Oskar-Beck-Kolumne An Hursts Heldentrikot klebt Blut

Von Oskar Beck 

50 Jahre Wembley-Tor: Helmut Haller ist tot – aber von da oben herab lacht er den englischen Schützen aus.

Stuttgart - Der Deutsche Fußball-Bund (DFB) eröffnet am Wochen­ende die Ausstellung „50 Jahre Wembley-Tor“ und wird hoffentlich ein Mahnmal enthüllen, damit so etwas nie wieder passiert – aber auf jeden Fall ­haben die Engländer schon einmal den richtigen Dämpfer erhalten: Das Auktionshaus Sotheby’s wollte kürzlich das Trikot versteigern, in dem Geoff Hurst im damaligen WM-Finale 1966 uns Deutsche mit drei Toren erschossen hat – aber keiner kaufte es.

Ein Ladenhüter.

Eigentlich müsste jeder halbwegs anspruchsvolle englische Souvenirjäger Haus und Hof für ein Stück Hauch von damals verkaufen, aber 50 Jahre nach jenem unsäglichen 30. Juli 1966 ging für das auf 600 000 Euro geschätzte Heldenhemd von Hurst nicht einmal das Mindestangebot ein. Das rote Stück Stoff mit der „10“ wird gemieden, als ob Blut daran klebt. Dabei sind es nur Hursts Schweiß und die Tränen von Hans Tilkowski, Willi Schulz, Siggi Held oder Uwe Seeler, die am Sonntag die DFB-Ausstellung in Dortmund eröffnen. Wenn sie von Hursts Hemdenflop hören, werden sie in den Himmel hinaufzwinkern zu Helmut Haller – und unser unvergessenes Schlitzohr aus Augsburg wird sich mit seinem Lausbubengrinsen auf die Schenkel klopfen und den alten Gassenhauer „Souvenirs, Souvenirs“ von Bill Ramsey trällern.

Sagenhaftes Trio

Denn Haller, der seinerzeit das sagenhafte Mittelfeldtrio Haller-Beckenbauer-Overath krönte, hat nach dem Schlusspfiff den Ball geklaut.

Der dreiste Diebstahl ist durch Bilder belegt: Haller, wie er mit dem unter den Arm geklemmten Ball in der Loge den Knicks vor der Queen macht – oder später beim WM-Abschlussbankett, als er die Heiligen Drei Könige ihre Autogramme draufschreiben lässt: Pelé, Eusebio und Bobby Charlton.

Helmut Haller war ein Meister der Wertanlage. Er wusste: Was er sich da unter den Nagel gerissen hatte, war der berühmteste Ball der Fußballgeschichte – der Ball, der nicht drin war.

Das Tor des Jahrunderts

Damit sind wir bei dieser verdammten, verfluchten 101. Minute. Geoff Hurst schießt, der Ball knallt an die Latte – und nach unten. Vor die Linie? Auf die Linie? Hinter die Linie? Schiedsrichter Gottfried Dienst, ein Postbeamter aus Basel, weiß es nicht. Sein Linienrichter Tofik Bachramov, ein Schnauzbart aus Baku am Kaspischen Meer, weiß es auch nicht, brüllt aber Dienst plötzlich an: „Is gol, gol, gol!“ 3:2. Das Tor des Jahrhunderts ist gefallen, aber nur ein Mensch auf der Welt hat es wirklich gesehen: Heinrich Lübke.

Es ist immer noch kurz nach dem Krieg, und in einer peinlichen Mischung aus politischer Korrektheit und ­beginnender Tüteligkeit behauptet der Bundespräsident eisern: „Der Ball war drin.“ Selbst Geoff Hurst ist sich später weit weniger sicher („Tor? Eher nicht“), und irregulär ist auf jeden Fall sein 4:2, denn bei diesem letzten Konter muss er an englischen Fans vorbeisprinten, die schon feiernd das Spielfeld bevölkern. Dieses Chaos nutzt Helmut Haller zum Stehlen des Balles. In Augsburg schenkt er ihn seinem Sohn Jürgen zum fünften Geburtstag, und der übt damit so fleißig im Garten, dass er es später zum Bundesliga-Spieler bringt. Manchmal leiht Haller den Ball auch aus, zu Festen, Ausstellungen und Firmenjubiläen. Bis sich, dreißig Jahre danach, die Engländer am Kopf kratzen: „Wo ist eigentlich unser alter WM-Ball?“

Die Revolverpresse zieht in den Krieg

„Ich habe ihn nicht“, schwört Hurst. Als dreifacher ­Finaltorschütze hält sich der von der Königin zum Ritter geschlagene Sir Geoffrey plötzlich für den rechtmäßigen Besitzer, und die englische Revolverpresse zieht in den Krieg und startet im Rahmen einer emotional aufgewühlten Kampagne die große Heimholaktion. Im April 1996 ist es schließlich so weit. Hallers Sohn fliegt mit dem Ball nach London, und Letzterer wird nach der Landung von Hurst im Blitzlichtgewitter der Kameras geküsst. Danach landet er in einer Vitrine auf der „Waterloo Station“, und gut eingefettet krönt er inzwischen das National Football Museum in Lancashire.

Hatte Haller ein Herz für Hurst? Wesentlich glaubhafter klingt die These, eine patriotische englische Investorengruppe habe an den pfiffigen Augsburger eine Lösegeldzahlung von 240 000 Mark geleistet, das Boulevardblatt „Sun“ schäumte: „Dieser gierige Kraut.“ So oder so: Helmut Haller war mit dem WM-Ball besser bedient als Hurst mit seinem Trikot. Die Engländer sind als Erfinder des Fair Play offenbar so pingelig, dass sie dieses fragwürdige Hemd nicht einmal mit der Kneifzange anfassen.

Für Sir Geoffrey ist das alles ziemlich blamabel – und neidisch blickt Sotheby’s nach München, denn selbst dort fanden sich neulich problemlos Käufer, als Adolf Hitlers Socken, Eva Brauns burgundrotes Sommerkleid und Hermann Görings seidene Unterhose versteigert wurden.