Oskar-Beck-Kolumne Am besten hart und humorlos

Von Oskar Beck 

Wer Europameister werden will, fragt am besten Karlheinz Förster. Der frühere Kapitän des VfB Stuttgart weiß, wie es geht – er war Europameister.

Hat auf dem Platz immer eine gute Figur gemacht: Karlheinz Förster. Foto: Baumann
Hat auf dem Platz immer eine gute Figur gemacht: Karlheinz Förster. Foto: Baumann

Stuttgart - Per Mertesacker ist 27 Jahre alt und Mats Hummels gerade mal 23 – aber neulich gegen die Schweiz haben sie als Abwehrkrücken so alt ausgesehen, dass wir Nostalgiker seither schlaflose Nächte verbringen, ins Kissen weinen und uns fragen, ob Karlheinz Förster nicht immer noch doppelt so gut wäre, obwohl der Mann mehr als doppelt so alt ist.

Wie fühlt man sich mit 53?

Der Mann, der uns gegenübersitzt, verzieht das Gesicht, senkt den Blick und deutet gleichzeitig auf mehrere Gebeine und Gelenke, was ungefähr heißen soll: „Wie viel Zeit haben Sie mitgebracht?“ Dann fängt er an, seine vielfältigen Gebrechen aufzulisten, ganz langsam, zum Mitschreiben: Linkes Sprunggelenk versteift, dem rechten droht dasselbe Los, ein Hüftgelenk krächzt, und eines seiner Kniegelenke ist auch nicht vergnügungssteuerpflichtig.

„Die Sünden der Vergangenheit rächen sich“, ahnt Förster, sie machen ihm peu à peu den Prozess. Er war der perfekte Profi, stand immer aufopferungsvoll seinen Mann, hat die Schmerzen ignoriert oder sie sich vor dem Spiel vom Doc wegspritzen lassen, aber im Nachhinein betrachtet war es ein Schuss ins Knie. Heute ist er Spielerberater und würde seine Klienten vor dieser Selbstaufopferung mit Händen und Füßen bewahren – aber so war es halt damals, „es gab keine Reha und nix“, sagt Förster und ist froh, dass er nicht auch noch eine versteifte Nase hat. Die brach ihm einst krachend – aber Förster hat geschwind die Wrackteile zusammengesteckt und weitergespielt, „das war gar kein Thema“.

Ohne Stützstrümpfe im Clubheim

Mit 32 war dann Schluss mit dem Raubbau und das Verfallsdatum früh erreicht. Heute ist der Sport, den Karlheinz Förster treibt, nur noch familienfreundlich: „Radfahren und Spaziergehen“, sagt er – daheim im badischen Schwarzach, mit seiner Frau Petra.

Und Fußball?

„Fußball?“ Da lacht er gequält. Und beneidet den Bruder. Zwar hat es auch Bernd am Knie und eine künstliche Hüfte, er kann aber mit den Alten Herren des VfB wenigstens noch ein bisschen kicken. „Ich tauge da nur noch zum Trainer“, sagt Karlheinz. Immerhin schafft er es ohne Stützstrümpfe zu unserem Treffen ins VfB-Clubheim. Drunten in Cannstatt hat einst begonnen, was zu Försters glorreichen 80ern führte. 1982 Fußballer des Jahres. 1984 Deutscher Meister. 81 Länderspiele. 1980 Europameister. 1982 und 1986 Vizeweltmeister. Und dieser einsame Rekord: 23 Länderspiele unbesiegt.

Von Mitte 78 bis Ende 80 war es, salopp gesagt, wurscht, wie die Gegner hießen. Bundestrainer Jupp Derwall war eine rheinische Frohnatur, und seine strategischen Marschrouten, so erinnert sich Förster, hörten sich so an: „Jungs, lasst uns ein gutes Spiel machen, dann können wir hinterher ein gemütliches Bierchen trinken und lecker Schnittchen essen.“

Waren Jupps Europameister stärker als die kommenden von Jogi? Förster weiß, dass man gestern nicht mit heute und Äpfel nicht mit Birnen vergleichen sollte, schwört aber beim Rückblick auf das damalige Potenzial: „Schumacher, Kaltz, Dietz, Schuster, Stielike, Briegel, Rummenigge, Allofs, Magath, Müller – da stimmte die Struktur. Wir hatten starke Einzelspieler, die durch ihre tragende Rolle in ihren Clubs zugleich Führungsspieler waren. Jeder wusste, was zu tun war.“

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