Osiander-Chef Riethmüller zu Wittwer/Thalia Der Platzhirsch fühlt sich wohl mitten in Stuttgart

Von Armin Friedl 

Osiander-Geschäftsführer Christian Riethmüller mit dem Hauptgeschäft am Marktplatz sieht sich gut gewappnet für die neue Konkurrenz von Thalia und Wittwer in der Stadt. Man freut sich sogar darauf.

Viel Tageslicht und ein guter Ausblick: Osiander am Marktplatz Foto: Lichtgut/Max Kovalenko
Viel Tageslicht und ein guter Ausblick: Osiander am Marktplatz Foto: Lichtgut/Max Kovalenko

Stuttgart - Eine wirkliche Überraschung war es für Christian Riethmüller nicht, dass sich im Buchhaus Wittwer am Schlossplatz einiges tun muss. Und dass sich die Inhaberfamilie für den Zusammenschluss mit dem Großsortimenter Thalia entschieden hat, wundert ihn nicht: „Als Thalia hätte ich mich auch dafür entschieden“, so Riethmüller, „und bei Wittwer zeigte sich schon, dass da ein größerer Investitionsstau vorhanden ist“. Im Hintertreffen sieht sich Riethmüller mit Osiander deshalb aber nicht: „Wir sind mit unserem Standort am Marktplatz sehr zufrieden“.

Der lokale Anbieter vor Ort

Vor gut zwei Jahren hat der Tübinger Traditionsbuchhändler das Haus vom Schreibwarenhändler Haufler übernommen und zu einem Flagship-Store, also zu einer Vorzeige-Buchhandlung ausgebaut. „Da ist für uns ein Traum wahr geworden“, erklärt Riethmüller rückblickend, „wir als Familien- und Traditionsbetrieb im Herzen der Stadt, direkt am Marktplatz. Wir sind hier der Platzhirsch.“

Nach den zeitweisen Stuttgarter Ausflügen ins erste Obergeschoss des Haushaltswarengeschäfts Tritschler und der Filiale im mittlerweile abgerissenen Europahaus ist Riethmüller heute zuversichtlich über die Präsenz von Osiander in der Landeshauptstadt, die durch Filialen im Milaneo und im Gerber vervollständigt wird: „Die Königstraße war nie ein Thema für uns gewesen, da sind die Mieten zu hoch, wie ja auch das zeitweilige Engagement des Großsortimenters Hugendubel dort gezeigt hat. Generell hat für viele die Königstraße an Attraktivität eingebüßt“. Zu Thalia signalisiert Riethmüller einerseits Entspannung: „Seit zwei Jahren sind wir in einer Allianz als gemeinsamer Anbieter des elektronischen Lesegeräts Tolino. Das ist eine sehr erfolgreiche Antwort auf das Lesegerät Kindle von Amazon.“ Und zugleich Abgrenzung: „Es ist für uns besser, dass Thalia kommt. Thalia hat nicht die Tradition vor Ort wie wir.“ Das will er nicht negativ verstanden wissen, aber: „Die Kunden schätzen die Verwurzelung eines Geschäfts nun mal sehr. Und da sind wir eindeutig im Vorteil, allein schon mit unseren Geschäften rund um Stuttgart. Riethmüller selbst folgt ebenso dieser Maxime: „Eigentlich bin ich jede Woche einmal in Stuttgart“.

Im Blick: Kleine und mittlere Städte

Thalia und Osiander – von der reinen Größe her ist Thalia eindeutig führend mit mehr als 400 Filialen im deutschsprachigen Raum, Osiander hat gerade mal 51, und die vor allem in Süddeutschland, oder vor allem im Südwesten. Aber beide sind aktuell auf Wachstumskurs, und da ist schon Musik drin. „In Pforzheim sind wir beide vertreten“, so Riethmüller, „aber Thalia hat dort eindeutig die bessere Geschäftslage. In Heidenheim sind wir gerade mal 20 Meter voneinander entfernt. Das liegt eben daran, dass wir die Herwig-Buchhandlungen komplett übernommen haben. In Reutlingen und Heilbronn hat Thalia inzwischen aufgegeben nach fünf Jahren.“ Fügt man nun hinzu, dass Osiander demnächst in Ditzingen vertreten ist mit einer Buchhandlung, wird eines klar: Osiander schaut vor allem nach den kleineren und mittleren Städten. „Wir gehen uns eigentlich mit gegenseitigem Respekt aus dem Weg. Wir bevorzugen Städte, die sind nicht groß genug für zwei Buchhändler“, so Riethmüller. Stuttgart als Landeshauptstadt ist da eine Ausnahme. Riehtmüller: „Hugendubel ist ja auch wieder da im Dorotheen-Quartier. Damit sind drei große Buchhändler in der Stadt: Das ist doch ein tolles Zeichen, denn wir alle drei glauben an das Buch.“

 

Osiander im Süden, Thalia im Norden

Bei Thalia erkennt Riethmüller eine andere Strategie. Deshalb sieht er eine Zweiteilung des Markts, ähnlich wie es sich bei dem Discounter Aldi ergeben hat: „Thalia hat seinen Geschäftssitz in Hagen, ist in Norddeutschland viel bekannter. Dort sind wir nicht vertreten. Umgekehrt ist Süddeutschland, vor allem Baden-Württemberg, unsere Domäne.“

Wie die Wittwer-Buchhandlung nach dem Einzug von Thalia aussehen wird, darüber kann auch Riethmüller derzeit nur mutmaßen. Er sieht „einen großen Investitionsstau“ und mutmaßt: „Da wird alles bald ziemlich anders aussehen als bisher“. Das Osiander-Konzept kann er dagegen natürlich klar umreißen: „Früher war es das Ziel, eine möglichst große Auswahl zu bieten, heute ist es unser Ziel, eine möglichst gute Auswahl zu bieten“, so Riethmüller, „für viele Kunden ist es lästig, unter 40 Mallorca-Reiseführern einen auszuwählen, wir haben deshalb nur vier. Aber die sind dann wirklich gut“. Für ihn war es nach wie vor die richtige Entscheidung, im ersten Stock des Hauses am Marktplatz eine Fensterfront frei gemacht zu haben für den Blick auf den belebten Platz mit Sitzmöglichkeiten“. Riethmüller: „Das ist ein Ort der Inspiration. Hier kommt viel Tageslicht in unser Geschäft. Und das geht nicht zwingend zu Lasten der Verkaufsfläche. Denn viele Bücher sind bei Osiander wie in einer Bibliothek eingeordnet, also mit dem Buchrücken zum Betrachter und nicht mit der Umschlagseite. Abgeschaut hat er sich dies übrigens in einer Amazon-Filiale im amerikanischen Seattle. Riethmüller: „Bei uns wird das Ambiente geschätzt, die Auswahl und die Beratung. Und Überraschungen gibt es auch noch viele angesichts der Anordnung unserer Bücher“.

Die Kompetenz vor Ort stützen

So ist Osiander auf direktem Wachstumskurs: Bühl, Achern, Kehl, Forchheim oder Eppingen – das sind die Städte, in denen Osiander demnächst expandieren wird. Und schaut dabei, dass – wie im Fall von Ditzingen – die bisherigen Inhaber und Angestellten möglichst am vertrauten Ort weiterarbeiten können, damit die lokale Kompetenz nicht verloren geht. „Wir wollen den lokalen Buchhandel unterstützen – mit der Hilfe von Osiander. Wir haben einige Nachfragen von Buchhändlern, die mit uns dieses Konzept gehen wollen“, so Riethmüller. Da ist dann auch mal – ebenfalls wie in Ditzingen – eine Ausweitung der Ladenfläche möglich in einem gewissen Rahmen.

Ein gutes für Online-Bestellungen gehört da natürlich dazu wie eine prompte Lieferung. Und in Städten wie in Stuttgart ist es möglich, dass Bestellungen ins Haus umweltfreundlich per Fahrradkurier und ohne Aufpreis kommen.

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