Oskar-Beck-Kolumne Die Fragen müssen zu den Antworten passen

Lance Armstrong gibt Oprah Winfrey Auskunft. Foto: AFP
Lance Armstrong gibt Oprah Winfrey Auskunft. Foto: AFP

Alle Welt fragt sich, was Lance Armstrong in der Nacht zum Freitag im Beichtstuhl bei Oprah Winfrey sagt oder nicht sagt. Wir ahnen es.

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Stuttgart - Man kann über Lance Armstrong sagen, was man will, aber wenn es um das Klimpern auf der Klaviatur der Gefühle geht, fährt der Texaner weiter virtuos vorneweg im Gelben Trikot – selbst jetzt, wo ihn die Sportgeschichte als ihren schlimmsten Schurken beschimpft, bewegt er viele Menschen immer noch dermaßen, dass sie gerührt zum Taschentuch greifen. Anfang der Woche hat der aus allen Sätteln gekippte frühere Radelgott vor den Mitarbeitern seiner Krebsstiftung Livestrong bedauert, dass alles so gekommen ist, wie es gekommen ist. Ein Dopingbekenntnis war es nicht, aber umso mehr habe Armstrong „mehrmals um Fassung gerungen“, meldeten Augenzeugen, „und einige Mitarbeiter haben geweint“.

Bringt Armstrong in der Nacht zum Freitag auch Oprah Winfrey in deren TV-Talkshow zum Weinen, wird sie schluchzen und wimmern, übermannt vom Schmerz seiner Beichte? Wie bei der ersten Mondlandung werden Millionen den Wecker stellen, um die Ausstrahlung der großen Oper bei Oprah nicht zu verpassen – es handelt sich dabei um eine Aufzeichnung, denn so eine Konserve hat den unbezahlbaren Vorteil, dass man dann vorher noch tagelang mit der Ankündigung trommeln kann, es sei „durchgesickert“, dass Armstrong erneut „sehr emotional war“.

Ein Blumenstrauß mit „Sorry“-Grußkarte?

Was heißt das wohl? Geht er in Sack und Asche? Beschimpft er sich selbst? Begrüßt er Oprah mit einem Blumenstrauß mit „Sorry“-Grußkarte, im Rahmen der schonungslosen und aufrichtigen Reue? Fleht er um Verzeihung an, bettelt er womöglich um Dunkelhaft bei Wasser und Brot, sagt er: Ich war ein Drecksack, ich will in den Knast, macht mit mir, was ihr wollt!? Eher nicht. Armstrong ist Armstrong. Und Oprah ist Oprah.

Er hat sie sich ausgesucht. Und die Wahrheit, die er Oprah Winfrey und der Welt erzählen wird, wird seine Wahrheit sein, wohlüberlegt, klitzeklein kalkuliert. Er wird ein bisschen gestehen (denn zum dreisten Lügen ist es zu spät), er wird ein bisschen bereuen, sich ein bisschen entschuldigen – aber dann wird er vor allem andere beschuldigen und betont emotional sagen, dass er zwar ein kleiner Täter, aber vor allem ein großes Opfer ist, nämlich ein Verführter dieses verkommenen Systems mit dem brutalen Gesetz: Friss Pillen oder verlier. Es ist Armstrongs Show. Er bestimmt die Spielregeln.

Oprah Winfrey ist schon jetzt am Ziel

Nicht Oprah. Sie tut nur, was sie tun muss. Sie ist Amerikas bekannteste Talktante, und durch Armstrong wird sie jetzt noch bekannter. Er beschert ihr ein Milliardenpublikum. Alles andere ist zweitrangig in einer TV-Show, die Quote muss stimmen, und dafür würde sich jede ehrgeizige Talkmasterin notfalls sogar mit einem Suppenlöffel des männlichen Geschlechtshormons Testosteron dopen. Machen wir es kurz: Bevor die Show heute Nacht beginnt, ist Oprah schon am Ziel. Armstrong wird sich jedenfalls nicht grässlich vor ihr gefürchtet haben. Seine Gastgeberin, die von den Hintergründen des Sports sowieso ungefähr so weit entfernt ist wie die Sahara vom Schnee, wird ihn weder bloßstellen noch zwingen, wirklich reinen Tisch zu machen. Wenn er das wollte, hätte er zu der Aufzeichnung ­dieser Tage allein kommen können. Stattdessen ist er mit seinem ganzen Anwaltsstab und Beratergeschwader aufmarschiert, etwa zehn Mann hoch. Alle haben aufgepasst, dass nichts schiefgeht und die Fragen, die gestellt werden, zu den Antworten passen.

Im modernen Medienleben hat ein Superstar seine Berater für alles, für die Körpersprache, die Mimik der Stirnfalten, auch jede Gesichtszuckung ist kein Zufall, sondern ausgetüftelt und eintrainiert. Es geht ums Image, also vor allem um verdammt viel Geld, ein falsches Wort oder ein überstürztes Geständnis an der verkehrten Stelle, und die nächste Schadenersatzklage flattert noch während der Show herein. Deshalb wachen und schweben geistesgegenwärtige Rechtsanwälte wie ein Raketenabwehrsystem im Weltraum über so einem Interview, um notfalls noch schnell aus dem Internet eine neue „Sorry“-Software herunterzuladen, die eine perfekte und zeitgemäße Entschuldigung garantiert.

Modell Demut, aber nicht zu verschämt

Die schulmäßige Reue vor einer TV-Kamera muss man sich ungefähr so vorstellen: Grundhaltung etwas geknickt, Kopf leicht gebeugt, Gesichtsausdruck andeutungsweise zerknirscht, kurz: Modell Demut, aber nicht zu verschämt – das könnte als Eingeständnis von Schuld und Verfehlung auslegt werden und davon ablenken, dass man in Wahrheit ja Opfer der Umstände ist.

Ein Beispiel: Stefan Effenberg, der Fußballer, benahm sich bei einer Meisterfeier einmal übel daneben. Ein „Sorry“ hätte danach nicht mehr geholfen. Als Opfer musste er dringend rüberkommen, also sagte er anderntags ungefähr: Tut mir leid, aber ich konnte nichts dafür, schuld war der Alkohol, der hat mich besoffen gemacht. „Ist okay, Effe!“, verzieh ihm „Bild“ auf der Stelle, auf gut Deutsch: Prost, sauf weiter.

Eine Talkshow als perfekte Bühne

So ähnlich wird es Armstrong vermutlich bei Oprah versuchen. Von wegen Schurke, schuld ist das gnadenlose System, das Menschen manipuliert und zu abscheulichen Dingen treibt, die ihnen im Innersten grauenhaft zuwider sind – wie beispielsweise das Dopen. Für das Umsetzen dieses Gedankens ist eine Talkshow die perfekte Bühne, und unter dem Strich kommt es dann nur noch auf die Gewandtheit an, mit der Armstrong die entscheidenden Dinge erklärt oder weglässt, mal herzzerreißend, mal wütend, jedenfalls so emotional, dass der Zuschauer gar nicht auf die Idee kommt, die Frage zu stellen: War Armstrong nicht der Kopf des Systems, der Machthaber hinter der Manipulation, der Don Corleone dieser Mafia?

Ja, er wird auspacken, gegen sich, aber vor allem gegen andere, er war im Emotionszirkus immer ein großer Dompteur. Als kleines Rädchen im großen, sündigen, gierigen Millionenspiel wird er sich darstellen. Das ist die Kunst des perfekten Pardons – eine geschmeidige Entschuldigung ist wie eine gelungene Schwalbe im Strafraum,

Tränen als Schmieröl

Für den Fall, dass das Gegenteil passiert und alles ganz anders kommt heute Nacht bei Oprah, sagen wir hiermit schon einmal aufrichtig sorry. Aber bis es so weit ist, bleiben wir stur bei der Befürchtung, dass die Sache viel emotionaler werden könnte, als die knallharte Wirklichkeit es eigentlich erlaubt – also unter Beimischung der einen oder anderen Träne, als Schmieröl der Show.

Doch auch in dem Fall wäre nicht Lance Armstrong schuld. Er kann schließlich nichts dafür, dass die Zeit so ist: Früher ist man zur Beichte in die Kirche gegangen – heute geht man in die Talkshow.

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