Der deutsche Kriegsfilm „Im Westen nichts Neues“ gewinnt vier Oscars. Der Sieger des Abends ist aber die schrille Science-Fiction-Dramedy „Everything Everywhere All at Once“, die sieben Preise einsammelt und auch als bester Film ausgezeichnet wird.

Freizeit & Unterhaltung : Gunther Reinhardt (gun)

Hier ein hyperrealistisches Schlachtengemälde, das einen in die Schützengräben des Ersten Weltkriegs zerrt, einen die Katastrophe einer ganzen Generation miterleben lässt, die verblendet in den eigenen Untergang zieht; und da eine schrille Mischung aus Fantasy, Komödie und Familiendrama, die erst so tut, als ob es darum gehe, die Geschichte chinesischer Einwanderer zu erzählen, die Probleme mit ihrer Steuererklärung haben, dann aber zur irrwitzigen Reise durch ein Multiversum wird, bei der man auf sprechende Steine trifft, Menschen mit Würstchenfingern und Dildos, die zu Kung-Fu-Waffen werden.

 

Die beiden großen Gewinner der Oscar-Show, die in der Nacht von Sonntag auf Montag in Los Angeles stattfand, scheinen nichts gemeinsam zu haben. Hier der deutsche Kriegsfilm „Im Westen nichts Neues“, der vier Oscars erhielt, dort das US-Fantasyspektakel „Everything Everywhere All at Once“, das mit sieben Trophäen ausgezeichnet wurde. Was die beiden Filme aber verbindet, ist ein unbeirrbarer Humanismus, mal verpackt in eine verstörende historische Tragödie, mal in eine überdrehte Fantasie-Story.

Knapp vorbei an der Sensation

Die beiden Filme waren bereits mit neun beziehungsweise elf Nominierungen als Favoriten ins Oscar-Rennen gegangen. Edward Bergers Film „Im Westen nichts Neues“ schaffte zwar nicht die Sensation, den Hauptpreis als bester Film zu gewinnen – dieser ging dann doch an „Everything Everywhere All at Once“. Aber dass am Ende des Abends ein deutscher Film mit vier Oscars nach Hause geschickt wurde: So etwas gab es noch nie.

Immerhin wurde „Im Westen nichts Neues“ für die beste Kamera (James Friend), das beste Produktionsdesign (Christian M. Goldbeck und Ernestine Hipper) und die beste Filmmusik (Volker Bertelmann aka Hauschka) ausgezeichnet. Und Berger durfte außerdem aus den Händen von Salma Hajek und Antonio Banderas den Oscar für den besten internationalen Film in Empfang nehmen. In seiner Rede bedankte er sich auch bei seinem Hauptdarsteller Felix Kammerer. „Das war zwar dein erster Film, aber du hast uns auf deinen Schultern getragen.“ „Im Westen nichts Neues“ ist erst der vierte Film aus Deutschland, der den Auslands-Oscar erhalten hat – nach „Das Leben der Anderen“ (2007), „Nirgendwo in Afrika“ (2003) und „Die Blechtrommel“ (1980).

„Everything Everywhere All at Once“ gewann neben dem Preis als bester Film auch den Preis für die beste Regie, für das beste Drehbuch, für den besten Schnitt und drei der vier Darstellerpreise. Michelle Yeoh wurde als erste asiatischstämmige Frau überhaupt mit dem Preis als beste Hauptdarstellerin ausgezeichnet. Die bisher einzige Person of Colour, die diesen Preis gewinnen konnte, war Halle Berry, die 2002 für „Monster’s Ball“ als beste Hauptdarstellerin ausgezeichnet wurde.

Yeoh machte in ihrer Dankesrede nicht nur ihre Hautfarbe, sondern auch ihr Alter zum Thema: „Für alle kleinen Jungen und Mädchen, die so aussehen wie ich und gerade zuschauen, ist das ist ein Beweis, dass Träume wahr werden“, sagte die 60-Jährige, „und allen Frauen möchte ich sagen: Lasst euch niemals von irgendwem einreden, dass ihr eure guten Jahre schon hinter euch habt.“

Ähnlich emotional war auch der Auftritt von Ke Huy Quan, der als bester Nebendarsteller in „Everything Everywhere All at Once“ ausgezeichnet wurde. Er war als Flüchtlingsjunge in die USA gekommen, hatte als Kind an der Seite von Harrison Ford in „Indiana Jones und der Tempel des Todes“ mitgespielt. Danach war seine Karriere aber im Sand verlaufen. „Mama, ich habe einen Oscar!“, rief er mit Tränen in den Augen in die Kameras. Und später konnte er sogar Harrison Ford in die Arme schließen, der als letzten Preis des Abends den Oscar für den besten Film an „Everything Everywhere All at Once“ präsentierte.

Hollywood liebt Comeback-Stories wie diese. Deshalb war es auch keine wirklich große Überraschung, dass Brendan Fraser als bester Hauptdarsteller in „The Whale“ ausgezeichnet wurde. Frasers Karriere schien genauso wie die von Ke Huy Quan eigentlich längt zu Ende zu sein – spätestens seit sie gemeinsam im Jahr 1992 in dem unsäglichen Trashfilm „Steinzeit Junior“ mitgespielt hatten. Zumindest wenn man Jimmy Kimmel glaubt, der erneut der Moderator der Oscar-show war.

Keine Zeit für Unfug

Kimmel hatte bei der Eröffnung der knapp vierstündigen Show gewarnt: „Wir haben keine Zeit für irgendwelchen Unfug!“ und darauf hingewiesen, dass es darum gehe, Preise zu vergeben, dass überlange Reden nicht geduldet würden und Handgreiflichkeiten wie die letztes Jahr, als Will Smith auf die Bühne stürmte, um Chris Rock zu ohrfeigen, untersagt seien.

Und tatsächlich ging es in diesem Jahr vielleicht ein bisschen zu friedlich, zu harmoniebedürftig, zu konfliktscheu, zu unpolitisch zu. Der Ukraine-Krieg etwa spielte nur für einen Moment indirekt eine Rolle, als der Preis für den besten Dokumentarfilm an „Nawalny“ ging und Yulia Navalny, die Ehefrau des inhaftierten russischen Oppositionellen, kurz zu Wort kam und sagen durfte: „Ich hoffe, dass unser Land irgendwann wieder frei ist!“