Die Angst, an Alzheimer zu erkranken, ist weit verbreitet. Aber wir halten das für ein Risiko des hohen Alters. Julianne Moore spielt in „Still Alice“ eine kluge, beherrschte Frau, die schon früh Symptome der Krankheit an sich bemerkt.

Stuttgart - Es beginnt ganz harmlos. Alice Howland (Julianne Moore) soll einen Vortrag über die Sprachentwicklung bei Kleinkindern halten. Das Reden vor Fachpublikum bereitet ihr normalerweise keine Probleme. Die Professorin für Linguistik ist eine ausgewiesene Expertin und gilt als ebenso eloquente wie charmante Rednerin. Doch während des Vortrags verhaspelt sie sich. Ihr fehlen buchstäblich die Worte. „Ich hatte wohl ein bisschen zu viel Champagner“, witzelt sie die eigene Verunsicherung hinweg. Der Alkohol, den Alice gelegentlich trinkt, ist allerdings nicht schuld an den Aussetzern, die sich bald häufen werden.

Und wie kann es sein, dass sie beim Joggen auf vertrauten Wegen die Orientierung verliert? Warum vergisst sie plötzlich die Zeit, verschwitzt lang geplante Verabredungen? Sie selber vermutet den Einsatz der Menopause als Ursache für die Beschwerden, doch die Diagnose ihres Arztes ist niederschmetternd. Alice leidet unter Alzheimer-Demenz, mit gerade einmal fünfzig Jahren.

Krank im besten Alter

Beklemmende Aussichten

Im Spielfilm „Still Alice“ erzählt das Regie-Duo Richard Glatzner und Wash Westmoreland vom Versuch einer Frau, dem früh einsetzenden Verfall ihres Geistes zu trotzen. Die Geschichte basiert auf dem gleichnamigen Debütroman der Neurowissenschaftlerin Lisa Genova. Anders als etwa der Schriftsteller Arno Geiger, der in seinem Buch „Der alte König in seinem Exil“ (2011) persönliche Erfahrungen mit seinem an Demenz erkrankten Vater verarbeitet hat, erzählt Genova von einer fiktiven Alzheimer-Patientin.

Julianne Moore, die für ihre Darstellung gerade mit dem Oscar ausgezeichnet worden ist, spielt Alice zu Beginn des Films als strahlende, agile Frau im besten Alter, extrem reflektiert und rational. Den ersten Symptomen, die den mentalen Veränderungsprozess begleiten, begegnet Alice noch pragmatisch, den Arztbesuch behält sie zunächst für sich.

Glatzner und Westmoreland, die auch für das Drehbuch verantwortlich zeichnen, legen viel Wert darauf, Alice als selbstbestimmte Persönlichkeit zu zeigen, die trotz der beklemmenden Zukunftsaussichten nicht in Panik verfällt und ihre Familie überraschend gefasst über ihren Gesundheitszustand aufklärt. Die Diagnose bringt sie zwar ins Wanken, wirft sie jedoch nicht aus der Bahn. Akribisch trainiert sie ihr Gedächtnis und setzt sich sogar mit der Möglichkeit des Freitods auseinander.

Das Prinzip Hoffnung

Obwohl Julianne Moore ihrer Figur beeindruckende Glaubwürdigkeit und Stärke verleiht, stellt sich die Frage, ob sich Glatzner und Westmoreland dem Phänomen Alzheimer realistisch oder eher idealisiert nähern. Zwar beschreiben sie die fortschreitenden Einschränkungen, die sich im Alltag nicht nur für Alice, sondern auch für deren Kollegen und Angehörige ergeben, lassen die Krankheit jedoch niemals zu übermächtig erscheinen.

Das liegt vor allem daran, dass es Alice beinahe gelingt, die Kontrolle über ihr Leben bis zum Schluss einigermaßen aufrechtzuerhalten, sowie am sehr vernünftigen und liebevollen Umgang, den die Familienmitglieder untereinander pflegen. Die Bindungen bleiben weitgehend intakt, das einst angeknackste Verhältnis zwischen Alice und ihrer Tochter Lydia (Kristen Stewart) wird sogar inniger. Dass die unberechenbaren Wesensveränderungen sowie die aufwendige Pflege in der Realität die Familien häufig emotional überlasten, spielt hier kaum eine Rolle.

Mustergültiger Abschied auf Raten

Selbst als Alice einmal nicht zur Toilette findet und sich einnässt, reagiert ihr Mann John gelassen, dabei erlebt er gerade, wie seine Frau alles Begehrenswerte und Erotische einbüßt und in die Lebensphase eines Kleinkindes zurückfällt. Alec Baldwin spielt diesen Ehemann im Dauerausnahmezustand mit viel Empathie, als jemanden, dem die Traurigkeit zwar permanent im Genick sitzt, der aber auch in der Lage ist, sein Schicksal anzunehmen und mit dem alten Leben abzuschließen.

Das Prinzip Hoffnung

Auch wenn in „Still Alice“ dieser Abschied auf Raten oft zu mustergültig, fast glatt verläuft, ist Glatzner und Westmoreland dennoch ein sehenswerter Film gelungen. Anstatt uns die Härten eines langen Siechtums allzu drastisch vor Augen zu führen, erzählen sie vom Prinzip Hoffnung und von der Anpassungsfähigkeit des Menschen an widrige Umstände.

Die Furcht vor Demenz kann diese Geschichte zwar nicht schmälern, dass es aber Möglichkeiten gibt, der Krankheit die Stirn zu bieten, ist ein tröstlicher Gedanke.

Still Alice – Mein Leben ohne Gestern. USA, Frankreich 2014. Regie: Richard Glatzner, Wash Westmoreland. Mit Julianne Moore, Alec Baldwin, Kristen Stewart, Hunter Parrish, Kate Bosworth. 101 Minuten. Ohne Altersbeschränkung.