Oskar-Beck-Kolumne Die Mutter des modernen Fußballs

Von Oskar Beck 

Die Fußball-WM der Frauen findet dieses Jahr im eigenen Land stadt. Und was wäre der deutsche Fußball ohne weiblichen Einfluss?

Dass Frauen-Fußball mittlerweile akzeptiert wird, ist nicht nur den Männern zu verdanken. Foto: dapd
Dass Frauen-Fußball mittlerweile akzeptiert wird, ist nicht nur den Männern zu verdanken. Foto: dapd

Stuttgart - Über uns Männer lässt sich beim besten Willen nicht viel Schlechtes sagen - auf der Suche nach einem Fehler fällt uns eigentlich nur unser lange gepflegtes Vorurteil ein, dass Frauen im Fußball nichts verloren haben. Aber das ist abgehakt.

Um des lieben Friedens willen haben wir kleinlaut beigegeben, und zwar dermaßen, dass wir die Frauen demnächst sogar in diesem Land eine Weltmeistschaft spielen lassen. Früher wären sie dafür eingesperrt worden - noch Mitte der 50er Jahre sagte der DFB-Präsident Peco Bauwens glaubhaft: "Fußball ist kein Frauensport." Und er hatte ein gutes Argument - denn es heißt nicht die Fußball, sondern der Fußball.

Der Fußball. Der Anpfiff. Der Pfosten. Der Konter. Der Torschuss. Der Eckball. Der Fallrückzieher. Der Schiedsrichter. Alles männlich. Weiblich? Spontan fiel einem da höchstens eines ein: Die Pfeife.

Schnee von gestern

Die Frau im Fußball war eine Pfeife, und zwar endgültig, als die TV-Moderatorin Carmen Thomas in der schwärzesten Stunde des ZDF-Sportstudios auch noch "Schalke 05" sagte oder dieselbe Sendung samstagabends von Christine Reinhart (einer Schauspielerin) oder von Doris Papperitz (einer Blondine mit betörenden Backengrübchen) präsentiert wurde - die Fachwelt sprach irgendwann nur noch von der "Sendung mit der Maus".

Das ist aber, wie gesagt, inzwischen der Schnee von gestern, und das ist nicht nur uns toleranten Männern zu verdanken, weil wir über unseren Schatten gesprungen sind - sondern auch so tapferen Frauen wie Ulla Holthoff.

Sie ist Sportjournalistin. Und an die Front gegangen ist sie im Fußball zu jener Zeit, als es für die Frau als solche noch bessere Ideen und wesentlich einfachere Dinge gab, als in unsere Männerdomäne einzubrechen. Solches wurde damals noch polizeilich verfolgt wie ein Ladeneinbruch, und sie hat es zu spüren bekommen: Als die ZDF-Redaktion, womöglich noch unter den Schalke-05-Nachwirkungen laborierend, für die Fußball-WM 1994 in den USA ihr Team nominierte, schaute die Kollegin Holthoff in die Röhre - und wechselte zornig zum DSF. Inzwischen ist sie beim Bayerischen Fernsehen federführend für den "Blickpunkt Sport", und kein Mann würde mehr behaupten, dass das dem Fußball schadet. Der deutsche Fußball wäre ohne Ulla Holthoff sogar arm dran.

Fragen Sie Jogi Löw.

König Otto war halt noch vom alten Schlag

Wir wollen gar nicht dran denken, was am Dienstag beim Länderspiel in Aserbaidschan alles hätte passieren können, wenn diese Pionierin nicht früh in ihrem Leben beschlossen hätte, dieses Spiel auch zur Frauensache zu machen. Das ging damit los, dass sie irgendwann einen Verteidiger von TuS Schloss Neuhaus mit ihrer Fußballbegeisterung so lange belagerte, bis er sie geheiratet hat - und was dabei an Gutem herausgekommen ist, hat man am Dienstag in Baku gesehen: Mats Hummels.

So wird man zur Mutter des deutschen Fußballs. Der Vater von Mats ist Hermann Hummels, er trainiert heute im Nachwuchsbereich des FC Bayern. Wir haben ihn erlebt, als er vor gut zwanzig Jahren mit dem damaligen VfB-Trainer Arie Haan in der Sporthochschule Köln den Trainerschein machte - und er war, so viel ist sicher, in puncto Mitspracherecht und Kompetenz der Frau im Fußball weit aufgeschlossener als, sagen wir einmal, Otto Rehhagel. Der hat nämlich die angehende Mutter des heutigen Nationalspielers Mats einmal ziemlich gegen die Wand laufen lassen. Das war in ihrer frühen Zeit als Redakteurin bei der "Welt". Sie rief ihn an und fragte, ob er für ein Interview zu haben sei, und der Dialog ging ungefähr so:

Rehhagel: "Ja gut, dann verbinden Sie mich mal."

Holthoff: "Verbinden? Mit wem?"

Rehhagel: "Mit dem zuständigen Redakteur."

Holthoff: "Nein, nein - ich werde das Interview mit Ihnen führen."

Rehhagel: "Sie?? Ist denn kein Mann da?"

Holthoff: "Das schon. Aber ich bin mit dem Thema betraut worden."

Rehhagel: "Verstehen Sie denn was von Fußball?"

Holthoff: "Davon können Sie mal ausgehen."

Rehhagel: "Wissen Sie, was Abseits ist?"

Holthoff: "Sie etwa nicht?"

Rehhagel: "Wollen Sie mich provozieren? Wie heißen Sie überhaupt? Holthoff?? Nie gehört."

Holthoff: "Wir sind uns schon einige Male begegnet."

Rehhagel: "So? Na, wenn Sie hübsch wären, wären Sie mir auch in Erinnerung geblieben."

Holthoff: "Für Ihren Geschmack kann ich nichts."

Rehhagel: "Was wollen Sie überhaupt von mir wissen?"

Holthoff: "Zum Beispiel, warum so kurz vor Saisonbeginn so viele Ihrer Spieler verletzt oder angeschlagen sind. Haben Sie in der Vorbereitung vielleicht zu scharf oder zu viel trainiert?"

Rehhagel: "Wissen Sie was, jetzt reicht's mir. Sie wollen mich nur provozieren. Ich beende jetzt das Gespräch." Und er legte auf.

König Otto war halt noch vom alten Schlag. Für ihn regierte König Fußball, nicht Königin Fußball - und deshalb hat er dieser jungen Journalistin nicht zugetraut, die undurchsichtigen Sachverhalte der kontrollierten Offensive aus der Tiefe des Raums oder den tieferen Sinn eines Dreimeterpasses in die Breite mit ihm würdig zu diskutieren. Aber Ulla Holthoff ist am Ball geblieben, sie hat sich durch nichts beirren und sich ihre Liebe zum Fußball nicht nehmen lassen, und wir können darüber alle heilfroh sein, samt Jogi - zu zehnt hätten wir sonst am Dienstag gegen Aserbaidschan spielen müssen.