Oskar-Beck-Kolumne Der seltsame Fall des Roger Federer

Von Oskar Beck 

Der Tennisstar aus der Schweiz spielt mit 37 wieder wie mit 17. Verglichen mit ihm ist sogar Mick Jagger ein alter Sack – meint unser Kolumnist Oskar Beck.

Roger Federer mit Trophäe in Miami: Turniersieg Nummer 101. Foto: Getty
Roger Federer mit Trophäe in Miami: Turniersieg Nummer 101. Foto: Getty

Stuttgart - Boris Becker hat vor ein paar Tagen hier an dieser Stelle knallhart die drei Probleme aufgezählt, die den deutschen Jungstar Alexander Zverev derart hemmen, dass er noch nicht die Nummer eins im Tennis ist: Federer, Nadal und Djokovic.

Das größte Problem ist Roger Federer.

Der Schweizer erinnert immer mehr an Brad Pitt in „Der seltsame Fall des Benjamin Button“, denn er wird jeden Tag jünger. Mit 37 hat Federer gerade sein 101. Turnier gewonnen, die „Miami Open“ - und er tanzte im dortigen Hard-Rock-Stadion so federleicht zum Sieg wie 1998, als er noch 17 war und in Miami bei der „Orange Bowl“ Junioren-Weltmeister wurde.

Viele erwähnen Federer auf der Suche nach dem besten Spieler aller Zeiten bereits in einem Atemzug mit Rod Laver. Aber das war eine andere Zeit, mit anderen Schlägern, anderen Saiten, anderen Schuhen, anderen Australiern, und Rod ist inzwischen ja 80 – man kann nicht Äpfel mit Äpfeln vergleichen.

Die starken 37-Jährigen

Umso besser kann man aber Äpfel mit Birnen vergleichen, also beispielsweise 37-jährige Tennisspieler mit 37-jährigen Basketballern. Um herauszufinden, was so eine alte Kanone normalerweise noch ungefähr drauf hat, ist der Schreiber dieser Zeilen deshalb neulich abends vom Tennisstadion in Miami extra in die Basketballhalle gefahren. Dort spielte der 37-jährige Dwyane Wade mit den Miami Heat gegen Orlando, aber vor allem war es der Abend des 35-jährigen Chris Bosh. Beide waren zusammen mit LeBron James einst die sagenhaften „BIG 3“ im Meisterteam von Miami und in der NBA jahrelang das zirkusreife Maß aller Dinge.

Chris Bosh feierte jetzt sein letztes Hurra. Allerdings nicht als Spieler. Er kann nicht mehr spielen. Blutgerinnsel stellten die Ärzte seit Jahren bei ihm fest, immer wieder. Sein Körper will nicht mehr, sein Körper hat kapituliert. Es war also Boshs Abschiedsabend, mit stehenden Ovationen haben sie sein berühmtes Trikot, die „1“, bis unter das Hallendach hochgezogen, und die Menschen heulten Rotz und Wasser. In ein paar Wochen werden sie wieder weinen, denn dann wird auch vollends das Trikot von Wade unter das Dach und aus dem Verkehr gezogen. Im Moment spielt der alte Akrobat noch, immer wieder ein paar Minuten, solange die Puste halt reicht und die Füße ihn noch tragen.

Die Ausnahme von der Regel heißt Federer

So ist das im Normalfall, wenn einer 37 ist. Der eine ist nicht mehr gesund, und der andere braucht Pausen und muss auf der Bank zwischendurch Luft schnappen, oder schlimmstenfalls unter dem Sauerstoffzelt. Es war jedenfalls ein denkwürdiger Abend, und der Kolumnist hier hat die Halle mit gemischten Gefühlen und einem wunderbaren Chris-Bosh-Gedächtnistrikot verlassen – aber vor allem mit dem Wissen, dass Roger Federer die Ausnahme von der Regel ist.

Fitter kann eine alte Kanone nicht sein. Der Einzige, der Federer in puncto ewiger Jugend und Unsterblichkeit an jenen Tagen in Miami das Wasser hätte reichen können, war Mick Jagger. Während der Schweizer sein Tennisturnier gewann, wurde der Frontsänger der Rolling Stones unweit in Miami Beach gesichtet, beim leichten Aufwärmtraining am Strand. Jagger wollte sich in Schuss bringen für den 20. April, dem Auftakt der großen US-Tournee der Stones im gleichen Stadion, das vermutlich deshalb Hard-Rock-Stadion heißt.

Die Fans prügelten sich um die letzten der 80 000 Karten, denn alle wussten: Jagger ist Jagger, und wenn eine Tournee auch noch „No Filter“ heißt, präsentiert der unbeugsame Mick sich ungefiltert, dann verharrt er nicht senil an der Grundlinie, dann explodiert er wie ein Federer des Rocks. Der alte Schweizer ist 37 und spielt wie mit 17, warum soll dann der alte Rocker mit 75 nicht wieder im Zickzack über die Bühne hüpfen und „Jumpin` Jack Flash“ in die Welt hinausbrüllen wie anno `69? Zeigt Jagger nicht schon seit 50 Jahren, dass er erst 25 ist? War er nicht immer ein zuckender Stromstoß mit juckender Hüfte, ungeplagt von allen Vorboten des schleichenden Zerfalls, keine Lesebrille, kein dramatischer Blutdruck, keinerlei Nachlassen des sexuellen Interesses? Mit seiner balletttanzenden Freundin, die als seine Enkelin durchgehen könnte, hatte er sogar den gemeinsamen zweijährigen Sohn Devereux mit nach Miami gebracht, Micks achtes und zweifellos noch nicht letztes Kind.

Mick Jagger und das Herz

Doch dann, wie der Blitz vom blauen Himmel, der jähe Schock. Absage des Konzerts, Tournee verschoben, Herzklappen-OP. Die Schreckensnachricht schlug ein, als hätte der Arzt bei der Diagnose zu Jagger auch noch gesagt: „Genaueres wissen wir erst nach der Autopsie.“ Inzwischen ist er operiert, und im Sommer, tröstet er seine Fans, will er wieder topfit sein. Aber im Sommer ist es in Miami so brütend heiß und brutal feucht, dass der Sheriff keinen 76-Jährigen zum Singen, Tanzen und Hakenschlagen auf die Bühne lässt, selbst wenn der alte Sack schwört, dass es das letzte Mal ist und er das Konzert mit dem Eid zu Ende singt: „It`s all over now“.

Bei Roger Federer ist gar nichts vorbei, alles fängt gerade erst an. Jeden Tag wird der Schweizer jünger, jetzt spielt er schon wie mit 17. Wenn das nicht aufhört, kann die vielzitierte nächste Generation im Tennis, angeführt von Zverev, getrost einpacken – aber auf jeden Fall sollte Mirka Federer gelegentlich mit Cate Blanchett telefonieren, die in „Der seltsame Fall des Benjamin Button“ die Daisy an der Seite von Brad Pitt ist.