Oskar-Beck-Kolumne Es gibt auch glückliche Schiedsrichter

Die Schiedsrichter im American Football sind glücklicher. Foto: dpa 2 Bilder
Die Schiedsrichter im American Football sind glücklicher. Foto: dpa

Nach der Tragödie um Schiedsrichter Babak Rafati werden viele Fragen gestellt – die beste Antwort darauf haben die Amerikaner.

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Stuttgart - Jeder Blick über den eigenen Tellerrand erweitert den Horizont, und die Amerikaner sind diesbezüglich nach wie vor hilfsbereit. Man kann über sie sagen, was man will - aber im Land der unbegrenzten Möglichkeiten sind immer noch Dinge möglich, die wir Deutschen für unmöglich halten.

Sogar glückliche Schiedsrichter.

Vor ein paar Tagen haben wir uns zum Zweck der Weiterbildung das Spiel der New England Patriots gegen die Kansas City Chiefs angeschaut, in der Profiliga des American Football (NFL). Das ist jener eigenartige Sport, in dem der Ball ein Ei ist und beide Trainer das Recht haben, zweimal während eines Spiels Einspruch zu erheben, wenn sie eine Entscheidung des Schiedsrichters für anfechtbar halten. Die Schiedsrichter sind dafür dankbar. Sie lassen sich geschwind das Video mit der heiklen Szene kurz noch einmal zeigen, bestätigen oder korrigieren dann ihre Entscheidung - und weil die Trainer, die Spieler, die Fans und die Kritiker dieses unbestechliche, oberschiedsrichterliche Auge der Kamera als höchste Instanz akzeptieren, geht das Spiel danach ohne Zerwürfnisse weiter.

US-Schiedsrichter ahnt gar nicht, was Stress ist

Doch das Schönste: der Schiedsrichter ist aus dem Schneider. Kein böses Wort, ja nicht einmal die geringste Ehrenrührigkeit muss sich daher ein US-Footballschiedsrichter anlässlich eines Spiels anhören - kurz gesagt: er ahnt gar nicht, was Stress ist.

Sie lachen sogar mitten im Spiel, diese Footballschiedsrichter. Sie haben Spaß. Sie wissen, dass kein Fernsehgericht tagt, um ihnen hinterher mit der verlangsamten Zeitlupe den Prozess zu machen, und angesichts ihrer Freude bestätigt sich wieder einmal, warum die frei laufenden Hühner glücklicher sind als solche, die man einzwängt in Legebatterien, und die dann unter dem panischen Erwartungsdruck faule Eier legen. Das einzige Ei, das die Schiedsrichter im NFL-Football legen, ist der Ball, und zwar auf den Boden - und los geht's.

Das ist ein Leben. Keiner sitzt ihnen im Nacken. Nie sind sie am Ende der Depp, kein Fehler wird ihnen zur Last gelegt. Kein Amerikaner würde deshalb auf die Idee kommen, hinter dem Selbstmordversuch eines Footballschiedsrichters den Leistungsdruck zu vermuten, keiner würde von den Kritikern mehr Sensibilität und Respekt bei der Unparteiischenbeurteilung fordern - oder gar, wie es zuletzt nach der Tragödie um den Fußball-Bundesligaschiedsrichter Babak Rafati aus den Reihen der deutschen Politik passiert ist, ein Frühwarnsystem zum inneren Zustand der Schiedsrichter.




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