Am Mittwoch spielt die Fußball-Nationalmannschaft in Stuttgart gegen Chile. Unser Kolumnist erinnert sich an das letzte Aufeinandertreffen, 1960 im Neckarstadion. Oskar Beck war damals zehn Jahre alt.
Stuttgart - Man fragt sich manchmal verblüfft: Warum bin ich eigentlich ausgerechnet das geworden, was ich geworden bin?
Also zum Beispiel Sportjournalist?
Kein normaler Mensch kommt freiwillig auf eine solche Idee. Man muss zu diesem Beruf gezwungen werden, und bei mir war es Onkel Jakob. Der war Fußballer, laufstark, ein ganz verrückter, und eines Tages zwinkerte er mir zu, zückte zwei Eintrittskarten und sagte: „Bua, willsch mit ins Stadion, zum Länderspiel?“
Das erste Länderspiel. Was für ein Gefühl das ungefähr ist? Der Dortmunder Altnationalspieler Steffen Freund, hat es einmal umwerfend so beschrieben: „Es war ein wunderschöner Augenblick, als der Bundestrainer sagte: Komm Steffen, zieh deine Sachen aus, jetzt geht’s los.“
Stuttgart, Neckarstadion. 23. März 1960. Deutschland gegen Chile. Wir sitzen in der Cannstatter Kurve, mitten hinter dem Tor, und an dem Tag springt der Funke des Fußballs auf mich über. Ich weiß noch alles. Ein Bub mit zehn vergisst nichts.
Nicht einmal den Schiedsrichter. Gottfried Dienst. Ja, genau der. Sechs Jahre später, in Wembley, fragt diese gottlose Schweizer Pfeife draußen an der Kalklinie den fahnenschwenkenden Schnauzbart Bakhramow, ob der Ball drin war. Der Verkalkte nickt dem Blinden zu, und die Engländer sind Fußball-Weltmeister. Aber jetzt, im März 1960 in Stuttgart, lässt sich der Strolch dieses spätere Schurkenstück noch nicht anmerken, sonst würde ihn mein Onkel Jakob mit dem Regenschirm jagen, der ansonsten nicht eingesetzt werden muss, denn das Wetter ist gut, jedenfalls besser als das Spiel.
Ich weiß noch, dass das Stadion gellend pfeift. „Ei-ei-ei!“ stöhnt Onkel Jakob immer wieder und wirft fast mit dem Hut. „Mit dem Schlienz wär’s besser“, ahnt er und vermisst unseren VfB-Altnationalspieler Robert Schlienz. Der konnte alles, nur keinen regulären Einwurf, denn er hatte nur einen Arm.
Dafür ist als Publikumsliebling Uwe Seeler dabei. „Uwe! Uwe!“ ruft das Stadion, wenn der Dicke mit dem hohen Scheitel voraus zum Kopfstoß hochsteigt. Der Hamburger trägt schon jetzt, relativ jung, seinen berühmten Uwe-Seeler-Gedächtnishaarschnitt und dazu seine dicken, gestrickten Stutzen und sein warmes Baumwolltrikot, das bei Regen noch einläuft. Ein tolles Erlebnis ist auch das Neckarstadion. Es hat noch kein Dach, aber dafür eine Kurve, und die Spieler haben beim Eckball noch Platz, was nicht in jedem Stadion damals so ist. Die Glückaufkampfbahn in Gelsenkirchen beispielsweise hat Willi Koslowski, Schalkes unvergessener Rechtsaußen, später so geschildert: „Wenn man eine Ecke schießen wollte, musste man die Leute erst beiseite schieben. Und als ich einmal einwerfen wollte, saß da ein Opa an der Linie, der mich mit seinem Krückstock am Fuß festhielt.“
Andere Zeiten, andere Krücken
Koslowski ist gegen Chile nicht mit dabei, denn Helmut („Boss“) Rahn, der WM-Held von Bern anno 54, will es rechts draußen noch einmal wissen. Aber immer öfter muss der Bundestrainer Herberger den lebenslustigen Boss von einer Theke holen, und Rahn gilt inzwischen als erster Fußballer, der in Zeitlupe spielt, obwohl es eine solche noch gar nicht gibt.
Das Chile-Spiel wird auch im Fernsehen übertragen, erstes Programm und schwarz-weiß, denn mehr gibt es nicht. Es ist noch ungefähr so wie drei Jahre später, als die Bundesliga startet, woran sich Ernst Huberty, der erste „Mister Sportschau“, wunderbar erinnert: „Das Filmmaterial wurde noch mit dem Hubschrauber aus den Stadien ins WDR-Studio nach Köln gebracht. Einmal mussten wir bei Nebel auf einem Hof notlanden. Die Bäuerin hat uns den Weg gewiesen – Richtung Autobahn und immer den Lichtern nach.“
Noch komplizierter geht es in jenen Jahren höchstens mit den Filmrollen zu, die von der WM 1962 in Chile nach den Spielen mit der Lufthansa nach Deutschland geflogen werden. Die Bilder gibt es zwei Tage danach, als Konserve, darunter das 2:0 gegen Chile. Auch da trifft Seeler. Wie schon im Neckarstadion. Dort steht es am Ende 2:1, dank Uwe und Helmut Haller.
Im Übrigen ist auch der VfB am Sieg in gewisser Weise beteiligt, denn Helmut Benthaus, der spätere Stuttgarter Meistertrainer, spielt rechter Läufer, und der linke ist Jürgen Sundermann. Ihr Auftritt ist nicht direkt so, dass alle Welt heute noch lauthals Hurra schreien würde, aber als Bub mit zehn prägst du dir jeden ein, den du bei deinem ersten Länderspiel gegen den Ball hauen siehst.
Beim Schlusspfiff ist jedenfalls klar: Wenn ich groß bin, werde ich Sportjournalist. Und sechzehn Jahre später, in den Abgründen der zweiten Liga, passiert mir als VfB-Reporter dann das Folgende. Bei einem Spiel in Waldhof sehe ich in der Ecke des Stadionheims einen Lockenkopf und erzähle ihm, dass ich ihn gegen Chile bewundert habe, und er sagt: „Ich bin jetzt Trainer bei Servette Genf.“ Am nächsten Tag heißt meine Überschrift: „Jürgen Sundermann wird Trainer beim VfB.“
Ohne dieses Länderspiel gegen Chile 1960 hätte ich den späteren Wundermann nicht erkannt, und hier würde jetzt vermutlich auch keine Kolumne stehen, denn ich hätte einen ehrbaren, bürgerlichen, fußballlosen Beruf ergriffen – und wüsste bis heute nicht, dass gleiche Höhe an jenem wunderbaren 23. März 1960 noch Abseits war.