Oskar-Beck-Kolumne Der entzauberte Zauberer

Von Oskar Beck 

Das Satiremagazin "Titanic" nimmt den früheren Fußball-Wunderheiler Christoph Daum aufs Korn. Der Abstieg des Mental-Magiers.

Satiremagazin „Titanic“ nimmt Christoph Daum aufs Korn. Foto: Titanic
Satiremagazin „Titanic“ nimmt Christoph Daum aufs Korn. Foto: Titanic

Frankfurt - Kurz vor Torschluss der Saison wird die Bundesliga nochmals von einem Wechselgerücht erschüttert - die Spürhunde des Magazins "Titanic" wollen erfahren haben: "Nach Frankfurt-Debakel: Übernimmt Daum jetzt Al-Qaida?" Dass sich inzwischen schon die Satire für Christoph Daum zuständig fühlt, ist kein gutes Omen für diesen Trainer, der einst mit dem Anspruch antrat, ernst genommen zu werden. Als hochgradiger Motivationskünstler wurde er gefeiert, als Magier des Mentaltrainings - aber wenn er am Samstag mit der Eintracht in Dortmund nicht im letzten Moment Löffel verbiegt, bleibt ihm höchstens Pakistan. Ist der Zauberer entzaubert?

Jedenfalls schlägt ganz Frankfurt die Hände über dem Kopf zusammen, seit sich der vermeintliche Wundertrainer dieser Tage als normaler Mensch outet, wehrlos die Wirklichkeit akzeptiert und sich mit Sätzen zitieren lässt wie diesem: "Es sieht so aus, als ob wir absteigen. Gladbach und Wolfsburg sind in einer besseren Ausgangsposition. Ich glaube nicht, dass sie sich das noch nehmen lassen." Dabei baumeln ihm die Tränensäcke so tief unter den Augen, dass er fast darauf ausrutscht. Das soll Daum sein?

Daum als Retter in der Not?

Die Frankfurter Fans greifen in ihrem Frust mittlerweile zu Dachlatten, schlagen die Commerzbank-Arena kurz und klein und vermummen sich mit Kapuzen, um dieses menschliche Elend nicht länger anschauen zu müssen. Als Messias hatten sie Daum vor ein paar Wochen begrüßt, als Halbgott und Handaufleger, als Erlöser von allem Übel, als rhetorischen Feuerspucker, als starken Mann, und nun das - schier gestützt werden musste der starke Mann, als er letzten Samstag das ausstieß, was viele vollends als seinen Offenbarungseid werten: "Ich muss mich im Moment mit Durchhalteparolen und Phrasen über Wasser halten." Früher hat er mit diesen Phrasen aus Wasser Wein gemacht. Früher war das so: wer Daum in der Not geholt hatte, war ein paar Wochen später gerettet und im Jahr darauf Deutscher Meister, mindestens aber Türkischer. Man kann in Istanbul nachfragen oder beim VfB, egal, wo er war, er hat sich eingeführt mit dem zündenden Satz "Hier geht jetzt die Post ab!" - und Wort gehalten.

Früher war dort, wo Daum Trainer war, jeden Tag etwas los, sogar an Tagen, an denen nichts los war. Er hat als Lautsprecher mitreißend dafür gesorgt. "Die Luft muss brennen!", tönte er montags. "Wenn kein Wind weht, fällt die Regatta aus", dröhnte er dienstags und ließ sich die nächste Brandrede einfallen, mittwochs, donnerstags und freitags erzählte er dann von der Wirkung seines Glückspfennigs, seiner Hasenpfote und seiner Vereinsnadel vom AC Mailand, die er sich in die Socken oder sonst wo hinsteckte - und samstags, vor dem Anpfiff, ließ er seine Kicker in der Kabine noch schnell an einem Bündel mit dreißig Tausendmarkscheinen schnuppern, begleitet von seinem mit der geballten Faust verabreichten Anfeuerungsruf: "Das ist eure Prämie!" Früher war das der sichere Sieg. Doch die Zeit ist nicht stehengeblieben. Nur der Daum ist stehengeblieben, meckern sie jetzt in Frankfurt, denn die Jungmillionäre der Eintracht haben bei seinem flammenden Begrüßungsappell ("Wir arbeiten ab sofort 25 Stunden am Tag!") offenbar kein bisschen die Ohren gespitzt, sondern den müden Spruch gelangweilt als Altherrengeschwätz links rein- und rechts wieder rausgehen lassen - und seither kein einziges Mal gewonnen.