Oscar-Paret-Schule in Freiberg/Neckar Eine komplette Schule zieht um

Schulleiter René Coels hat alle Hände voll zu tun. Der Umzug der OPS hat begonnen. Foto: Simon Granville

Etwa 1500 Schüler, 150 Lehrer, drei Schularten unter einem Dach: die OPS in Freiberg am Neckar ist eine besondere Schule. Nun zieht der ganze Tross um. Der Neubau kostet rund 87 Millionen Euro.

Digital Desk: Michael Bosch (mbo)

René Coels steht vor dem Eingang der Oscar-Paret-Schule (OPS) in Freiberg am Neckar (Kreis Ludwigsburg). Und er strahlt. Sein Gemütszustand sei „momentan entspannt“. Das nimmt man dem Schulleiter ab, wenn man ihn so sieht. Dabei hätte er eigentlich jede Menge Gründe, es nicht zu sein. Denn eine komplette Schule umzuziehen, das macht man schließlich nicht alle Tage. „Und ein bisschen mehr als ein Hausstand ist es auch“, sagt Coels und grinst. Dass das maßlos untertrieben ist, weiß er wohl.

 

Drinnen, im alten Gebäude, sind derweil Möbelpacker beschäftigt, Kisten aus dem ersten Stock ins Erdgeschoss und dort auf Rollbretter zu wuchten. Auch wenn der Weg ins neue Gebäude auf der Rückseite nur einige Meter weit ist, so kurz mal über den Hof schleppt man so eine komplette Schule auch nicht. Deshalb wird alles in einen Laster verladen, der das kurze Stück fährt. An mehreren Ecken im alten Schulgebäude stehen an diesem Tag die Kartons abholbereit.

Die EDV-Anlage kostet Nerven

Wie viele Tonnen sie heute noch schleppen, wissen die Mitarbeiter des Umzugsunternehmen selbst nicht. „Zu viele“, sagt einer. Coels kann auch nicht sagen, wie viele Kisten gepackt wurden und noch werden und wie viel Tonnen Material letztlich von A nach B müssen. Wenn er es nicht weiß, weiß es wahrscheinlich niemand. Denn niemand ist so involviert wie der 43-Jährige.

Seit 2018 ist Coels Schulleiter der OPS, die unter ihrem Dach drei Schularten vereint. Das Projekt neue Schule hatte Coels von seinem Vorgänger Bernhard Joos geerbt. Der habe irgendwann gesagt: „Bis der Umzug kommt, bin ich in Rente.“ Also hing es anschließend an Coels, alles zu organisieren. Und das war ’ne ganze Menge. Mit den Planungen für das Unterfangen hat er bereits vor gut zwei Jahren begonnen. Wobei man damals noch einen früheren Termin anvisiert hatte. Den konnten die Baufirmen aber nicht halten, es kam zu Verzögerungen, schließlich wurde der Umzug gleich um ein ganzes Jahr verschoben. „Wir wollten nach der ganzen Zeit mit Corona auch nicht, dass noch mehr Unterricht ausfällt“, sagt Coels. Und Prüfungen sollten von dem Mammutumzug auf keinen Fall beeinträchtigt werden. Damit die Schülerinnen und Schüler möglichst wenig mitbekommen, wurde die Umquartierung entzerrt, sie findet in drei Tranchen statt.

In den Pfingstferien ziehen das Sekretariat, die Schulsozialarbeit und das Lehrerzimmer um. Das sei der einfachste Teil, so Coels. Wobei ihn die EDV-Anlage doch einige Nerven gekostet hat. Das Telefon tut immer noch nicht, ans World Wide Web sind die Räume mittlerweile angeschlossen. Dass es kein Internet mehr im alten Gebäude gibt, ist eine der Einschränkungen, die man in Kauf nimmt. Seine Kolleginnen und Kollegen hätten den Stoff so geplant, dass zum Schuljahresende nicht mehr unbedingt im Internet recherchiert werden müsse, sagt Coels.

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7000 Quadratmeter mehr im neuen Gebäude

Ende Juni folgen dann die Naturwissenschaften – Bio, Chemie, Physik. Weil dort auch Zerbrechliches und vor allem Gefahrenstoffe verpackt und transportiert werden, sei das schon ein bisschen komplizierter, sagt Coels. Als Letztes – in den zwei Schulwochen vor den Sommerferien – sind dann die „Schwerlastfachschaften“ dran. Dann muss noch mal richtig schwer geschleppt werden, wenn beispielsweise die Flügel aus den Musikräumen an ihren neuen Bestimmungsort gehievt werden müssen.

Und nach den Sommerferien, wenn die rund 1500 Schüler kommen, soll die Schule dann picobello aussehen.

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Auch wenn an vielen Stellen noch gebohrt, gehämmert, gesägt und gemalt wird: Schon jetzt ist klar, ihr neues Zuhause, das von außen noch etwas roh und leblos, von innen aber schon wie eine richtige Schule aussieht, ist ein Schmuckstück geworden. Vollgestopft mit Technik, lichtdurchflutet, gut durchdacht. Während die alte Schule, deren Kern ab 1973 erbaut und die später sechsmal erweitert wurde, eher Stückwerk war, ist in der neuen alles aus einem Guss. „Im alten Gebäude muss ich bis heute überlegen, wo bestimmte Räume sind“, sagt Coels. „In der neuen Schule finde ich mich schon seit Wochen blind zurecht.“ Und das, obwohl diese mit 19 000 Quadratmetern rund 7000 Quadratmeter größer als die alte ist.

Die Hightechklassenzimmer sind schon voll möbliert und scheinen darauf zu warten, mit Leben gefüllt zu werden. Auf den alten, gelben Stühlen, auf denen Generationen von Schülern büffelten, muss künftig übrigens niemand mehr Platz nehmen. Verschrottet wird das Mobiliar aber nicht. Schon jetzt haben sich so viele Ehemalige gemeldet, die Interesse haben, dass Coels sicher ist, dass man einen Großteil verkaufen wird. Besondere Raritäten aus dem alten Bestand werden bei einem Abschiedsfest von der alten OPS Mitte Juli versteigert. Und einiges fliegt dann sicherlich auch einfach raus.

Sechs kleine Schulen in einer großen

Coels weiß sehr wohl, wie viel Steuergelder in den Neubau geflossen sind und dass das Projekt in der Stadt nicht nur Fans hat, sondern bei einigen auch umstritten ist. Ihm ist wichtig zu betonen, das die Schüler- und Lehrerschaft von Beginn an eingebunden waren und deren Wünsche berücksichtigt wurde. Coels hat sogar noch im Urlaub Schulen besichtigt. Natürlich habe man nicht alle Ideen verwirklicht, eine Rutsche oder gar ein Wasserfall über mehrere Stockwerke, das war dann doch zu viel des Guten.

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Innerhalb des Megabaus begegnen sich unterschiedliche Jahrgänge eigentlich nicht mehr, auch die Pausenhöfe wurden den Jahrgängen entsprechend gestaltet. Klettergerüste für die Fünfer und Sechser, Platz zum Chillen für die Ältesten. Die Schülerinnen und Schüler haben jahrgangsstufenweise gemeinsame „Lernhäuser“– kleine, eigenständige Schulen in der großen: Alle Gemeinschafts-, Real- und Gymnasialschüler einer Stufe beziehen ein solches Lernhaus für jeweils ein Schuljahr. Mit eigenen Klassenräumen zwar, aber gemeinsamen „Marktplätzen“ – großen, bunt möblierten Aufenthalts- und Präsentationsflächen –, mit Jahrgangsbibliotheken, Sanitäranlagen und Räumen für individuelles Lernen. „Da wird eine ganz andere Qualität an Unterricht möglich“, sagt Coels.

Wie ihre Schüler haben es die 150 Lehrerinnen und Lehrer in der neuen OPS sehr viel komfortabler. Bisher hatte nicht mal jeder ein eigenes Schließfach. Von der Küche im neuen Lehrerzimmer würde hingegen sicherlich auch ein Innenarchitekt schwärmen, statt eines Raums mit PC-Arbeitsplätzen gibt es jetzt gleich fünf. Die Lehrkräfte können sich zwischen den Unterrichtseinheiten sogar einfach mal aufs Ohr hauen. Im neuen Ruheraum stehen Betten. Als das Kollegium in der vergangenen Woche die Schule zum ersten Mal von innen gesehen habe, wollten laut Coels viele gar nicht mehr gehen – obwohl die Pfingstferien begonnen hatten.

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Unterwegs mit einer losen Türklinke

Coels steht vor einer massiven Tür im neuen Gebäude, aus seiner Hosentasche baumelt eine Türklinke. „Mein wichtigstes Stück“, sagt er. Weil die digitale Schließanlage fehlt, hat man kurzerhand die bereits vorhandene ins neue Gebäude installiert. Wenn der 43-Jährige nun durch eine geschlossene Tür will, muss er sich mit der mitgebrachten Klinke behelfen. „Es gibt noch jede Menge Mängel und Sachen, die fehlen“, sagt Coels. Momentan ist er mehr Krisenmanager als Lehrer, „manchmal auch Hausmeister oder Architekt“, wie er sagt. Wenn man mit ihm durch seine neue Schule geht, dann spürt man aber auch, dass er sich darüber freut, wie viel sich in den vergangenen Monaten getan hat. Stolz verspüre er bislang noch nicht, „dafür ist die Anspannung noch zu groß“.

Wenn im Herbst erstmals Unterricht in den Klassenzimmern stattfinde und die ersten Essen über den Mensatresen gehen, „dann vielleicht“. Bis dahin ist aber noch eine ganze Menge zu tun. „Aber das bekommen wir schon hin“, sagt René Coels.

Größtes Bauprojekt der Stadt

Megabau
 Der Neubau der Oscar-Paret-Schule ist das größte Bauprojekt, das in der 50-jährigen Geschichte von Freiberg/Neckar realisiert wurde. Mittlerweile geht die Stadt davon aus, dass der Bau um die 87 Millionen Euro kosten wird.

Meilensteine
 Im Jahr 2017 war ein Architektenwettbewerb ausgelobt worden, gut ein Jahr später fasste der Gemeinderat den Baubeschluss. Im Jahr 2019 wurde der Grundstein gelegt, der Bau dauert nun insgesamt gerade einmal drei Jahre. Offiziell eingeweiht wird die neue OPS am Freitag, 24. Juni. Ein Tag der offenen Tür ist für Samstag, 8. Oktober, geplant.

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