. Angefangen, so berichtet Bürgermeister Jens Millow, habe alles mit der Eröffnung des Dorfstrands: Zwischen Marktplatz und Backhaus hatte die Gemeinde schon im vergangenen Sommer ein Sandbecken aufgeschüttet und mit einem Sonnensegel überspannt. „Die Intention war es, diese Fläche auch zu bespielen“, sagt Millow – räumt aber auch ein, dass für diese freiwillige Aufgabe angesichts der langen To-do-Liste im Rathaus erst einmal die Zeit fehlte. „Dass sich dann junge Menschen gefunden haben, die das übernehmen – da steckt auch Glück drin.“

Mit den Genehmigungsverfahren, besonders rund um die Public-Viewing-Veranstaltungen zur EM, sei man im Rathaus zwar trotzdem intensiv beschäftigt gewesen. Lob ernten Frick und Moses aber reichlich: „Großartig“ seien die Events gewesen. „Wir stehen dem sehr positiv gegenüber“, so Millow. Es stünden jetzt noch Gespräche aus, ob und wie es im kommenden Jahr weitergeht.

Ortsmitte im November im Gemeinderat Thema

Die Belebung der Weissacher Ortsmitte war vor zwei Jahren auch eines der Themen, mit denen Millow in den Wahlkampf gezogen war. Schon damals hatte sich die geplante Generalüberholung des Ortskerns, die „Neue Ortsmitte“, reichlich verzögert – etwa, weil erst einmal am Hochwasserschutz und dem Starkregenrisikomanagement gearbeitet werden musste. Inzwischen habe man schon einige grüne Haken in Sachen Vorplanung setzen können, berichtet Millow, neben dem Thema Starkregen etwa auch der Firma Rewe einen neuen Standort als Alternative zur kleinen, bisherigen Verkaufsfläche bieten können. Im November soll der aktuelle Stand im Gemeinderat präsentiert werden. Weil sich einiges geändert habe, will man außerdem noch einmal auf die Bevölkerung zugehen. Klar zu sehen ist aber auch: Die Neugestaltung der Ortsmitte wird zwar seit vielen Jahren gesprochen, bis der erste Bagger rollt, wird es aber noch ein Weilchen dauern.

Die Dorfoase in Weissach wurde 2023 eröffnet. Foto: Jürgen Bach

In der Zwischenzeit hat man laut Millow deshalb einige „Experimente“ gestartet: Nicht nur die Dorfoase wurde aufgeschüttet, auch den Verkaufscontainer der Eiserei, der vorher etwas versteckt auf einem Schotterparkplatz stand, hat man mehr in Richtung Marktplatz geholt. Sowohl die Kunden der Eisdiele als auch die der Ratsstuben hätten die Oase seit ihrer Einführung gut genutzt, sagt Millow. Hinter dem Eiserei-Container hat die Gemeinde außerdem eine Sprühnebelkühlung installiert, mit der sich unter anderem die Seniorinnen und Senioren des nahen Rosa-Körner-Stifts auf Knopfdruck abkühlen können. „Wir wollten schauen, ob das funktioniert“, sagt Millow. „Und dann in die neue Ortsmitte integrieren.“ Für alle oben genannten Experimente hat er ein klares Fazit: Sie haben funktioniert.

Es braucht die Bürgerinnen und Bürger

Für eine Belebung der Ortsmitte, das betont der Bürgermeister, braucht es letztlich aber auch: die Bürgerinnen und Bürger. „Es braucht Geschäfte, es braucht Gastronomie, es braucht Angebote“, sagt Millow. „Es geht gar nichts ohne die Bürgerschaft.“ Eben wie: Anika Frick und Moses Hofmann. „Natürlich ist es wünschenswert, dass auch andere Leute sich was trauen und neue Dinge kreieren, die zu einem belebten Ortskern führen“, sagt Frick. „Jedoch ist so ein Vorhaben immer mit einem großen Zeitinvest verbunden, oft ohne dass große finanzielle Gewinne in Aussicht stehen.“ Außerdem könne im Vorfeld auch keiner garantieren, ob die Idee ein Erfolg wird.

Damit eine Idee wie die Spritzeria zündet, braucht es laut dem Gründerduo auch die richtigen Rahmenbedingungen. „Dazu gehört eine Gemeindeverwaltung, die den Mehrwert vergleichbarer Vorhaben sieht und klare Rahmenbedingungen für deren Umsetzung schafft“, erklärt Hofmann. „Vor allem benötigt es aber Gemeindemitglieder, die neuen Ideen eine Chance geben und die Angebote zumindest einmal selbst testen, bevor Sie ein Urteil treffen oder in den Widerstand gehen.“

Wie geht es nächstes Jahr weiter?

Obwohl der Sommer, und damit auch die wöchentliche Pop-Up-Bar vor dem Rathaus, inzwischen längst vorbei ist – die Füße still halten Anika Frick und Moses Hofmann nicht. Ende Oktober veranstalten die beiden ihr erstes Indoor-Event, den Spritzeria Wasen. „Und auch im November und Dezember wird man von uns hören“, sagt Frick. Genaue Pläne für das kommende Jahr wollen die beiden noch nicht verraten – lassen aber anklingen, dass es zumindest an Energie und Lust nicht mangelt. „Wir müssen zugeben: Wir haben schon Blut geleckt.“

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