Oskar-Beck-Kolumne Claudio Pizarro – Lebensfreude im Abstiegskampf verboten?

Verwerflich? Urlaub, Meer, Bier und ein gut gelaunter Claudio Pizarro Foto: Instagram

Franck Ribéry aß ungestraft ein vergoldetes Steak. Aber dem Fußball-Altmeister des SV Werder Bremen wird eine Dose Bier verübelt.

Stuttgart - Die Clubs der Fußball-Bundesliga sind in die Sonne von Marbella, Florida und Katar geflogen, um sich für die Rückrunde aufzuwärmen, und das Wichtigste vorweg: Alle Spieler sind da.

 

Als der älteste Spieler der Liga, aus dem Thailand-Strandurlaub kommend, im Hotel Castillo Son Vida auf Mallorca zum Tross von Werder Bremen stieß, waren ob seiner stabilen Verfassung viele verblüfft – die ganz Ängstlichen hatten befürchtet, dass der lebenslustige Peruaner ungekämmt, unrasiert und mit glasigen Augen erscheinen würde, mindestens aber mit einem Restalkoholgehalt von drei Promille in der Bierfahne. Schuld war das verhängnisvolle Foto, das Pizarro vergangene Woche von den Phi-Phi-Inseln als Neujahrsgruß um die Welt geschickt hatte: Betont lebensbejahend rekelte er sich mit nacktem Oberkörper in einem Boot, bei wolkenlos blauem Himmel auf noch blauerem Meer, und lässig lachte er durch seine Sonnenbrille – doch am aufreizendsten war die süffige Dose Bier in seiner ausgestreckten Linken.

Die Empörung war gewaltig: Darf ein Tabellenvorletzter lachen – und mitten im Abstiegskampf im Urlaub ein Bier trinken?

Eine Frage des Reinheitsgebots?

Nein, nein und noch mal nein, fanden viele. Bremens Trainer, Florian Kohfeldt, rüffelte seinen Altstar: „Er muss sich bewusst sein, dass er damit ein Signal gesendet hat, das für die jungen Spieler nicht optimal war.“ Auch Werder-Geschäftsführer Frank Baumann machte ein Gesicht, das nach Blutprobe schrie. „Pizarro muss zum Rapport“, meldete „Bild“ balkendick, und Kohfeldt nickte: „Ich werde auf Mallorca mit Claudio reden.“

Worüber? Welche Verwerflichkeit musste da dringend besprochen werden? Wollten die Bremer Bosse dem 197-fachen Bundesliga-Torschützen im hohen Alter von 41 noch beibringen, dass ein Vorletzter nicht lacht, sondern den Rüssel hängen lässt – oder hatte Pizarro auf dem Boot womöglich das falsche Bier in der Hand? Erfüllte es nicht die Anforderungen des deutschen Reinheitsgebots?

Der Manager Baumann ist Franke, er hat früher in Nürnberg gekickt, und dort kennen sich alle aus mit dem Bier, speziell mit dem ausländischen. Über das Gesöff, mit dem eine US-Brauerei bei der WM 2006 die deutschen Stadien überschwemmte, schrieb damals eine Nürnberger Zeitung entsetzt: „Wer sich schon einmal drüben in den USA eine Gallone Budweiser hineingepfiffen hat, der weiß, warum dieses sogenannte Bier exportiert wird. Es dreht sich dabei um ein Geschmacksnervengas furchtbarsten Ausmaßes. Es lässt die Zunge erstarren, versetzt Magen, Leber und Bauchspeicheldrüse in Angst und Schrecken, und selbst beim Herauslassen ätzt es noch faustgroße Löcher in den Asphalt.“

Aber das muss Pizarro keiner erklären. Lange genug war er beim FC Bayern, er hat dort viele Maßkrüge gestemmt und hätte den Fassanstich beim Oktoberfest fehlerloser hingekriegt als jeder Münchner OB. Vergessen wir also die Dose Bier, in Wahrheit macht der Abstiegskampf die Bremer Bosse gagga. Stünde Werder oben, dürfte Pizarro das Wintercamp in Mallorca jetzt ungestraft schwänzen und sich in Thailand jeden Tag ein mit Blattgold paniertes Luxus-Steak einverleiben wie Franck Ribéry seinerzeit in Dubai.

„Die Würde des Goldsteaks ist unantastbar“

Erinnern wir uns: Auf dem Weg ins Wintertrainingslager des FC Bayern in Katar machte der Franzose damals halt in einem Fresstempel und schickte auch tolle Aufnahmen um die Welt wie jetzt Pizarro, nur ging es da um ein Goldsteak, das an der Rohstoffbörse auf einen Fleischmarktwert von 1200 Euro taxiert wurde. Ribéry wehrte sich danach gegen die Kritiker mit einer zündenden Ghettobotschaft („Fickt eure Mütter, eure Großmütter und euren gesamten Stammbaum“), aber die Bayernbosse klopften ihm dafür nicht empört auf die Finger – eher hätten sie eine Pressekonferenz einberufen und auf Artikel 1 des Feinschmeckergrundgesetzes („Die Würde des Goldsteaks ist unantastbar“) gepocht.

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Wer als Club oben steht, lässt sich selbst von den delikatesten Vorlieben seiner Stars nicht erschüttern. Wer dagegen mit dem Rücken zur Wand steht wie die Bremer, macht unter dem höllischen Druck wegen der kleinsten Dose Bier gleich ein Fass auf.

Jede Krise schreit nach Sündenböcken

Krisen sind tückisch. „In jeder Krise“, verriet im Finanzchaos 2008 der Wirtschaftsforscher Hans-Werner Sinn, „wird nach Schuldigen gesucht. In der Weltwirtschaftskrise von 1929 hat es in Deutschland die Juden getroffen, heute sind es die Manager.“ Den haarsträubenden Vergleich nahm Sinn tags darauf wieder zurück, aber bei allem Unsinn blieb eines richtig: Jede Krise schreit nach Sündenböcken. In der Klimakrise singt beispielsweise der WDR-Kinderchor „Meine Oma ist ’ne alte Umweltsau“ – und in der Werder-Krise ist Opa Pizarro jetzt der alte, weiße Mann. Sogar eine neue Frisur trägt er. Warum er sich umfärben ließ? „Weil sich bei Werder was ändern musste“, sagte der strohblonde Peruaner, „ich wollte ein Zeichen setzen.“ Wollte er auch mit dem Selfie von den Phi-Phi-Inseln nur die Stimmung heben? Für eine Begnadigung spricht zudem, dass die eine oder andere Dose Bier einem Scharfschützen bei der Ausübung seiner Tätigkeit so wenig schadet wie beispielsweise Schriftstellern. Vom berühmten US-Dichter Truman Capote („Kaltblütig“) ist der glaubhafte Satz überliefert: „Um gut schreiben zu können, muss man etwas Kühleres in den Adern haben als Blut.“

Bremens Bosse kommen von ihrer Empörung jedenfalls langsam ab. Was der Trainer Kohfeldt auf Mallorca zuletzt von sich gab, hörte sich fast schon an wie ein Prosit auf den lockeren Opa Pizarro: „Ich weiß, dass Claudio in zwei Wochen auf den Platz geht und sich dann nicht um den Druck im Abstiegskampf schert. Der hält das aus. Der kann das. Urlaub zu machen, Sonne zu tanken und sich zu erholen – das war der Plan.“

Na also.

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